04. Oktober 2018, 22:02 Uhr

Hilfskraft ersetzt Erzieherin nie

04. Oktober 2018, 22:02 Uhr

Erzieherinnen sind kaum noch zu finden. Und wer ohne diese aufwendige Ausbildung gern in Kindertagesstätten arbeiten würde, hatte bisher keine Chance dazu. Vor diesem Hintergrund plant die Stadt Gießen einen Tabubruch: Sie will – wie berichtet – Hilfskräfte in der Kleinkinderbetreuung einsetzen. Diese dürften nie die Aufsichtspflicht anstelle einer Erzieherin oder eines Erziehers übernehmen. Das stellte Bürgermeisterin Gerda Weigel-Greilich im Stadtparlament klar.

Der Linke-Stadtverordnete Michael Janitzki listete eine Reihe von Fragen zu dem Pilotprojekt auf, das der Jugendhilfeausschuss im Juni beschlossen hatte. Die Grünen-Politikerin erläuterte unter anderem das angepeilte Gehalt. Denkbar sei eine Eingruppierung in die S2-Stufe I. Das würde (bei einer Vollzeitstelle) 2180 Euro brutto bedeuten. Deutlich mehr verdienen Erzieher schon im ersten Jahr, nämlich zwischen 2690 (Bachelorabschluss, keine Berufserfahrung) und 2920 Euro (nach Anerkennungsjahr).

Ob die Hilfskräfte in Vollzeit arbeiten, hänge von der Größe einer Einrichtung und den dort vorhandenen Gruppen ab, erläuterte Weigel-Greilich weiter. Pro Krabbelgruppe seien zehn Stunden zusätzliche Arbeitszeit wöchentlich vorgesehen, und zwar flächendeckend – egal wer die Kita betreibt – und verpflichtend. Insgesamt gibt es in Gießen 75 »U3«-Gruppen. Frühestens im August 2019 sollen die ersten Kräfte beginnen.

Der Personalrat der Stadtverwaltung war laut Weigel-Greilich nicht mit dem Vorhaben befasst. Der Fachausschuss Kinderbetreuung – ein Untergremium des Jugendhilfeausschusses – werde einheitliche und verbindliche Kriterien für die Anforderungen entwickeln und mit den freien Trägern abstimmen. Auch wer welche Qualifizierungsmaßnahmen durchlaufen soll, werde dort geregelt.

Weniger Gehalt, andere Aufgaben

Ebenfalls solle der Fachausschuss genauer festlegen, welche Tätigkeiten die Zusatzkräfte ausüben können. Im Jugendhilfeausschuss wurden als Beispiele »alltagsunterstützende« Aufgaben wie Wickeln genannt. In jedem Fall werde sich der Arbeitsbereich von dem der Erzieher unterscheiden, betonte die Bürgermeisterin. Ihre Antwort auf Janitzkis Frage, ob eine solche Kraft »ausnahmsweise zwei bis drei Stunden lang« die Aufsichtspflicht für einen Erzieher übernehmen darf: »Nein.«

Auch auf den Personalschlüssel sollen die Zusatzmitarbeiter nicht angerechnet werden. Das Hessische Kinderförderungsgesetz Kifög sieht eine ausgebildete Fachkraft pro sechs Kinder vor. Die Stadt Gießen schreibt ein noch besseres Verhältnis von 1:5 vor.

Die Anforderungen für die Erzieherausbildung sind in den letzten Jahrzehnten stetig auf ein fast akademisches Niveau gestiegen; auch deshalb fehlen Fachkräfte. Als Hilfskräfte in Frage kommen nun beispielsweise (ehemalige) Tagesmütter und -väter, die bisher auch nach langer Berufserfahrung keine Chance auf eine Festanstellung in Kitas haben; oder Hauswirtschaftskräfte, die in anderen Bereichen der Kita mehr mitarbeiten möchten. Alle sollen aus pädagogischen Gründen möglichst »dauerhafte Bezugspersonen« sein. Ein eigenes Modellprojekt »Kita-Einstieg« ist geplant für Migranten mit in Deutschland nicht anerkannter Ausbildung.

Auf die Eltern kommen dadurch keine Mehrbelastungen zu. Das Jugendamt wolle die jährlichen Kosten von etwa 500 000 Euro für 15 Vollzeitstellen alleine tragen, hieß es im Jugendhilfeausschuss.

Dort betonten Expertinnen, das Vorhaben sei in ihren Augen kein »Notnagel«, sondern eine sinnvolle Ergänzung. Neuere Studien belegten, dass eine zu dünne Personaldecke im U3-Bereich zu Verhaltensauffälligkeiten führen könne. Unter anderem bräuchten die ganz Kleinen noch Unterstützung beim Austragen von Konflikten.

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