03. Februar 2019, 19:55 Uhr

Offenes Ohr für 120 Grundschüler

Eine schwere Krankheit in der Familie oder eine verhauene Klassenarbeit: Drückt Kindern an der Rabenschule in Londorf etwas auf der Seele, wenden sie sich häufig an Roman Röttger. Der 37-Jährige ist Sozialarbeiter. Eine heftige Prügelei zwischen Grundschülern im August beschäftigt ihn noch heute.
03. Februar 2019, 19:55 Uhr

Der Gong zur großen Pause erklingt. 120 Kinder strömen nach draußen, auf den Hof der Rabenschule in Londorf. Zwei der Grundschüler fallen ins Auge: Sie tragen blaue und rote Leibchen. Streiten sich Kinder zum Beispiel um einen Platz auf der Schaukel, schreiten sie ein: Sie hören zu, geben Ratschläge, in schwereren Fällen rufen sie einen Lehrer hinzu. Ist ein Konflikt mal heftiger, setzten sie sich mit den Streithähnen zusammen und setzen einen Vertrag auf.

Zehn Viertklässler setzen sich an der Schule seit wenigen Tagen als Streitschlichter ein. Trainiert und ausgebildet wurden sie dazu von Roman Röttger. Die Mädchen und Jungen der Schule grüßen den 37-Jährigen nicht mit »Herr Röttger«. Sie nennen ihn beim Vornamen. Denn er ist kein Lehrer, sondern Sozialarbeiter. Im Unterricht hilft er Kindern, wenn sie Aufgaben nicht verstehen. Er trainiert Schüler in einer Arbeitsgruppe in sozialen Kompetenzen. Vor allem ist Röttger Ansprechpartner. Als er den Begriff »Kummerkasten« hört, lacht er auf. »Ich will dem Pfarrer die Position nicht streitig machen.«

Seit August arbeitet der Sozialpädagoge an der Schule, an drei Tagen in der Woche. Vorher war er zwölf Jahre lang in der Familienhilfe tätig, hat auch Schwangerschaftsberatung angeboten. »Ich hatte mit pubertären Jugendlichen zu tun, die die Schule geschwänzt haben oder Drogenprobleme hatten.« Damit habe er an der Grundschule nicht zu tun. Die jetzige Tätigkeit an der Rabenschule sei dennoch nicht weniger herausfordernd als seine vorherige Arbeit.

Montagmorgen: Kinder in der ersten Klasse betrachten im Deutschunterricht ein Bild mit Kobolden. Sie müssen auf einem Zettel ankreuzen, welcher Kobold was tut: Einer wandert ins Tal, ein anderer liest einen Plan. Auch Röttger nimmt am Unterricht teil. Im Kapuzenpulli setzt er sich zu Kindern, die etwas länger brauchen, und geht mit ihnen Schritt für Schritt die Aufgabe an.

Es ist nur eine von vielen Tätigkeiten des Sozialarbeiters. Immer wieder gibt es Kinder, denen etwas auf der Seele drückt: eine Krankheit in der Familie, die Scheidung der Eltern – oder eine verhauene Klassenarbeit. Ein eindringliches Gespräch ist für Lehrer häufig nicht zu schaffen, müssen sie sich doch gleichzeitig um die Klasse kümmern. »Man ist innerlich zerrissen, weil man weiß, dass ein Kind ungeteilte Aufmerksamkeit bräuchte«, sagt Schulleiterin Monika Holzapfel. »Auf der anderen Seite wartet die Klasse und hat ein Recht auf Bildung und Erziehung.« Röttger hat die Möglichkeit, sich mit einem Schüler auch mal in aller Ruhe zu unterhalten.

Auch wenn er erst seit einem halben Jahr als Sozialarbeiter an der Rabenschule tätig ist, habe er inzwischen alle Namen der 120 Mädchen und Jungen im Kopf, sagt er. Und die Kinder wissen: Da ist einer, der ihnen zuhört. Komme er mit Schülern ins Gespräch, betont Röttger, gehe es nicht darum, Schlimmes herauszufinden. Sondern darum, ihnen Raum zum Erzählen zu geben. »Ich arbeite nicht therapeutisch.«

Kürzlich gab es immer wieder Ärger zwischen Rabenschülern beim Fußballspielen. Drittklässler beschwerten sich, dass Viertklässler zu viel beim Einteilen der Mannschaften bestimmten. Viertklässler ärgerten sich darüber, dass Drittklässler beim Torjubel überschwänglich feierten. Röttgers Streitschlichter, zu der Zeit noch im Training, redeten mit den Beteiligten und vereinbarten einen Vertrag: Jede Partei erklärte, wozu sie bereit ist, um zukünftigen Zoff zu vermeiden. Der Sozialpädagoge betont: »Bei Konflikten zwischen Schülern neigen Lehrer dazu, zu sagen: Gebt euch die Hand und vertragt euch.« Dann aber sei ein Streit nur kurzfristig gelöst.

Röttger hatte im August an der Rabenschule gerade erst angefangen, da kam es zu einer Prügelei zwischen Schülern, die bundesweit für Schlagzeilen sorgte: Zwei neun Jahre alte Zwillingsbrüder traten und schlugen auf dem Hof der Rabenschule gegen den Kopf eines Mitschülers ein, dieser verbrachte danach zwei Tage im Krankenhaus. Es geschah an einem Dienstag – einem freien Tag Röttgers. »Die Zwillinge hätten mein erstes Projekt hier werden sollen«, erzählt er. Bereits in den Sommerferien sei er in einer Dienstbesprechung über die Schüler informiert worden. Man habe sich ein pädagogisches Konzept überlegt. »Es ist allerdings schon in meiner zweiten Woche passiert. Da war alles hinfällig.« Die Zwillinge gehen mittlerweile an eine andere Schule.

Der Alltag sei danach unter den Schülern schnell wieder eingekehrt, erzählen Holzapfel und Röttger. In den Klassen habe man darüber gesprochen. Die Lehrer seien etwas länger angespannt gewesen. Als Pädagoge finde er es gut, wenn der Schulhof Räume biete, wo Kinder nicht ständig unter Beobachtung stehen. In der ersten Zeit nach dem Vorfall habe man dies aber kaum zugelassen. »Ich muss zugeben, ich bin während der Pausen auf- und abgetigert«, erzählt Röttger.

»Die tollsten pädagogischen Konzepte geben keine hundertprozentige Sicherheit«, sagt er. Gleichzeitig ist Röttger von der Bedeutung seiner Arbeit überzeugt: »Ich glaube schon, dass ich einen Beitrag leiste, dass es zu weniger Konflikten kommt.«

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