15. Januar 2019, 14:00 Uhr

Kilometerkönige

Familie Bockel aus Heuchelheim lebt den Traum fernwehgeplagter Menschen

Der Traum vieler fernwehgeplagter Menschen kommt heute als »Kilometerkönig« zu Ehren: ein VW-Bus von Karsten Bockel aus Heuchelheim. 471 982 Kilometer hat der bereits runter.
15. Januar 2019, 14:00 Uhr
Karsten Bockel mit seinem VW Multivan Classic, der zunächst der ganzen Familie und zuletzt auch den Kindern treue Dienste geleistet hat und es auch weiter tut. (Foto: pm)

Kilometerkönige

In unserer Serie »Kilometerkönige« stellen wir besondere Beziehungen von Mensch und Maschine vor.

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Ältere Modelle dieses vielseitigen Transporters werden von ihren Fans liebevoll »VW-Bulli« genannt. Das Exemplar aus dem Hause Bockel gehört freilich nicht mehr zu den Baureihen, die mit ihrem typischen Frontdesign und den tollen Rundungen bestachen. Macht nichts, auf die inneren Werte kommt es schließlich an: Unter der Haube von Bockels Multivan Classic, Baujahr 1997, verbirgt sich ein 2,5-Liter-Turbo-Diesel, mit 102 PS. Ein T 4, die erste Busbaureihe mit Frontmotor und -antrieb.

Für den Heuchelheimer ist ein Auto ohnedies ein Gebrauchsgegenstand, der seinen Nutzer von A nach B bringt. Der Multivan Classic ist bereits sein zweiter »VW-Bus«. Der erste allerdings, ein T3-Multivan, bereitete seinem Besitzer weniger Freude: Beim Kilometerstand 220 000 war der Motor hin. Den Nachfolger erstand Bockel 2001 von einem Rentner für 31 500 Mark. Gut 91 000 Kilometer zeigte damals der Tacho an, und abgesehen von Zentralverriegelung und Standheizung wies der Van keine (teuren) Extras auf. Sein neuer Besitzer ging pfleglich mit den entscheidenden Bauteilen um, regelmäßig wurden etwa Öl und Zahnriemen gewechselt. Zum Dank läuft der VW noch immer mit dem ersten Motor und hat die Familie Bockel in den 17 Jahren immerhin 380 000 Kilometer weit gebracht.

 

"Sieht aus wie Harry, aber er läuft..."

 

»An größeren Reparaturen hatte ich bisher eine Einspritzpumpe bei 230 000 Kilometern und eine neue Kupplung bei 420 000, ansonsten ist nix dran gewesen«, versichert der Heuchelheimer, der früher für den Lauftreff Biebertal die Sportschuhe schnürte. Und räumt aufs Neue ein, dass er auf das Äußere keinen allzu großen Wert legt: »Er sieht zwar aus wie Harry, aber läuft und läuft und läuft.« Der Dauerläufer auf vier Rädern hat denn auch schon einige Macken und Roststellen. Kleinere Schweißarbeiten waren nicht zu vermeiden.

Technische Mängel jedoch stellten die Prüfer bei den letzten beiden Hauptuntersuchungen keine fest. »Nächstes Ziel«, sagt Bockel, »sind nun die 500 000 Kilometer.« Ende 2020 will er dann schauen, ob der Oldie ein weiteres, vielleicht letztes Mal durch den TÜV kommt. 22 Monate aber darf er mindestens weiter auf die Piste.

Gut, nicht überall: »In Umweltzonen darf er eigentlich nicht mehr rein«, weiß Bockel (vielleicht hilft im Notfall ja der grüne Campingplatz-Aufkleber auf der Frontscheibe, die Red.). Was die Öko-Bilanz angeht, so kann aber auch der Van auf die lange und somit ressourcen- und klimaschonende Nutzungsdauer verweisen. »Insgesamt dürfte es daher trotzdem passen.« Nur am Rande: Der T 4 Classic hat – anders als fast alle neuen Modelle – keine Klimaanlage.

 

Anlasser streikt – aber erst zu Hause

 

Mag sein, die wurde ab und an schon mal vermisst. Etwa bei den ersten Sommerurlauben 2001 und 2002, die Bockel mit Frau und zwei Kindern nach Spanien führte. Neben der »lebenden Fracht« hatte der Bus ein Iglu-Zelt, diverse Surfbretter und eine Dachbox, voll gestopft mit Segeln und Masten, an Bord. Ziel war Tarifa – südlichster Ort Europas, rund 2500 Kilometer von Hessisch-Heuchelheim entfernt. Non-Stop, in 30 Stunden, ging es ans Ziel. Der Van bot der vierköpfigen Familie genug Platz, um bei weiteren Urlauben – sei es in Deutschland, Dänemark, Holland, Frankreich, Portugal, Italien oder Griechenland – als Unterkunft zu dienen. Manchmal zusätzlich mit Zelt.

»Er hat uns immer wieder und ohne zu mucken nach Hause gebracht«, unterstreicht Bockel. Bis auf eine Ausnahme: Nachts nach Hause gekommen, sprang er just am nächsten Tag nicht mehr an. Der Anlasser war defekt.

In den Anfangszeiten, als der Sprit noch nicht so teuer war, unternahmen Bockels zusätzlich viele Kurztrips, etwa an die Nordsee. »Stand nach dem Surfen eine Übernachtung an, haben wir uns irgendwo hingestellt.« Der VW-Bus ist eben ein praktischer Begleiter.

Nicht nur im Urlaub: Als der Junior noch keinen Führerschein hatte, kutschierte Papa ihn und die halbe Jugendfußballmannschaft zu Turnieren und Auswärtsspielen.

Inzwischen hat der Van auch den Kindern und ihren Freunden für Kurztrips, Urlaube, Festivalbesuche oder Umzüge treue Dienste geleistet. Etwa als Sohn und Tochter mit zwei Freunden eine dreimonatige Surfreise unternahmen. An der Atlantikküste runter, von Nordfrankreich bis Portugal.

 

Unabhängigkeit überzeugt

 

Bei einer weiteren Surfreise des Sohnes mit Freunden vor zwei Jahren dann hatte der Multivan erstmals »Ausfallserscheinungen«: Auf einem Supermarktparkplatz in Nordspanien sprang er nicht mehr an. Dank Schutzbrief konnten sich die Jungs ein Hotel nehmen, endlich mal ihr Geschirr spülen – »in der Badewanne«, verrät der Papa. Doch seien sie froh gewesen, als der Bus repariert war und sie ihre so sehr vermisste Unabhängigkeit zurück hatten.

Es gibt Menschen mit einer besonderen Beziehung zu ihrem Auto. Die nicht loslassen mögen, selbst wenn die Vernunft oder der TÜV für eine Trennung sprächen. In unserer Serie »Kilometerkönige« stellen wir solche besonderen Beziehungen von Mensch und Maschine vor.

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