04. März 2010, 16:38 Uhr

Schulbild von 1919 erinnert an jüdische Kinder in Langsdorf

Lich (bf). Schon mehrmals trafen sich die Mitglieder der Langsdorfer »AG Dorfgeschichte - Juden in Langsdorf«. Man will sich mit der Langsdorfer Geschichte beschäftigen und speziell die letzten Erinnerungen an die früher in Langsdorf lebenden Juden wach halten und dokumentieren.
04. März 2010, 16:38 Uhr
Das von Brigitte Block zur Verfügung gestellte Foto der Langsdorfer Schüler. (Foto: bf)

Die Gruppe gründete sich auf Anregung von Ursula Jack aus Berlin. Sie wurde in Langsdorf geboren und ist stark an ihrer Heimatgemeinde interessiert. Initiatoren sind auch Pfarrer Hans Peter Gieß, Ortsvorsteher Günter Block und andere.

Der Gruppe angeschlossen hat sich Hanno Müller aus Fernwald-Steinbach, der die Genealogie der früher in Langsdorf lebenden Juden erarbeitet hat. Die Ergebnisse werden demnächst in dem Buch »Juden in Lich und seinen Stadtteilen« (darunter auch die von Reiskirchen-Ettingshausen, die auf dem jüdischen Friedhof in Lich begraben wurden) von der Ernst-Ludwig Chambré-Stiftung in Lich veröffentlicht werden. In diesem Buch wird Friedrich Damrath aus Lich die Grabsteine der Langsdorfer Juden auf dem jüdischen Friedhof in Hungen, die Grabsteine auf den beiden jüdischen Friedhöfen in Muschenheim und die Grabsteine der Juden aus Lich und Ettingshausen auf dem Friedhof in Lich beschreiben. Außerdem wird das Buch noch Aufsätze von Monica Kingreen und Dr. Klaus Konrad-Leder enthalten.

In der letzten Sitzung der Arbeitsgemeinschaft las Rudolf Krätschmer Auszüge aus einem Brief vor, den Fritz Oppenheimer, Sohn des Sally Oppenheimer, der mit seiner Familie 1936 noch nach Palästina emigrieren konnte, nach dem Krieg an eine Langsdorfer Familie schrieb und in dem er seine Erinnerungen an seine Schulzeit in Gießen und den schweren Neuanfang in einem Kibbuz in Palästina schilderte.

Sehr erfreut waren die Mitglieder der Arbeitsgruppe auch über ein von Brigitte Block zur Verfügung gestelltes Schulbild aus dem Jahre 1919. Abgebildet ist darauf die Langsdorfer Unterklasse (1. bis 4. Schuljahr) mit ihrem Lehrer Hans Peter Glück. Glücklicherweise hatte vor Jahren eine Langsdorferin auf der Rückseite des Bildes die Namen der abgebildeten Schüler vermerkt. Zusammen mit ihren christlichen Mitschülern sind auch vier Kinder aus Langsdorfer Judenfamilien und ein damals in Langsdorf als Pflegekind in der Familie Ferdinand Goldstein lebendes Waisenkind (Jakob Romoff, letzte Reihe, zweites Kind von rechts) aus Frankfurt abgebildet.

In der ersten Reihe, zweiter von rechts, sitzt Siegfried Oppenheimer, Sohn des 1934 bei einem Überfall von SS-Leuten getöteten Moritz Oppenheimer. Siegfried emigrierte mit seiner Mutter und zwei Brüdern in die USA.

Hinter dem Jungen mit der Tafel steht Siddy Nelkenstock, Tochter des Isaak Nelkenstock. Sie ging 1933 nach Luxemburg, 1936 nach Frankreich und später nach Argentinien, wohin auch ihr Vater emigriert war. Die Mutter war 1937 in Butzbach gestorben. Siddy besuchte 1991 Langsdorf und wohnte für 14 Tage im Hause des Ortsvorstehers Günter Block.

Bei dem dritten Mädchen (von links) in der zweiten und dem vierten in der dritten Reihe (mit Haarschleifen und Kleidern im Matrosen-Look) handelt es sich um die Schwestern Zessi und Emmi Oppenheimer, Töchter des Hermann Oppenheimer und der Gitta Ida geb. Grünebaum. Die Familie zog einige Monate, nachdem die Aufnahme gemacht worden war, nach Hungen. Zessi, Emmi und ihre drei Geschwister konnten dem Holocaust durch Emigration entgehen, die Eltern wurden aus Frankfurt nach Theresienstadt und von dort nach Auschwitz deportiert und vergast. Emmi heiratete Arthur Grünebaum und starb 1970 in Johannesburg in Süd-Afrika. Zessi war Röntgenassistentin, heiratete Willi Nelkenstock und starb 2003 in New York in den USA.

Die Mitglieder der AG wollen mit diesem Artikel auf ihre Arbeit aufmerksam machen und hoffen, dass möglichst viele Langsdorfer ihre Arbeit unterstützen. Jedermann ist herzlich zu den Treffen eingeladen. Sehr freuen würden sich die Mitglieder, wenn ihnen für ihre Arbeit Bilder, vor allem Schulbilder, Briefe, Dokumente, alte Rechnungen, Zeitungsanzeigen usw., die in irgendeiner Weise an die früher in Langsdorf lebenden Judenfamilien erinnern, zur Auswertung zur Verfügung gestellt werden würden. Nach der Auswertung werden sie selbstverständlich wieder an die Besitzer zurück gegeben. Die Ergebnisse sollen später in einer Dokumentation veröffentlicht werden, zum Gedenken an die Langsdorfer Juden soll eine Gedenkplatte oder ein Gedenkstein errichtet werden (HM).

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