17. Juli 2018, 21:00 Uhr

Sommergeschichte

Kein Urlaub für Ballzauberer

Urlaubsreise in die Sonne? Das war in den 70er Jahren vielen nicht vergönnt. Dafür gab es für Daheimgebliebene zum Beispiel Ferien zwischen literarischem Kopfball und fußballerischem Hackentrick.
17. Juli 2018, 21:00 Uhr
Der Ball ist rund und ein Karl-May-Buch hat 500 Seiten: Ferienvergnügen für Daheimgebliebene in den Siebzigerjahren. (Foto: rüg)

Ach, was hat man sich immer auf die Sommerferien gefreut. Sechs Wochen, in denen man (fast) tun und lassen konnte, was man wollte. Und wie hätte ich mich auch auf zwei Wochen Urlaubsreise mit meinen Eltern gefreut, wenn es sie denn gegeben hätte – die Urlaubsreise.

Aber im Hause Geis hatte das kleine, sauer zusammengesparte Eigenheim Priorität. Investitionen in den Werterhalt und nicht ins Vergnügen waren da angesagt.

Futter für Körper und Geist

Und während mein bester Freund jedes Jahr familiäre 14 Tage am schönen Ostseestrand verbrachte oder andere enge Kumpels schon die ersten Flüge nach Mallorca oder an andere Mittelmeergestade erlebten, blieb der kleine Rüdiger notgedrungen zu Hause und betrieb eine besondere Beschäftigungstherapie, die sowohl den Körper als auch den Geis(t) forderte: Ball und Buch.

Die zeitliche Gestaltung eines Ferientages hing dann nicht unwesentlich davon ab, ob die Lektüre spannend war. Da ich in der vorpubertären Ära meines Lebens gerade Karl May entdeckt hatte, war diese Frage schon mal schnell und grundsätzlich geklärt.

Nächtliche Lektüre

Hatte aber auch zur Folge, dass der sonst übliche Tagesablauf mit morgens aufstehen und abends zu Bett gehen manchmal total aus den Fugen geriet.

Dann nämlich, wenn es galt Sklavenjäger im Sudan zur Strecke zu bringen oder die berüchtigen Geier-Banditen im Llano Estacado. Da ging schon mal manche Nacht drauf (übrigens nie mit der berühmten Taschenlampe unter der Bettdecke) und der Schlaf wurde nachmittags nachgeholt.

Ansonsten war kühles Nass angesagt, im herrlichen Waldschwimmbad des nicht überall so attraktiven Industriedorfes Sinn. Das Bad bot aber eine weithin bekannte Attraktion, nämlich einen Fünf-Meter-Sprungturm. Der wurde übrigens vor einigen Jahren vom späteren Turn-Olympiasieger Fabian Hambüchen zum Üben seiner Salti genutzt.

Fußballplatz mitten im Ort

Ja, und dann gab es ja noch mitten im Ort den Fußballplatz, von meinem Elternhaus aus quasi auf der anderen Seite der Straße. Der war in den Siebzigerjahren noch nicht eingezäunt und für jedermann oder jedermanns Kind zugänglich.

Da traf ich mich dann morgens, nachmittags und abends mit anderen Daheimgebliebenen oder denen, die schon oder noch nicht im Urlaub gewesen waren.

Die zentrale Ortslage war günstig, sodass eigentlich immer genügend Fußballverrückte dort waren. Sie hatte aber auch den Nachteil, dass das Areal in Ermangelung eines eigentlichen Festplatzes auch für vier Tage Kirmes genutzt wurde – die nicht selten in die Ferien fielen.

Kirmes, Zirkus und kleine Wunden

Leider gelangte so manches Bierglas nicht wieder zurück zum Zeltwirt nebenan, sondern wurde nach Gebrauch gleich auf dem Spielfeld entsorgt. Und zwar in vielen kleinen Einzelteilen, die dann so manchen Schmiss in Hand, Arm oder Bein hinterließen.

Manchmal gastierte auch ein kleiner Zirkus am Rand des Sportplatzes. Affen sahen wir also nicht nur in den damals beliebten Tarzan-Filmen. Und dass Lamas ekliges Zeug spucken können, musste man nicht erst in der Schule lernen.

Besonderes Auswahlsystem

Doch zurück zur schönsten Nebensache der Welt. Auf dem Sportplatz war man nie allein, zumindest nicht lange. Sobald sich der Erste mit Ball an den Spielfeldrand setzte, kamen sie aus allen Ecken.

Waren es ausreichend viele, dann wurden Mannschaften gebildet. Wobei ich aus heutiger Sicht sagen muss, dass dem Auswahlsystem (Tipp Topp) die soziale Komponente fehlte. An der Reihenfolge der Nominierten konnte man schon erkennen, wer als Ballvirtuose eingestuft wurde und wer als »stets bemüht«.

Kleine Europameisterschaft

Viele der Fußballverrückten stammten aus den Gastarbeiterfamilien in den Firmensiedlungen: Spanier, Italiener, Portugiesen, Griechen, Jugoslawen und Türken. Beim Spielsystem eins gegen eins auf ein Tor konnte man also auch schon mal eine kleine Europameisterschaft austragen.

Aber so rund der Ball auch war: Irgendwann war Abendbrot angesagt. Das war aber manchmal nur so eine Art Halbzeitpause, denn danach ging es noch mal für ein, zwei Stunden aufs Spielfeld. Irgendwer war immer da.

Und wenn nicht? Dann gab es immer noch genügend Llano-Geier, Sklavenjäger oder Wüstenräuber dingfest zu machen. Morgen ist ja auch wieder ein Ferientag.

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