20. Dezember 2018, 22:17 Uhr

Rewe-Logistikzentrum

Bürgerversammlung zu Rewe: Präsentation statt Diskussion

Die Mehrzweckhalle in Berstadt war voll. Zahlreiche Wölfersheimer sind zur Bürgerversammlung zum geplanten Logistikzentrum gekommen – sowohl Gegner als auch Befürworter.
20. Dezember 2018, 22:17 Uhr

Rewe hat ein Problem – »ein extremes Platzproblem«, sagt Martin Sapper. Der Logistik-Chef von Rewe Mitte Nord steht vor Hunderten Wölfersheimern in der Mehrzweckhalle in Berstadt. Er erklärt, dass Umsatz und Bedarf der Kunden enorm gestiegen seien. Dass die Lager in Rosbach und Hungen aus allen Nähten platzten, und warum es für Rewe ideal sei, ein Lager mit einer Höhe von bis zu 35 Metern, 625 Meter lang und 175 Meter breit auf den Acker an der A 45-Auffahrt zu bauen. Zwischenruf aus dem Publikum: »Also wird Ihr Problem zu unserem. Wunderbar.«

 

»Hören Sie mit der Hetze auf«

 

Wölfersheimer, aber auch Bürger aus anderen Kommunen sind in die Halle gekommen. Die Gemeinde hatte zur Bürgerversammlung eingeladen. Aber, sagt Bürgermeister Eike See (SPD): »Wir führen keine Diskussionsrunde darüber durch, ob gebaut wird oder nicht, sondern eine Informationsveranstaltung.« Buh-Rufe aus dem Publikum. Und, sagt See an die Gegner gerichtet: »Hören Sie mit der Hetze gegen das Projekt auf.« Die Vorteile lägen auf der Hand: Arbeitsplätze sowie die Steuereinnahmen, die dafür sorgten, dass die Gemeinde weiterhin die Grundsteuer niedrig halten könne.

 

»Wir verkaufen unser Zuhause«

 

Informiert wird aber nicht in großer Runde mit Fragestunde. Nach der Einführung durch See und die drei Rewe-Chefs erklärt Moderator Uwe Schröder: Es gibt Info-Stände mit Plakaten. Gemeinde-Mitarbeiter, Rewe-Personal und Planer stehen dort. Wer Fragen habe, bekomme am jeweiligen Stand (z.B. Umwelt, Verkehr, Personal) Antworten.

Nicht jeder Besucher findet das gut: »Sollen wir jetzt hier rumlaufen?«, ruft einer.

»Das ist sehr geschickt gemacht«, sagt Andre Kestler. »Die Gruppe wird aufgespalten. Ich kann mich irgendwo aufregen, die anderen erfahren es nicht.« Der Wölfersheimer steht dem Projekt kritisch gegenüber. Problematisch sei, wie die Entscheidung für das Lager getroffen worden sei: »Von hinten durch die Brust ins Auge durchgewunken.« Einerseits könne er Rewe verstehen, »es ist ein Wirtschaftsunternehmen, das so handeln muss.« Andererseits: »Der Bürgermeister hat letztlich gesagt, wir haben eine niedrige Grundsteuer wegen der Gewerbesteuer. Im Umkehrschluss bedeutet das: Wir verkaufen unser Zuhause.«

 

»Gemeinde profitiert«

 

Gerhard Winkel aus Geisenheim sieht das anders. Die Gegner würden bloß die Interessen von Einzelnen vertreten. Für die Allgemeinheit sei die Ansiedlung aber eine gute Sache: »Warum zahlen wir denn so wenige Steuern hier? Und in ein paar Jahren werden immer mehr Wölfersheimer bei Rewe arbeiten.« Er vergleicht die Situation mit der Mahle-Ansiedlung: Auch damals sei die Kritik laut gewesen, doch heute profitiere die Gemeinde enorm.

 

Diskussionen an den Ständen

 

Für und Wider sind in vielen Grüppchen, die sich bilden, ein Thema, manche Besucher diskutieren. Auch Yannis Walter hat sich mit beiden Seiten auseinandergesetzt, findet aber, das Logistikzentrum sei ein Fehler – »wegen des Flächenfraß’ in ganz Hessen«. Täglich würden etwa drei Hektar Land (vier Fußballfelder) verbaut. »Klar, es ist wichtig, dass es diese Zentren gibt, wir gehen ja auch alle einkaufen. Aber man kann nicht einfach hingehen, mit dem Hammer draufhauen und uns vor vollendete Tatsachen stellen.« Gudrun Klee ergänzt: »Rewe wirbt doch mit regionalen Produkten.« Zu dem Aufbau der Veranstaltung sagt Walter: »Die Argumente an den Ständen kommen alle aus einer Richtung, das ist einseitig.«

 

Brief von einer Zwölfjährigen

 

Viele nutzen das Angebot, gehen von Stand zu Stand, stellen Fragen. Wie es mit dem Verkehr wird, ist Thema an einem Stand, an dem eine Karte hängt (extra Spur für Rewe, Ampeln). Oder wo das Abwasser hinfließen soll.

Zwischen all den Besuchern ist auch die zwölfjährige Nele Frieß aus Echzell, die Rewe-Logistikchef Sapper einen Brief gibt. Sie habe aufgeschrieben, warum sie gegen das Projekt sei, erzählt sie. »Ich bin von klein auf mit der Natur verbunden«; in dem Brief habe sie geschrieben, »was es alles Schönes im Feld gibt«, und dass sie glaube, wenn weiterhin große Flächen zugebaut würden, es bald keinen Acker mehr gäbe.

 

Gießen erteilte Absage an Rewe

 

Für Jürgen Storck ist die Ansiedlung eine Abwägungsfrage – die Pro-Argumente würden überwiegen: wegen der Einnahmen für die Gemeinde. »Wir wollen alle essen und trinken. Woanders würde das Gebäude genauso in der Landschaft stehen.«

Woanders, argumentieren aber die Gegner, seien bereits Flächen betoniert. Etwa in Gießen. Dort gebe es eine geeignete Fläche, sagt Martin Obermann von Rewe. Warum Rewe nicht dorthin gegangen sei? Die Stadt will die Ansiedlung nicht unterstützen.

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