13. Juni 2018, 19:00 Uhr

Johanna-Prozess

Rechtsmedizinerin: Todesursache im Mordfall Johanna bleibt unklar

Wie ist Johanna Bohnacker gestorben? Eine Antwort auf die Fragen sollten am siebten Prozesstag am Gießener Landgericht Experten geben. Es wurde klar: Die Zeit hat wichtige Spuren verwischt.
13. Juni 2018, 19:00 Uhr
Der Angeklagte Rick J. streitet ab, Johanna Bohnacker missbraucht und getötet zu haben. Ihr Tod sei ein Unfall gewesen, sagt er. (Foto: Schepp)

Einige Knochen stammten von Tieren, andere von einem Menschen. Manche Fragmente seien schwer zuzuordnen gewesen, erinnerte sich die Rechtsmedizinerin. Sie hatte vor 18 Jahren die sterblichen Überreste von Johanna Bohnacker untersucht. »Zur Todesursache kann keine weitere Aussage getroffen werden«, ergänzte die 53-Jährige, die am Mittwoch als Zeugin vor dem Gießener Landgericht aussagte.

Auf der Anklagebank sitzt der 42 Jahre alte Rick J. Er gibt zu, am 2. September 1999 die damals acht Jahre alte Johanna Bohnacker aus Ranstadt (Wetteraukreis) betäubt und entführt zu haben. Ihr Tod sei ein Unfall gewesen. Die Staatsanwaltschaft geht hingegen davon aus, dass J., der zuletzt in Friedrichsdorf (Hochtaunuskreis) lebte, Johanna missbraucht und ermordet hat. Ihr Kopf sei 29 Mal mit Klebeband umwickelt worden. Johanna erstickte.

 

Mordfall Johanna: Nur wenige Knochen übrig

Die Spurenlage ist schwierig. Johannas Leiche lag sieben Monate in einem Waldstück bei Alsfeld (Vogelsbergkreis), bevor ein Spaziergänger sie fand. Schädel, Zähne, ein Mittelfußknochen und einige Knochenfragmente – mehr konnte nicht untersucht werden. Der zierliche Schädel war laut der Expertin zum Teil bereits verwittert. Weder an ihm noch an den anderen Knochen habe man Werkzeugspuren oder frische Verletzungen feststellen können. »Was wir gefunden haben, ist durch Tierfraß zu erklären«, sagte die Zeugin.

Ein weiterer Rechtsmediziner schilderte, wie er über einen Zahn DNA hatte isolieren können. Eine Vergleichsprobe von Mutter Gabriele Bohnacker ergab traurige Gewissheit: Es handelt sich mit 99,9 Prozent um die sterblichen Überreste von Johanna.

 

Mordfall Johanna: Ermittler rekonstruieren Tat

Rick J. hatte in seiner Einlassung am zweiten Prozesstag geschildert, er habe kurz nach der Entführung ein Mal in den Kofferraum geschlagen, um die aus der Betäubung erwachende Johanna zurückzudrängen. Dabei habe er sie womöglich verletzt, mutmaßte er. J. berichtete weiter, er habe Johannas Kopf mit Klebeband umwickelt, jedoch darauf geachtet, dass ihre Nase frei sei. Johannas Körper sei kalt gewesen, als er den Kofferraum erneut geöffnet habe.

Ermittler haben versucht, die Tat detailgetreu zu rekonstruieren. Ein Kinderarzt und ein Anästhesist wagten den Versuch: Sie besorgten einen Jetta. Der Kinderarzt legte sich verkabelt in den Kofferraum, überprüfte, ob man darin ersticken kann. Ergebnis: »Das Ersticken einer Person, die 1,30 Meter groß ist und 30 Kilogramm wiegt, ist ausgeschlossen«, sagte der Kinderarzt am Mittwoch. Der Kofferraum sei nicht luftdicht, die Abtrennung zum Fahrgastraum durchbrochen. Der Anästhesist berichtete, die Möglichkeit, dass sich Johanna nach der Betäubung mit Chloroform erbrochen habe, sei als gering einzuschätzen.

 

Mordfall Johanna: Leichenstarre bereits eingesetzt

Ein Oberarzt vom Rechtsmedizinischen Institut in Gießen sagte im Zeugenstand, ein Schlag wie der, den J. geschildert habe, sei nicht geeignet, einen Knochen zu brechen. Allerdings hätte der knorpelige Bereich um die Nase verletzt werden können. »Ist eine solche Verletzung lebensgefährlich?«, wollte Richterin Regina Enders-Kunze wissen. »Nein«, antwortete der Experte. Außer, wenn der Mund verklebt sei und es in Folge der Verletzung zu einer Blutung komme, das Blut dann eingeatmet werde. Dasselbe gelte im Fall von Erbrechen. Die Totenstarre setze in der Regel nach zwei Stunden ein, sei nach spätestens acht Stunden voll ausgeprägt. Wenn der Angeklagte also schildere, die Leiche sei bereits steif gewesen, »dann war der Tod schon sechs bis acht Stunden her«.

J. selbst will nur wenige Stunden mit Johanna im Kofferraum umhergefahren sein. Eine Soko-Ermittlerin hatte im Zeugenstand jedoch von einer Tankstellenquittung berichtete, die J. in der Nacht zum Samstag, 4. September, in der Nähe von Grünberg – also nahe des Ablageortes – erhielt. Dies könne, mutmaßte die Beamtin, darauf hindeuten, dass J. »sich länger als nur ein paar Stunden mit Johanna beschäftigte«, und würde nach ihrer Einschätzung auch erklären, warum J. die Achtjährige bereits »kalt und steif«, in seinem Kofferraum fand.

Der Prozess wird fortgesetzt.

Info

Die Verteidiger

Rick J. wird von den Bonner Anwälten Uwe Krechel und Thomas Ohm vertreten. Ohm kennt J. schon seit vielen Jahren, immer wieder verteidigte der Jurist den Friedrichsdorfer, wenn er wegen Drogendelikten vor Gericht gestanden hatte. Krechel hat in der Vergangenheit mehrfach Mörder und Totschläger vertreten, er berichtet davon in seinem 2011 veröffentlichtem Buch. Krechel war als Schauspieler tätig, war einer der Anwälte in der Gerichts-Show Richterin Barbara Salesch auf Sat1. (lk)

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