28. März 2017, 11:40 Uhr

Bildung

Ausweg Privatschule

Neben der staatlichen Grundschule gehen immer wieder Kinder auf Privatschulen - weil sie nicht mitkommen, weil die Eltern es so wollen, weil die Lehrer überfordert sind. Ein Trend? Wir haben nachgefragt.
28. März 2017, 11:40 Uhr

Von Armin Pfannmüller , 2 Kommentare
Vorteil Personalschlüssel: An der Sophie-Scholl-Schule kümmern sich in einer Klasse ein Lehrer und ein Erzieher um die Kinder. (Foto: Schepp)

Wenn nach den Sommerferien für die Erstklässler der sogenannte »Ernst des Lebens« beginnt, ist der weitere Weg vorgezeichnet. Die Kinder bleiben bis zum Abschluss der vierten Klasse an der Grundschule, danach steht der Wechsel an eine weiterführende Bildungseinrichtung an. Doch das gilt nicht für alle der mehr als 8600 Erst- bis Viertklässler in Stadt und Landkreis. Rund zwei Dutzend Eltern haben ihre Kinder während der Grundschulzeit abgemeldet, um sie anschließend an Sophie-Scholl- oder August-Hermann-Francke-Schule zu schicken. Das haben die beiden Gießener Privatschulen auf Anfrage der Gießener Allgemeinen Zeitung bestätigt. Dass sich immer mehr Grundschullehrer über Arbeitsüberlastung beklagen, weil ihre Aufgabenfülle infolge Inklusion, Integration und Ganztagsangeboten immer größer wird, hat diese Zeitung erst vor Kurzem berichtet.

»Wir haben für unseren Sohn die Reißleine gezogen«, sagt die Mutter eines Zehnjährigen im GAZ-Gespräch. Nach zwei Jahren an einer Grundschule im Kreis habe man das Kind abgemeldet und an die Sophie-Scholl-Schule geschickt. Dabei sei der Start an der staatlichen Schule problemlos verlaufen. Mit Beginn des zweiten Halbjahrs sei der Sohn allerdings »mehr und mehr zum Außenseiter« gestempelt worden, berichtet die 46-Jährige. Die Schule habe sich damit allerdings nicht befassen wollen. Als schließlich noch Eltern aus der Klasse sich gegen das Verhalten ihres Sohnes gewandt hätten, habe man das Kind »komplett rausgenommen«.


Ein Lehrer und ein Erzieher pro Klasse

Nach einer dreimonatigen Diagnostik in der Kinder- und Jugendpsychiatrie habe man den Jungen mit Beginn des dritten Schuljahrs an der Sophie-Scholl-Schule angemeldet. »Alles läuft zu unserer großen Zufriedenheit«, erklärt die Mutter. »Man nimmt die Kinder dort so an wie sie sind.« Pro Klasse gebe es einen Lehrer und einen Erzieher. Für Kinder mit einem »gewissen Förderbedarf« sei die Sophie-Scholl-Schule ideal.

Diese Einschätzung bestätigt ein Vater, dessen Tochter mittlerweile ebenfalls die Privatschule an der Grünberger Straße besucht. Auch die zehnjährige Legasthenikerin hat zunächst die Grundschule in einer (anderen) Kreisgemeinde besucht. »Wäre sie dort geblieben, wäre sie untergegangen«, vermutet der 47-Jährige. Die Lehrerinnen habe man oft als überlastet erlebt, berichtet der Vater, der Verständnis äußert für die staatlichen Grundschulen. Hier passe die Fülle der Aufgaben oft nicht mit dem vorhandenen Personal zusammen. Konsequenzen habe die Familie schließlich nach einem Vormittag gezogen, an dem eine schriftliche Arbeit anstand. »Wir schreiben eine Klassenarbeit, aber du musst sie nicht mitschreiben«, habe die Lehrerin gesagt. An diesem Tag sei die Tochter heulend nach Hause gekommen. »Wir haben uns Sorgen gemacht, dass sie aggressiv oder depressiv werden könnte«, begründet der Vater den folgenden Schulwechsel. An der Sophie-Scholl-Schule »werden die Kinder dort abgeholt, wo sie sind«, sagt der Mann. Auch die Erfahrung im Umgang mit behinderten Kindern tue der Tochter gut.


Kapazität an August-Hermann-Francke-Schule begrenzt

Mehr als ein Dutzend Anfragen von »Quereinsteigern« hat die August-Hermann-Francke-Schule registriert. »Wir konnten nicht alle aufnehmen, weil unsere Kapazität begrenzt ist«, sagt Lothar Jost. Der Leiter der christlichen Privatschule sieht die ruhige und gute Lernatmosphäre sowie die Kombination aus freien und strukturierten Unterrichtsphasen als zwei von mehreren Pluspunkten. »Viele Schüler brauchen eine klare Anleitung«. Dieses Prinzip werde an der AHF-Schule ebenso verfolgt wie die Tatsache, dass von Anfang an auf die korrekte Rechtschreibung geachtet wird. Bei Defiziten »bieten wir eine zielgerichtete Förderung an und beziehen die Eltern mit ein«.

Dass die Aufgabenfülle an Grundschulen durch das Thema Inklusion, die Ausweitung des Ganztagsangebots und die Integration von Flüchtlingskindern größer geworden ist, räumt Volker Karger ein. »Damit können sich einzelne Eltern nur schwer identifizieren«, hat der stellvertretende Leiter des Staatlichen Schulamts beobachtet. Richtig sei auch, dass Privatschulen einen größeren personellen Spielraum haben als staatliche Einrichtungen. Dafür sei der Besuch einer privaten Schule für Eltern auch mit monatlichen Kosten verbunden. Karger sieht an Privatschulen allenfalls einen »mäßigen Zuwachs«, von einem Trend könne man schon gar nicht sprechen.


Keine Konkurrenz zu staatlichen Grundschulen

Diese Aussagen werden durch Zahlen bestätigt. Im Schuljahr 2015/16 haben 2228 Kinder die Gießener Grundschulen besucht, aktuell sind es mit 2325 knapp 100 Schüler mehr, berichtet Schulverwaltungsamtsleiterin Uta Hinkelbein. An den 39 Grundschulen des Kreises sind im laufenden Schuljahr 6311 Kinder registriert.

Man sei nicht angetreten, um anderen Grundschulen die Schüler abzuwerben, stellt Ralph Schüller klar. Gleichwohl berichtet der Leiter der Primarstufe der Sophie-Scholl-Schule, dass man rund zehn Kinder von anderen Schulen als »Quereinsteiger« aufgenommen habe. Dies seien Schüler mit Förderbedarf, aber auch Kinder, die Probleme mit dem Lernen haben oder an ihrer alten Schule gemobbt worden seien. Zu den Säulen an der Sophie Scholl-Schule gehöre die inklusive Beschulung (»Bei uns haben 25 Prozent der Kinder Förderbedarf«) und das soziale Lernen. Der Ganztag spiele ebenso eine wichtige Rolle wie die Jahrgangsmischung der Klassen. »Alle arbeiten an unterschiedlichen Dingen.« Ein weiteres Plus sei der gute Personalschlüssel. Pro Klasse gebe es 1,5 Lehrer- und 0,5 Erzieherstellen sowie zusätzlich Absolventen eines Freiwilligen Sozialen Jahrs (FSJ).

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