08. November 2018, 21:32 Uhr

Bald wird es keine Zeitzeugen mehr geben

08. November 2018, 21:32 Uhr

Der Mann war schon über 70, als er sein Schweigen brach. Dann aber berichtete er von seinem Leben als jüdischer Jazzmusiker in der Illegalität, von Theresienstadt, von Auschwitz, vom Todesmarsch. Und wenn Coco Schumann zur Gitarre griff und mit seinem Quartett im Licher Kino Traumstern auftrat, war der Saal ausverkauft. Doch das ist lange her, 20 Jahre schon. Jetzt gibt es kaum noch Menschen, die aus eigenem Erleben von der Nazi-Zeit erzählen können. Auch Coco Schumann, der legendäre Getto-Swinger, ist Anfang des Jahres hochbetagt gestorben. 80 Jahre nach der Nacht, in der in Deutschland die Synagogen brannten, stellt sich die Frage, wie Erinnerung künftig aussehen kann.

In Lich hat man schon vor vielen Jahren einen Weg gefunden: Kultur. 15 Jahre lang gab es rund um den Gedenktag ein geballtes Programm mit Theater, Konzerten, Lesungen, Ausstellungen, die auch überregional Beachtung fanden. »Wir waren anfangs die Einzigen weit und breit, die Veranstaltungen gemacht haben«, berichtet Kulturkoordinator Peter Damm.

Dass die Licher 9. November-Reihe seit 2013 nicht mehr in der gewohnten Form stattfindet, hat finanzielle Gründe. Aber nicht nur. »Wir haben erfreulicherweise viele Nachahmer gefunden«, sagt Damm. Doch das größere Angebot habe dazu geführt, dass die Besucherzahlen in Lich zurückgingen. »Irgendwann waren es fast immer die gleichen.« Seither erproben Damm und seine Mitstreiter von künstLich e.V. neue Formen der Vermittlung. Es sei allerdings schwieriger geworden, Aufmerksamkeit für das Thema zu finden, meint Damm. »Medial wird der 9. November 1938 vom 9. November 1989 völlig überlagert.«

Ein wichtiges Medium für die Licher Akteure ist der Film. Nazi-Zeit und Holocaust seien als Thema in der Filmkultur fest verankert, unterstreichen Hans Gsänger und Edgar Langer vom Kino Traumstern. »Sachen, die uns wichtig sind, spielen wir das ganze Jahr über.«

Aber jetzt, in den Wochen um den Jahrestag, setzt das Kino ganz bewusst Schwerpunkte. »Dass bald gar keine Zeitzeugen als Gegenüber mehr da sein werden, ist uns schon lange bewusst«, sagt Gsänger. Umso wichtiger seien nun Vertreter der zweiten Generation. Zum Beispiel Adriana Altaras, die mehrere Bücher über die Geschichte ihrer jüdischen Familie und ihr Leben als Jüdin in Deutschland geschrieben hat. Als sie vor knapp zwei Wochen im Traumstern las, war es mucksmäuschenstill. »Dass Adriana das Thema aufarbeitet und damit auf die Bühne geht, finde ich großartig«, sagt Langer.

Damm, Langer und Gsänger sind um die 60. Aber Erinnerungskultur ist nicht nur ein Ding der Babyboomer. Die Sängerin Sveta Kundish ist Mitte 30 (siehe Interview auf dieser Seite ). Noch jünger ist Annika Wagner. Die Licherin, die an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach studiert, begleitet die örtliche Stolperstein-Initiative, plant gemeinsam mit der Dietrich-Bonhoeffer-Schule ein multimediales Erinnerungsprojekt und absolviert ein Praktikum bei der Regisseurin Isabel Gathof. Die hat gerade eine preisgekrönte Dokumentation über den jüdischen Biedermeier-Maler Daniel Josef Oppenheim gedreht. »Ich finde es wichtig, den Blick auch auf die Zeit vor dem Holocaust zu richten«, sagt Wagner. »Um zu zeigen, was war. Und was verloren gegangen ist.«

Auch in Hungen pflegt man die Erinnerungskultur. 1990 wurde dort unter Federführung von Prof. Gottfried Erb, Gabriele Reber, Ingrid Meybohm und Erhard Eller die Arbeitsgemeinschaft Spurensuche gegründet, die sich für ein Mahnmal am jüdischen Friedhof einsetzte. »Das war ein großer Kampf«, weiß Christoph Fellner von Feldegg, der Sprecher der Initiative. Heute sei das gesellschaftspolitische Klima ein anderes. Doch bis dahin war es ein weiter Weg. In mehreren Büchern hat die Arbeitsgemeinschaft die Geschichte der Hungener Juden aufgearbeitet. Seit drei Jahren ist sie für jedermann sichtbar: 2015 wurden die ersten Stolpersteine verlegt. »Ein wichtiges Zeichen«, sagt Fellner von Feldegg.

Aber er weiß auch, dass das Interesse bei jeder Generation immer wieder neu geweckt werden muss. »Die Schulen sind hier der Türöffner«, sagt der Pädagoge und verweist auf die Zusammenarbeit mit der Gesamtschule Hungen. Fellner von Feldegg hat selbst eine Fahrt nach Auschwitz begleitet und bei den Jugendlichen große Anteilnahme beobachtet. »Man muss aber immer wieder neu dafür werben.«

Ähnlich hat sich auch der Gießener Literaturwissenschaftler Prof. Sascha Feuchert in einem Vortrag geäußert: »Unser kulturelles Gedächtnis braucht ernsthafte Aktualisierungen, denn es wachsen immer neue Generationen heran.« Und wenn Populisten polemisch gegen die Erinnerungskultur zu Felde ziehen, dann empfiehlt er eine kraftvolle Gegenerzählung. Die Gesellschaft könne stolz sein auf die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen. »Sie hat unser Land offener und freier gemacht.«

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