25. Oktober 2018, 18:26 Uhr

Fünf Tage Folter

Eigene Ehefrau gefoltert: Milde Strafe für Lindener Geiselnehmer

Tagelang hat ein Lindener seine Frau brutal gefoltert. Es war nicht das erste Mal, das er eine Partnerin so gequält hat. Und doch fällt das Gerichtsurteil gegen ihn recht milde aus.
25. Oktober 2018, 18:26 Uhr
ARCHIV – ILLUSTRATION - Eine Strafprozessordnung steht auf dem Richtertisch.

Vier Jahre und vier Monate: So lautet das Urteil gegen den Lindener, der seine Frau in seiner Wohnung in Leihgestern tagelang eingesperrt, geschlagen und gefoltert hat. Wegen Geiselnahme und Körperverletzung muss er ins Gefängnis. Die Taten des 47-Jährigen erregen einen eiskalten Schauder – zumal er schon frühere Partnerinnen auf ähnliche Weise gequält hat. Doch insbesondere Fehler der Ermittler haben dazu geführt, dass das Urteil recht milde ausfällt.

Der Angeklagte ist gefährlich, auch aufgrund seines gestörten Frauenbilds

Richter Dr. Klaus Bergmann

Nur ein kurzer Moment der Unachtsamkeit ermöglichte dem Opfer am 20. Januar 2015 die Flucht. Die Frau schlich aus der Wohnung des Hochhauses, während ihr Mann unter der Dusche stand – und der Schlüssel glücklicherweise in der Tür steckte. Sie rannte hinaus, das Gesicht von Blut überströmt. Sie stapfte durch den Schnee, zum Kaufland-Supermarkt. Sie rief dort ihre Mutter an und schloss sich dann in der Behindertentoilette ein – zitternd, weinend und in panischer Angst, dass ihr Mann sie verfolgen könnte. Bis sie endlich die Stimme ihrer Mutter hörte.

Fünf Tage Folter musste das Opfer erleiden. Am 16. Januar schloss der Angeklagte die Tür ab. »Du wirst diese Wohnung nicht wieder verlassen«, sagte er seiner Frau. Der Angeklagte habe seine Frau in seine Gewalt gebracht, hielt der Vorsitzende Richter der Kammer am Gießener Landgericht, Dr. Klaus Bergmann, fest. »Sie sollte ihm für sexuelle Handlungen zur Verfügung stehen« Dann schlug er immer wieder auf sie ein, spuckte ihr ins Gesicht, beschimpfte sie als »Schlampe« und drohte ihr mit dem Tod. »Der Angeklagte ist gefährlich«, sagte der Richter. »Auch aufgrund seines gestörten Frauenbilds.«

 

 

Weingläser ins eigene Gesicht geschlagen

 

Der Psychoterror lief rund um die Uhr. Der Angeklagte und seine Frau nahmen die aufputschende Substanz »Alpha pvp« ein. Beim Angeklagten löste die Droge eine Psychose aus, der 47-Jährige litt zudem unter einem Eifersuchtswahn. Er unterstellte seiner Frau während der Tortur, dass ein Liebhaber sie ständig mit einer ferngesteuerten Maschine befriedige, die in ihrem Unterleib stecke. Er schlug ihr mit den Fäusten gegen den Bauch, um die Maschine zu ertasten.

In dramatischen Worten beschrieb die Frau vor Gericht, wie sie kurz vor der Flucht zwei Weingläser in ihrem Gesicht zersplitterte. »Ich wollte etwas Krasses machen, damit er den Notarzt ruft.« Stattdessen habe er auf sie eingetreten. »Ich dachte, das war es jetzt. Jetzt werde ich in dieser Wohnung sterben.«

Kennengelernt hatte sich das Paar im Sommer 2014 über eine Single-Seite im Internet. »Er hat mal Rosenblätter in der Wohnung ausgelegt. Es war Liebe pur«, erzählte die Frau. Doch schon früh gab es gewalttätige Übergriffe. Sie trennte sich Anfang Dezember von ihm. Doch wenige Tage später kehrte sie zu im zurück, verließ ihre Familie und heiratete ihn gar am 5. Januar. »Ich habe gehofft, dass er seine Eifersucht dann ablegen würde«, erklärte sie im Gerichtssaal.

 

 

Angeklagter lacht nach Urteil

 

Dass der Angeklagte nach vier Jahren wieder auf freiem Fuß sein soll, dürfte für das Opfer schwer nachzuvollziehen sein. Zumal es nicht das erste Mal war, dass der 47 Jahre alte Lindener eine Partnerin gequält hat. Seiner ersten Ehefrau warf er 2013 vor, ihn zu betrügen – und schloss sie für drei Tage ein. Er unterstellte ihr zudem, ein Mikrofon im Zahn zu tragen und wollte den Zahn ziehen. Die Frau entkam, reichte kurz darauf die Scheidung ein. Eine weitere Partnerin des Angeklagten kam ums Leben, stürzte von seinem Balkon. Eine Schuld konnte dem Angeklagten damals allerdings nicht nachgewiesen werden.

Die Staatsanwaltschaft hatte sieben Jahren Haft gefordert. Das Urteil fällt auch aufgrund von Verfahrensfehlern milde aus. So machte die Polizei kein Foto von einer mutmaßlichen Kopfverletzung der Frau, ordnete auch keine rechtsmedizinische Untersuchung an. Die Frau ging erst einen Monat später von sich aus zum Arzt. Knapp zwei Monate dauerte es zudem, bis die Ermittler die Wohnung in Leihgestern in Augenschein nahmen. Hinzukommt: Der Frau wurden bei polizeilichen Vernehmungen frühere Aussagen schriftlich vorgelegt – dies ist nicht zulässig.

Der Angeklagte nahm das Urteil unterdessen recht gelassen auf. Einen Moment später bereits lachte er im Gespräch mit seinem Verteidiger.

Info

Trotz Gewaltfällen geheiratet

Als strafmildernd wertete der Vorsitzende Richter, dass die Frau bei dem Angeklagten trotz vorheriger gewalttätiger Übergriffe einzogen sei und es dem 47-jährigen Lindener leicht gemacht habe. »Der Angeklagte musste keine besonderen Handlungen vornehmen, um sich der Frau zu bemächtigen«, sagte Richter Dr. Klaus Bergmann.

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