29. November 2018, 22:17 Uhr

Auch Analphabeten lernen Deutsch

29. November 2018, 22:17 Uhr
»Einstieg Deutsch« in Lollar: Heute geht ein Sprachkurs für Flüchtlinge zu Ende. (Foto: est)

Mit 40 Jahren noch nie eine Schule besucht, in der eigenen Sprache nicht lesen oder schreiben können und dann eine fremde Sprache lernen? Mit 28 Jahren fünffache Mutter sein, den Haushalt erledigen, zu Behörden gehen und trotzdem regelmäßig einen Deutschkurs besuchen? Im Jugend- und Beratungszentrum in Lollar scheint das ganz normal zu sein. In dem Kurs »Einstieg Deutsch« vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMPF) lernen Neuankömmlinge das Wichtigste für die Kommunikation im Alltag.

Wie findet man sich zurecht, wenn man gerade erst in Deutschland angekommen ist, die Sprache nicht spricht und doch viele Termine bei den Behörden hat oder den völlig fremden Alltag meistern muss? »Einstieg Deutsch« ist ein Projekt zur sprachlichen Erstförderung und sozialen Orientierung von Geflüchteten vom Internationalen Bund in Mittelhessen. Durch die Förderung vom Bundesministerium für Bildung und Forschung ist der dreimonatige Unterricht kostenlos. Es beruht auf einem bundesweitem Konzept, das vom deutschen Volkshochschulverband entwickelt wurde.

Das Lernangebot soll die Zeit zwischen der Ankunft in Deutschland und der Teilnahme an einem Integrationskurs überbrücken. Es ist eine Mischung aus klassischem Deutschunterricht, Online-Lernen und Exkursionen in die Stadtbibliothek oder ins Mathematikum und diversen Sportaktivitäten, wo das Erlernte direkt angewendet werden kann.

Kinderwagen auf den Fluren und Geschrei im Klassenzimmer: So könnte manch einer nichts lernen. Für die Kinderbetreuung ist im Beratungszentrum weder Platz noch Personal da. Die 14 Flüchtlinge, die aus Syrien, Eritrea, Afghanistan, Somalia und Palästina kommen, erzielen dennoch große Erfolge, sagt Lehrerin Assel Schäfer. Sie stammt aus Kasachstan und studiert Deutsch. Das Unterrichten, während die Kleinen im gleichen Raum herumtollen, sei eine zusätzliche Herausforderung, die es neben den unterschiedlichen Lernniveaus zu meistern gelte.

Einige Teilnehmer, wie eine 46-jährige Frau aus Somalia, haben noch nie eine Schule besucht und können nicht einmal in der eigenen Sprache lesen oder schreiben. Andere beherrschen die deutsche Sprache recht gut und können sogar ein wenig Englisch sprechen, wie zum Beispiel ein 50-jähriger Ingenieur aus Syrien. »Er ist unser treuester Schüler«, sagt Lilya Marinov vom Jugenmigrationsdienst des Internationalen Bundes in Lollar. Ihr liegt das Projekt besonders am Herzen. Sie ging in die Flüchtlingsunterkünfte und warb für die Kurse. Dasselbe tat sie bei den eigens angebotenen Sprachkursen nur für Frauen, denn viele trauen sich von allein nicht. »Am Anfang war es so, dass die Ehemänner bei den Frauenkursen immer mitgekommen sind. Als sie uns besser kennenlernten, gaben sie ihr Einverständnis, und die Frauen kamen immer häufiger alleine«, erzählt Marinov.

Bei den allgemeinen Deutschkursen sind auch Frauen dabei, kommen manchmal mit der ganzen Familie oder wechseln sich mit ihrem Mann ab. Dieser bleibt mit den Kindern zu Hause und die Frau kommt zum Unterricht, oder anders herum. Die Teilnehmer sollen nicht nur das deutsche Bildungssystem kennenlernen. »Dass Frauen nur Küche, Kind und Kirche kennen, ist leider noch keine Seltenheit. Das will ich ändern«, sagt Marinov. Sie möchte die reinen Frauenkurse in Lollar regelmäßig anbieten und ist begeistert von der Motivation und dem Ehrgeiz, den die Frauen an den Tag legen.

Die Kurse sollen nicht nur der Bewältigung des Alltags dienen, sondern auch zwischen den Kulturen vermitteln. Jeder fünfte Bewohner Lollars habe einen Migrationshintergrund. Dort leben etwa 74 verschiedene Nationalitäten, erklärt Marinov.

Heute geht der aktuelle Kurs »Einstieg Deutsch« zu Ende. Der Klassenraum ist zu einem Treffpunkt geworden, er war für viele ein wichtiger Bestandteil des Alltags. Raus aus dem Haus, Menschen treffen, selbstständiger und selbstbewusster werden: Ein großer Schritt in Richtung Integration.

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