15. Dezember 2017, 19:25 Uhr

Die Kinokritik

Spitzer Blick aufs Liebesleben – »Meine schöne innere Sonne«

Wenn die Suche nach der großen Liebe an den eigenen unrealistischen Ansprüchen scheitert – kann das auch eine gute Geschichte für eine Komödie sein, findet unser Kinokritiker Sascha Jouini.
15. Dezember 2017, 19:25 Uhr
Spielszene. (Foto: dpa)

Bei vielen Künstlern mag Unzufriedenheit mit sich und der Welt eine schöpferische Triebfeder sein, nicht so bei Isabelle (Juliette Binoche). Die Anfangfünfzigjährige Malerin findet unter ihresgleichen nicht den Mann ihrer Träume und stürzt sich immer wieder in aussichtslose Affären, um ihren Frust zu lindern. Den Banker Vincent (Xavier Beauvois) liebt sie kaum, hat gleichwohl Sex mit ihm, wobei es sie erregt, daran zu denken, was für ein Schwein er ist. Vincent verletzt die sensible Frau, die als nächsten Partner einen Schauspieler (Nicolas Duvauchelle) erspäht. Mit ihm scheinen sich die Gespräche im Kreis zu drehen, wieder stimmt die Harmonie nicht...

Regisseurin Claire Denis hält in ihrer gelungenen Komödie voller Ironie der Pariser Gesellschaft einen Spiegel vor, zeigt ebenso scharfsichtig wie amüsant, wie die Suche nach der großen Liebe zum einzigen Lebensinhalt wird. So versucht Isabelle durch die Affären innere Leere zu füllen. Typisch für eine Frau in gereiftem Alter, erwartet sie zu viel und lässt sich zu wenig Zeit.

Der Wahrsager soll’s richten

Mt Sinn fürs Authentische unterstreicht Juliette Binoche die charakterliche Doppeldeutigkeit der Protagonistin zwischen blinder Naivität und analytischer Beobachtungsgabe. Isabelle steht paradigmatisch für zwischenmenschliche Orientierungslosigkeit. In einem Milieu, in dem alles möglich scheint, erweist es sich als schwierig, den richtigen Weg zu gehen. Mit der modernen Großstadtgesellschaft verbindet sich auch, wie die Figuren der raschen Befriedigung alles andere unterordnen. Bezeichnend scheint gerade jene Szene, in der Isabelle einen geselligen Abend mit dem Schauspieler ausklingen lassen möchte, dabei argwöhnt, er wolle sie loswerden, also stets den nächsten Schritt vorwegnimmt. Die Verliebten machen gerade deshalb vieles falsch, weil sie, alles auf sich zukommen lassend, planlos handeln und an überzogenen Ansprüchen scheitern. Nicht zufällig verspricht sich Isabelle am Ende von einem Wahrsager (Gérard Depardieu) das große Glück: Sie projiziert Dinge nach außen, unfähig zu erkennen, dass sie selbst mitverantwortlich ist, wenn ihre Liebschaften auseinanderbrechen.

Die sonderbaren Beziehungsgeschichten lösen einerseits Befremden aus. Zugleich indes gelingt es der Regisseurin, dem Zuschauer den wahren Kern bewusst zu machen. Mehr und mehr wird nämlich deutlich, in welch hohem Maße die Figuren mit den oberflächlichen Dialogen und dem vergeblichem Bemühen, stereotypisches Verhalten zu vermeiden, im Grunde gewöhnlich sind.

Foto: dpa

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