12. November 2018, 21:17 Uhr

Ein Zeichen der Sühne

12. November 2018, 21:17 Uhr
Philipp van Slobbe und Alida Fles-Vos im Altenheim »Beth Shalom«. (Foto: pm)

Einige Tränen flossen am Donnerstagabend im evangelischen Gemeindehaus Leihgestern, als Philipp van Slobbe aus Dorf-Güll über sein Jahr im Friedensdienst erzählte. Dieses hatte er bis September in einem jüdischen Altersheim in Amsterdam absolviert.

Bereits zuvor habe er sich sozial engagiert, sagte van Slobbe. Als er von der »Aktion Sühnezeichen Friedensdienste« erfuhr, bewarb er sich spontan. Die Organisation hat sich zum Ziel gesetzt, die Versöhnung mit den vom Dritten Reich überfallenen wie von der Vernichtung bedrohten Völkern und Menschengruppen voranzubringen. So schickt sie junge Menschen zum Friedensdienst in die von den Nationalsozialisten einst besetzten Länder. Aufgrund der niederländischen Wurzeln seines Vaters bewarb sich van Slobbe für die Benelux-Staaten und wurde für seine Erstwahl, »Beth Shalom« in Amsterdam, ausgewählt.

 

Freundschaft mit Überlebender

 

Das »Beth Shalom« war einst ein rein jüdisches Altersheim, später wurden auch andere Pflegebedürftige aufgenommen. Inzwischen seien nur noch 40 Prozent der rund 100 Bewohner jüdischer Herkunft. Knapp die Hälfte davon sei im Konzentrationslager gewesen, sagte van Slobbe. Der jüdische Glaube werde hier gelebt, man halte sich etwa strikt an die koschere Ernährung. Die strengen Regeln seien nicht für jeden Bewohner nachvollziehbar. »Man musste den Leuten oft erklären, dass sie ihr Brot nicht mit Schinken haben können«, erzählte van Slobbe.

Besonders bewegte ihn das Schicksal der Demenzerkrankten. Aber auch die Begegnungen mit Opfern des Holocaust hinterließen einen tiefen Eindruck. »Das Ganze war in der Schule zu abstrakt, um es zu erfassen, aber wenn man mit den Überlebenden spricht, wird es real«, sagte der 20-Jährige.

Seine deutsche Abstammung brachte ihm anfänglich gar einige Probleme ein, speziell mit einer Frau. Eines Tages stand er mit ihr im Aufzug. Plötzlich sagte sie ihm trocken, dass sie in Bergen-Belsen gewesen sei und ihre Eltern im Konzentrationslager umgebracht wurden. Und überhaupt, mit Deutschen wolle sie nichts mehr zu tun haben. Van Slobbe ahnte damals noch nicht, dass diese Frau seinen Aufenthalt in Amsterdam maßgeblich beeinflussen würde.

Nach diesem Vorfall musste er immer häufiger Dinge in ihren Räumlichkeiten erledigen und kam so gelegentlich mit ihr ins Gespräch. Aus anfänglicher Abneigung wurde am Ende gar Freundschaft. Alida Fles-Vos, so heißt die Frau, ging nun auch häufiger mit zu Aktivitäten, die sie vorher mied. So erfuhr van Slobbe mehr über ihre Familiengeschichte.

Im Sommer 1943 ist Fles-Vos zehn Jahre alt, als es an ihrer Haustüre hämmert. Wie alle Amsterdamer Juden werden sie, ihre Schwester und die Eltern in die Shouwburg getrieben. Sie wird mit ihrer Familie ins Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert. Als nach dem Vater auch die Mutter auf den Todesmarsch geschickt wird, bleiben Alida und ihre Schwester mit weiteren 50 Kindern zurück. Die Leichen werden auf Haufen gesammelt, die die Kinder zusammentragen müssen. Nach der Befreiung kehrt Alida Fles-Vos nach Amsterdam zurück. Da ist sie zwölf und wächst bei den Großeltern auf, die drei ihrer Kinder samt deren Familien verloren haben. Von 107 000 niederländischen Juden überleben nur 5 000 den Holocaust.

Ihre Lebensgeschichte hat van Slobbe nachhaltig berührt. Zum Abschied bat sie ihn, einen Brief für sie an die Klagemauer in Jerusalem zu bringen.

Van Slobbe sagt, er könne nicht verstehen, wenn Menschen heute keinen Anteil daran nehmen, wenn etwa Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken oder sie aufgrund ihrer Abstammung ablehnen.

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