11. August 2018, 09:00 Uhr

Tod

Asche zu Asche: Hinter den Kulissen des Krematoriums Gießen

Drei Kilogramm Asche. Mehr bleibt nicht übrig, wenn ein Mensch verbrannt wird. Ein Blick hinter die Kulissen des Gießener Krematoriums.
11. August 2018, 09:00 Uhr

Mit einem kräftigen Ruck schiebt Ulrich Jochim die Metalltür zur Seite. Eisige Kälte schlägt ihm entgegen – und ein süßlicher Geruch. Er stammt aus einem der 21 Särge, die vor ihm in der Kühlhalle lagern. Der 52-Jährige zuckt mit den Schultern. »Ich rieche das schon gar nicht mehr.« Der Geruch wird aber ohnehin bald verflogen sein. Denn die schlichten Holzkisten werden in den nächsten Stunden nach und nach in den Verbrennungsofen geschoben. Was bleibt, sind drei Kilogramm Asche.

 

Zehn Einäscherungen pro Tag

Man sagt, der Tod gehöre zum Leben. Trotzdem ist er für die meisten Menschen abstrakt, unwirklich. Für Jochim und Kollegen Heiko Hederich ist der Tod real. Die Männer arbeiten im Krematorium am Neuen Friedhof. Vor fünf Jahren haben die Stadtwerke die Einrichtung übernommen und umfassend saniert. Die Umbaumaßnahmen waren auch nötig, weil Feuerbestattungen immer beliebter werden. »Mit 75 Prozent im Raum Gießen sind sie die mit Abstand meistgewünschte Art der Beisetzung. Wir haben pro Monat etwa 200 Einäscherungen«, sagt Jochim. Macht zehn Särge, die das Team jeden Werktag in den Ofen befördert.

Im Leichnam ist kein Leben mehr. Das hilft beim Loslassen

Heiko Hederich

Der Tod als Routine? Hederich überlegt einen Moment. »In gewisser Weise ja. Man hat gelernt, damit umzugehen.« Zumal viele der Verstorbenen im gesetzten Alter seien. »Sie haben ihr Leben gelebt. Solche Personen einzuäschern, belastet nicht.« Manchmal seien die Abschiednahmen regelrecht friedlich. »Wenn die Tür des Ofens runterfährt, realisiert man: Jetzt ist der Körper weg. Man spürt die Trennung von Körper und Seele. Im Leichnam ist kein Leben mehr. Das hilft beim Loslassen.«

Doch es gibt auch Situationen, die für die Mitarbeiter sehr belastend sind. Zum Beispiel, wenn Kinder sterben. Oder Menschen aus dem Leben gerissen werden. Jochim muss dabei an zwei junge Männer denken. Ein Autounfall. »Die Eltern und Freunde waren bei der Einäscherung dabei. Die Schreie der Mutter höre ich noch heute.«

 

Per Knopfdruck in den Ofen

Plötzlich klingelt es an der Tür. Ein Bestatter will einen Leichnam anliefern. Hederich kümmert sich um den Papierkram und befördert den Sarg in die Kühlhalle. Jochim nutzt die Zeit für einen Rundgang. Der 52-Jährige zeigt den Raum, in dem der Pathologe die zweite Leichenschau vornimmt, die Halle, wo die Toten bis zur Einäscherung lagern sowie den Andachtsraum, in dem sich die Angehörigen nicht nur verabschieden, sondern auch das Einfahren in den Ofen am Bildschirm verfolgen können.

 

Viele Auflagen

So emotional die Einäscherung ist, so bürokratisch und technisch ist der Vorgang. Das zeigt sich beim Blick auf die Ofenanlage. Vorgaben des Bundesimmissionsschutzgesetzes müssen eingehalten werden, Rauchgase, Dioxine und Furane dürfen den Schornstein nicht verlassen. So perfide es klingt: Wegen der vielen Giftstoffe, die sich in einem Menschenleben in den Organen ansammeln, werden Leichen als Sondermüll eingestuft. Neben dem Schieber, der den Sarg in den 750 Grad heißen Ofen befördert, befindet sich daher ein kleines Kontrollzentrum. Ein Kollege von Jochim sitzt vor zwei Bildschirmen, die den Vorgang dokumentieren. Nichts wird dem Zufall überlassen, alles wird vom Computer gesteuert. »Wir sind das einzige Krematorium in Deutschland, das klimaneutral arbeitet«, sagt Jochim und fügt an, dass neben der Technik auch das Team viele Vorgaben zu beachten habe. »Der Mensch muss mindestens 48 Stunden tot sein, bevor er verbannt werden darf. Mehr als 96 Stunden dürfen es laut Gesetzgeber aber auch nicht sein. Die Mindesteinäscherungszeit beträgt 50 Minuten. Im Durchschnitt dauert es 70 Minuten, bei stark adipösen Personen kann es auch zwei Stunden dauern.« Was am Ende übrig bleibt, ist eine Etage tiefer zu sehen.

 

Konkurrenz aus Osteuropa

Auf dem Weg in den Keller erzählt Jochim, dass es in der Branche nicht nur um Pietät, sondern immer häufiger auch um Profit gehe. In Polen oder Tschechien beispielsweise gebe es kaum gesetzliche Vorgaben, weshalb Einäscherungen dort deutlich billiger seien. Aber auch vor der Haustüre habe das Gießener Krematorium mit Konkurrenz zu kämpfen. »Es gibt mehrere private Anbieter rund um Hessen, die bei den Bestattern massiv Werbung betreiben.« Von Frankfurt oder Koblenz aus würden die Unternehmer mit Kleintransportern durch das Land tingeln und die Ladeflächen mit Särgen beladen. Nach der Einäscherung gelange die Asche per Post zu den Bestattern. Jochim: »Mit Pietät hat das nicht mehr viel zu tun.«

 

Prothesen werden verkauft

Ankunft im Keller. Im Zentrum steht der aus drei Kammern bestehende Etagenofen. Nachdem der Leichnam verbrannt ist, wird die Asche in einer Zwischenkammer mineralisiert, damit keine Holzkohle übrig bleibt. Im untersten Fach kühlt sie dann ab. »Anschließend wird sie von uns per Hand vorsortiert«, erklärt Jochim. Dann streift er sich Handschuhe über und greift in einen großen Eimer. Er fischt er eine 40 Zentimeter lange Eisenstange heraus. »Damit wurde vermutlich mal ein Oberschenkelhalsbruch fixiert.« Nach und nach legt er weitere Metallteile auf den Tisch. Künstliche Hüft- oder Kniegelenke, Knochennägel und jede Menge Prothesen, die das Feuer überlebt haben. »Die bestehen aus Titan oder Chrom. Wir verkaufen sie an eine Firma, die das Metall wiederverwertet. Die Erlöse spenden die Stadtwerke an caritative Einrichtungen.«

Bürokratische Vorgaben, technische Herausforderungen und viele Konkurrenten: Das Team des Krematoriums schafft es trotz dieser Gemengelage, die Pietät aufrechtzuerhalten – und dabei auch noch Spaß zu haben. Als Jochim nach dem Rundgang am Eingang ankommt, flachsen seine Kollegen mit einem Bestatter. Auch er steigt in die Plauderei ein. Später wird er erzählen, dass der Spaß genauso zum Beruf gehöre wie das Trösten der Angehörigen oder das Verbrennen der Leichen. »Wir lachen viel«, sagt der 52-Jährige. »Aber nie auf Kosten der Toten.«

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