03. Januar 2019, 22:12 Uhr

300 Jahre Quell verlockender Düfte

03. Januar 2019, 22:12 Uhr
Das »Cafe am Markt« in dem 1635 errichteten Fachwerkbau.

Laubach (tb/pm). Wer offenen Auges durch Laubach geht, wird an den Fachwerkkleinoden seine helle Freude haben. Sind sie doch Zeugnisse jahrhundertealter Handwerkskunst. Manchmal verraten Inschriften auf dem Rahmholz etwas über ihre Entstehung – etwa den Namen des Zimmerermeisters oder das Jahr, in dem sie aufgeschlagen wurden. Oder was den Bauherrn anno dazumal bewegte: »Wenn nicht Gott selbst dieses Haus bewacht, bringen die Bauleute gewiss nichts fertig« hat der Eigentümer des Fachwerkbaus an der Nordseite des Marktplatzes ins Eichenholz ritzen lassen.

 

Ehedem »Hanauer Gut«

 

Passanten erfreut das Haus seit über 300 Jahren mit betörenden Düften, beherbergt es doch Laubachs älteste Bäckerei, heute »Café am Markt«. Seine Geschichte hat der Heimatkundler Kurt Stein erforscht. Dafür hat der frühere Vorsitzende des Heimatkundlichen Arbeitskreises bald 500 Jahre Urkunden des Grafenhauses durchforstet, hat auch die Schriftenreihe »Laubacher Hefte« herangezogen.

Heute gibt es in Laubach nurmehr zwei Betriebe, die dem alten Motto ihrer Zunft die Treue halten: »Von der Backstube frisch in den Laden«. Neben dem »Café am Markt« im Eigentum ist dies das »Café Göbel« in der Friedrichstraße, immerhin auch schon vor 126 Jahren gegründet.

Im Folgenden aber dreht sich alles um das »Café am Marktplatz« von Karl Göbel. Wie Stein herausfand, ist dies die letzte der 13 Bäckereien, die laut einer Zunftliste 1744 in Laubach bestanden. Auch handele es sich um die »älteste Familienbäckerei im Kreis«.

Begründet hat die bereits neun Generationen währende Tradition ein Wilhelm Göbel. 1720 hatte der bei Conrad Flicken das Bäckerhandwerk erlernt. Wilhelm war ein Sohn des Glasmachers Veith Göbel, was das etwas überraschende Wappen über dem Laden erklärt. 1726 hatte er dann seinen Meister gemacht, wurde in der Zunft aufgenommen und einige Jahre später gar »Zunftmeister«. Wie damals üblich, hatte auch Wilhelm Göbel auf der Helle, dem Festplatz von Laubach, eine »Bäckerlinde« pflanzen müssen.

In der Obergasse eröffnete er sein erstes eigenes Geschäft. Sohn Johann Veit Göbel blieb dem Backen treu, erwarb schließlich 1762 die rechte Hälfte des Doppelhauses auf dem Marktplatz – seit also über 250 Jahren gehen hier die Göbels dem Handwerk nach.

Der imposante Fachwerkbau wurde 1635 errichtet. Von den beiden Erkern blieb nur der linke erhalten. Bauherren waren die Nachkommen zweier Sekretäre der gräflichen Verwaltung, Hans Hochheimer und Gerhard Terhell. In einer Urkunde wird berichtet, dass Graf Friedrich Magnus 1560 den Sekretären eine Hofreite überschrieben hatte, die er zuvor als »Hanauer Gut« erworben hatte. An dessen Stelle entstand 1635 der prächtige Fachwerkbau. Da Hochheimers Nachkommen auch über mehrere Generationen hinweg Bäcker waren, dürfte am Marktplatz also schon seit über 300 Jahren der Duft nach frischem Brot die Frühaufsteher unter den Laubachern betört haben.

In der »Huldigungsliste« von 1631, so Stein weiter, werde bereits ein Bäcker Matthis Göbell erwähnt, der laut Recherchen von Werner A. Becher und Phillip Debus ein Vorfahre des heutigen Bäckers Göbel war. Doch habe der keinen männlichen Nachkommen gehabt, der das Handwerk fortführte.

Die Familie Göbel mit ihrem Geschäft in der rechten Haushälfte am Markt musste sich gegen zahlreiche Mitbewerber behaupten. Waren es zunächst und für lange Zeit zwölf weitere Bäcker in der Altstadt, so sind es heute gerade noch besagte zwei. Die müssen sich vor allem der Konkurrenz der Discounter mit ihren Backshops erwehren.

Bei Karl Göbel bekommt der Kunde an sieben Tagen die Woche frische Waren aus der Backstube, ist die Ladentür bereits ab 5 Uhr geöffnet. Das Inhaberehepaar wird noch von einem angestellten Bäcker und drei Teilzeitkräften unterstützt.

 

Seit 1957 auch ein Café

 

Bis in die 1950er Jahre wurden im Keller, unter dem heutigen Verkaufsraum, Brot und Brötchen zubereitet. Nach Aufgabe der Landwirtschaft wurden dann die Ställe in der Grünemannsgasse zur Backstube umgebaut und der Laden neu gestaltet, sodass ab 1957 ein Café darin Platz fand.

Das Gebäude war lange Zeit verputzt, zudem war Friedrich Göbel (1873-1925), Urgroßvater des heutigen Inhabers Karl Göbel, ein Liebhaber von Weinstöcken. Nach starkem Regen konnte die Außenwand nie richtig austrocknen, sodass das Gebälk unter der Feuchtigkeit litt.

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