03. Dezember 2018, 22:10 Uhr

»Man muss sich einfach durchbeißen«

Hans Heinrich Hainmüller ist ein Kämpfer. Er steht nicht nur für sich selbst ein, sondern auch für die Rechte anderer Behinderter. Für sein langjähriges Engagement wird ihm heute das Verdienstkreuz der Bundesrepublik verliehen.
03. Dezember 2018, 22:10 Uhr
Ein echter Kämpfer: Dem Großen-Busecker Heinrich Hainmüller wird heute für sein ehrenamtliches Engagement das Bundesverdienstkreuz verliehen. (Foto: kge)

Im Garten der Hainmüllers hängt kaum noch Laub an den vielen Bäumen und Sträuchern. »Wenn die Bäume austreiben, dann sieht man die verschiedenen Blätter und Blüten«, erklärt Heinrich Hainmüller. Langsam geht er durch das feuchte Gras, seine schwere Gehbehinderung ist ihm kaum anzumerken. Zwei Sorten Pflaume, vier Arten Kirsche und verschiedene Apfelbäume pflegt er neben anderem Gewächs auf seinem Grundstück in Großen-Buseck. »Mit einer Sorte wäre ich nicht zufrieden gewesen«, sagt er lachend. Das Gärtnern ist eine seiner großen Leidenschaften, ein Relikt aus vergangenen Zeiten.

Hainmüller wuchs als ältester Sohn eines Landwirts auf. Früh wurde er in die Rolle des Hoferben eingelernt, sah seinem Vater regelmäßig über die Schulter. Nach Kriegsende galt Hainmüllers Vater als vermisst, und der damals acht Jahre alte Heinrich musste sich beweisen. 1945 begleitete er ehemalige Soldaten bei der Feldarbeit. »Die kannten sich auf dem Gelände nicht aus. Ich aber schon«, erinnert sich der 81-Jährige. »Ich lief neben ihrem Wagen her und hinten guckte ein langes Metallstück, die Bremse, heraus«, erzählt er weiter. »Der Wagen fuhr mit Schwung durch ein Loch und das Metallteil rutschte mir in die Leiste.«

Aus der Leistenprellung entwickelte sich eine Knochentuberkulose und deren Behandlung führte zur Versteifung der rechten Hüfte: »Mir war gleich klar, dass ich kein Landwirt mehr werden kann.« Rückhalt erfuhr er damals von allen Seiten, wie er erzählt. Nicht nur von der Familie, auch aus dem Dorf und vor allem der Schule. »Ich war dort gut aufgehoben, bekam Nachhilfe und konnte so aufs Gymnasium gehen.« Die Zeit war nicht einfach für ihn, aber er wuchs in seine Aufgaben hinein. »Man muss sich einfach durchbeißen«, sagt er. Mit dieser Einstellung kämpfte er sich durch die Schulzeit und darüber hinaus. 1966 schloss er sein Studium mit dem Staatsexamen ab und wurde Lehrer.

In den 1980er Jahren begann Hainmüller sich ehrenamtlich für körperlich Behinderte einzusetzen. »Er hat immer gesagt, dass er so ein gutes Schicksal gehabt hätte, dass er etwas zurückgeben möchte«, sagt seine Frau Uta Hainmüller. »Die Betroffenen rühren sich selbst in der Regel ja fast nie«, stimmt ihr Mann zu. Er sah sich in der Pflicht, für diese Menschen einzustehen. Es folgten die Mitgliedschaft im »Club 68«, einem Verein für Behinderte und ihre Freunde – noch heute ist er dort Vorsitzender. Zuvor war er im »Verein für Reha, Gymnastik und Bewegungsspiele Gießen 1953« tätig. Im öffentlichen Bereich engagierte sich der Großen-Busecker nach einer Anfrage des damaligen Gießener Bürgermeisters Lothar Schüler als Baubeauftragter, damals als einziger offizielle Vertreter von Behinderteninteressen im Raum Gießen. Selbst nach der Ernennung eines hauptamtlich tätigen Behindertenbeauftragten blieb Hainmüller weiter für das Bauwesen zuständig und arbeitete unter anderem eng bei den Bauvorhaben an der Ringallee und dem Dachcafé mit. Zudem war er aktiv an der Gründung des Behinderten- und Seniorenbeirats der Gemeinde Buseck beteiligt, dessen Vorsitzender er bis vor wenigen Jahren war.

Hainmüllers Meinung nach ist das Zusammenleben von Menschen mit und ohne Behinderung immer noch ein Problem. Er wünscht sich mehr Verständnis und Rücksichtnahme von der Gesellschaft. Allerdings dürfte das Problem nicht nur aus Sicht der Behinderten betrachtet werden: »Behinderte haben oft überzogene Wünsche. Wer eine deutliche Behinderung hat, der kann nicht alles ergreifen«, sagt er. Das müssten viele erst einsehen. Für Aussagen wie diese wurde er immer wieder kritisiert. Doch gerade das Verständnis für beide Parteien, macht ihn als Berater so wertvoll. »Da wird nichts geändert!«, höre er oft auf Nachfrage. Ignorant findet er das. Das nicht immer alles umsetzbar ist, weiß er, Gespräche wünscht er sich trotzdem.

»Ein denkmalgeschütztes Gebäude kann ich nicht einfach mit dem Bagger einreisen«, sagt Hainmüller. Bei Rollstuhlrampen und behindertengerechten Toiletten ist er strenger. Der Senior wünscht sich mehr Entgegenkommen, außerdem mehr Eigeninitiative von den Betroffenen. Er selbst hätte sich auch erst in viele rechtliche Grundlagen einarbeiten müssen, ein Bauexperte sei er nicht von Anfang an gewesen. »Wenn man etwas braucht, muss man das klar kommunizieren.« Auf keinen Fall dürfe man sich als Behinderter zurückziehen: »So beschleunigt man nur sein Ende.«

Als »echten Kämpfer« mit »ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn« bezeichnet Uta Hainmüller ihren Mann. Dieses Engagement wollte auch der aktuelle Vorsitzende des Behinderten- und Seniorenbeirats der Gemeinde Buseck, Karlheinz Volk, würdigen. Er war es, der den Antrag auf das Bundesverdienstkreuz stellte. »Das ist eine sehr nette Anerkennung. Aber eigentlich müssten die alle bekommen, mit denen ich je gearbeitet habe«, sagt Hainmüller. Wenn er könnte, würde er auch den Orden teilen.

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