29. Januar 2019, 21:00 Uhr

Schule und Familie

Wenn Hausaufgaben Stress sind

Der Haussegen hängt mal wieder schief: Der Nachwuchs ist wutentbrannt, die Eltern sind verzweifelt. Schule und Familie, das ist nicht selten konfliktträchtig. Das muss aber nicht sein, sagt ein Experte.
29. Januar 2019, 21:00 Uhr
Ständig bei den Hausaufgaben einzugreifen, erhöht das Konfliktpotenzial. Der Experte empfiehlt, die Kinder möglichst selbstständig arbeiten zu lassen. (Fotos: dpa/pv)

Die Schule nimmt in vielen Familien einen immer breiter werdenden Raum ein. Hausaufgaben, die Vorbereitung auf die nächste Klassenarbeit oder das Projekt in Kunst, das übermorgen schon abgegeben werden muss – nicht selten leidet darunter das Familienleben. Dr. Ludger Busch ist Schulpsychologe beim Staatlichen Schulamt für den Landkreis Gießen und den Vogelsbergkreis. Er rät dazu, Grenzen zu ziehen, um den Familienfrieden nicht zu gefährden.

Herr Dr. Busch, Schule, Kinder und Eltern, das ist mitunter eine konfliktträchtige Kombination, oder?

Dr. Ludger Busch: Ja, es passiert häufiger, dass es hier zu Problemen kommt. Das liegt vor allen Dingen daran, dass der Stellenwert von Schule unterschiedlich beurteilt wird. Während die Eltern mitunter darauf drängen, dass der Sohn oder die Tochter mehr machen, mehr Zeit investieren, möchten die Kinder ihre Zeit für andere Sachen nutzen. Auch die Ansprüche an die Noten sind oft sehr unterschiedlich. Das führt dann zwangsläufig zu Konflikten.

Die Probleme beim gemeinsamen Lernen können das Familienleben belasten...

Busch: Gibt es Stress beim Lernen ist das eine gemeinsame Zeit, die negativ gefärbt ist. Es ist schwierig, danach den Schalter einfach wieder umzulegen. Kinder und Eltern haben dann meist eine Zeitlang keine Lust mehr aufeinander. Nach dem Motto: »Mit dir möchte ich heute nichts mehr unternehmen.« Das belastet natürlich das Familienleben.

Wie kann man dieser Spirale der schlechten Laune entgehen?

Busch: Selbstständigkeit! Die sollten die Eltern von Anfang an forcieren. Dabei geht es nicht darum, den Nachwuchs mit seinen Problemen alleine zu lassen. Es geht vielmehr um Hilfe zur Selbsthilfe.

Wie können Eltern die Kinder dabei unterstützen?

Busch: Die Selbstständigkeit des Kindes sollte schon mit Beginn des ersten Schuljahres gefördert werden. Die Eltern sollten klären, wo genau die Tochter oder der Sohn Unterstützung benötigen. Offene Fragen zur Aufgabenstellung können zum Beispiel gemeinsam geklärt werden. Danach kann das Kind selbstständig arbeiten. Wenn die Eltern ständig danebensitzen, ständig eingreifen und Fehler sofort korrigieren, dann nerven sie die Kinder. Korrekturen kann man am Schluss gemeinsam machen. Nicht hilfreich ist es zudem, wenn die Eltern den Kindern eigene Strategien für die Lösung einer Aufgabe vermitteln, die nicht zur Lernstrategie der Schule passen.

Können Sie das bitte näher erläutern?

Busch: Nehmen Sie das Beispiel Lesen. Was und wie viel geübt wird, sollte im Einklang mit der Schule passieren. Wenn als Hausaufgabe ein Kapitel aus einem Buch aufgegeben wird, sollten sich die Eltern auch daran halten und vom Kind nicht mehr fordern. Nach dem Motto: »Schaden kann es ja nicht.« Das wird aber vom Nachwuchs dann als Willkür erlebt. Man sollte sich grundsätzlich an das Pensum halten, das von der Schule vorgegeben wird.

Aber wenn es doch nicht schadet...

Busch: Das kann es aber. Es geht um realistische Erwartungen. Das ist ganz wichtig. Ich muss mir darüber im Klaren sein, was mein Kind leisten kann. Sonst besteht die Gefahr, dass ich es überfordere. Das Resultat ist ein negatives Gefühl. Das Kind denkt: »Ich schaffe das nicht, weil ich mich nicht genug anstrenge.« Schule sollte nicht das beherrschende Thema im Familienalltag werden.

Das Kind hat aber beispielsweise Probleme in einzelnen Schulfächern. Dann muss doch auch mehr in diesen Fächern gemacht werden, oder?

Busch: So lange die Zusammenarbeit klappt oder das Kind Unterstützung wünscht ist dagegen nichts zu sagen. Aber man darf es nicht übertreiben. Man sollte sich schon die Frage stellen, wie viel Raum Hausaufgaben und Lernen einnehmen. Und wenn es die Bedürfnisse aller einschränkt, muss man die Reißleine ziehen. Dann ist eine strukturierte Hausaufgabenbetreuung zu festen Terminen vielleicht hilfreicher, als stunden- oder tagelang zu versuchen, das Problem selbst in den Griff zu bekommen. Die Gefahr ist, dass die Eltern-Kind-Beziehung dauerhaft Schaden nimmt, wenn dieser Schulkonflikt über einen längeren Zeitraum andauert. Wie gesagt, es geht um die Bedürfnisse aller Beteiligten. Um die der Kinder, aber auch um die der Eltern. Wenn man zum Beispiel Hobbys vernachlässigt, weil man mit dem Kind Mathe pauken muss, dann ist man auf dem falschen Weg.

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