Disko-Serie

Diskothek »Flash«: Wie ein Blitz durch die Achtziger

An einem Freitag, dem 13., schlug der Blitz im beschaulichen Ballersbach bei Herborn ein: 1981 eröffnete die Diskothek »Flash« – zehn Jahre ein Magnet für junge Leute aus der Region.
09. Januar 2018, 20:26 Uhr

Disko

In den 70er und 80er boomten Diskotheken. Viele der legendären Tanztempel gibt es längst nicht mehr. In unserer Serie »Saturday Night Fever« öffnen wir noch einmal die Türen.

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Das »Flash« lockte in den Achtzigern die Disco-Fans förmlich ins untere Aartal im Lahn-Dill-Kreis. Am Ortsrand von Ballersbach öffnete auf dem Höhepunkt der Disco-Welle ein Tanzschuppen, der sich schnell einen legendären Ruf erwarb.

Mit Wehmut erinnert sich der damalige Discjockey Georg »Schorsch« Schreitz (62) an diese turbulente Zeit, als die Neue deutsche Welle, Modern Talking oder Depeche Mode die Charts bestimmten.

Gut aufgelegt: Diskjockey Georg »Schorsch« Schreitz bei der Arbeit.
Gut aufgelegt: Diskjockey Georg »Schorsch« Schreitz bei der Arbeit.
 

»Central Studio« und »Big Apple«

Der gebürtige Friedberger hatte eigentlich Anfang der 1970er Jahre Verlagskaufmann bei der Wetterauer Zeitung gelernt. Nach der Lehre ging er zunächst als Verkaufsberater zu Coca-Cola.

Dadurch ergaben sich Kontakte zur Gastronomie, und schon bald arbeitete Schreitz nebenbei auch als Discjockey. Das sprach sich schnell in der Szene herum. »Da kannte jeder jeden, und da hat der eine auch den anderen abgeworben«, erinnert sich der 62-Jährige.

Von den Anfängen im Friedberger »Central Studio« zog es ihn schon bald nach Gießen. Er legte im »Big Apple« Platten auf, anschließend auch im »Race« in Aßlar.

 

Donnerstag war der Renner

Dann kam das Angebot, im »Flash« anzuheuern, das gerade im Entstehen war. Das Gebäude direkt an der schon vor vielen Jahren stillgelegten Bahnstrecke durchs Aartal war ursprünglich eine Tennishalle mit kleiner Gastronomie.

Doch der Laden brummte nicht so recht – der Tennisboom mit Boris Becker, Steffi Graf und Michael Stich begann ja erst Mitte der 80er Jahre.

Und so entschloss sich der Eigentümer zur Vermietung und zum Umbau, um auf der aktuellen Disco-Welle mitzuschwimmen. Und das schlug in der Region so ein wie sein Name: »Flash«.

Da haben die Leute schon um 20 Uhr an der Tür gekratzt

Georg Schreitz, Ex-Discjockey

Anfangs von Mittwoch bis Sonntag geöffnet, entwickelte sich der Donnerstag zum absoluten Renner. Sonderangebote und günstige Getränkepreise lockten vor allem Jugendliche und junge Erwachsene auch aus dem Gießener Raum und vom Westerwald an, deren Geldbeutel nicht so üppig gefüllt war.

Nichts geht ohne Misswahlen: Auch im "Flash" gehörte der Schönheitswettbewerb zum Programm.
Nichts geht ohne Misswahlen: Auch im "Flash" gehörte der Schönheitswettbewerb zum Programm...

»Da haben die Leute schon um 20 Uhr an der Tür gekratzt«, schmunzelt Schreitz. »Und wehe, um halb neun wäre es noch nicht richtig abgegangen.« Schließlich gab es damals die Sperrzeit um ein Uhr nachts.

Und die wurde in der Gemeinde Mittenaar, zu der Ballersbach gehört, sehr eng gehandhabt. »Ausnahmen gab es so gut wie keine.« Obwohl die Bude um eins meist noch genauso voll war wie kurz nach der Öffnung. »Das war schon schlimm, die Leute dann rausschmeißen zu müssen.«

 

Frank Sinatra als Rausschmeißer

Aber auch eine verkehrstechnische Maßnahme tat der Beliebtheit des »Flash« keinen Abbruch. Viele der Disco-Besucher nutzten den Verbindungsweg zwischen Ballersbach und dem Nachbarort Sinn.

Am frühen Abend kein Problem. Doch mitten in der Nacht fühlten sich die Sinner von den mitunter lautstarkenen Rückkehrern derart in ihrer Ruhe belästigt, dass beide Gemeinden eine Sperrung des Weges ab 22.30 Uhr bis morgens beschlossen.

Wer keinen Strafzettel riskieren wollte, musste also den längeren Weg über Herborn nehmen. Das habe sich auf den Besuch aber nicht nennenswert ausgewirkt: »Wo Tauben sind, fliegen Tauben hin«, sagt Schreitz.

Unters Publikum – an Wochenenden zog es auch ältere Semester ins »Flash« – mischten sich auch zahlreiche Bundeswehrsoldaten und amerikanische GIs aus den Kasernen im benachbarten Herbornseelbach. Denn gespielt wurde alles. Auch Oldies. Und den Rausschmeißer machte regelmäßig Frank Sinatra mit »New York«.

 

Schwieriger Nino de Angelo

Favoriten waren natürlich typische Abräumer wie Modern Talking mit ihren einfachen und deshalb tanzbaren Hits oder Nena und andere Vertreter der NDW.

Natürlich kannte man auch im »Flash« die Nummer der skandalträchtigen Rosi aus München. »Shout« von Tears for Fears war Mitte der 80er schon fast eine Hymne im »Flash«.

Ein Großer der damaligen Zeit war persönlich da, just 1983, als er mit »Jenseits von Eden« seinen größten Erfolg verzeichnete: Nino de Angelo. »Der kam mit einem schwarzen 911er mit Kölner Nummer«, erinnert sich Schreitz. Vorsichtig ausgedrückt sei er eher schwierig gewesen. Eine nette Umschreibung für arrogant.

Das »Flash« lockte auch mit anderen Attraktionen: Schlamm-Catchen, Man-Strip, Misswahlen oder auch Shows, bei denen schon mal die Hüllen (auch von Gästen) fielen.

 

Misswahlen und Beachpartys

Bei den Miss-Busen-Wahlen lagen zwar attraktive Model-Figuren vorn, bei der Bestimmung der Oberweite konnte aber auch schon mal ein übergewichtiges Mannsbild der Größte sein. Lockere Zeiten im Vorfeld von RTL und »Tutti Frutti«.

Für Beachpartys wurde dann schon mal ein Schwimmbecken angelegt und mit eigens angekarrtem Sand die passende Strandatmosphäre geschaffen.

Das ging einmal allerdings schief, als ein ziemlich angeheiterter »Badegast« auf den Rand des improvisierten Pools krachte und diesen eindrückte. »Der Wasserschaden hielt sich aber in Grenzen. War ja alles gefliest«, lacht Schreitz.

Auch Madame Gigi gastierte mit ihrer bekannten Travestie-Show im »Flash«, ebenso Show-Hypnotiseur Gasbardin und »Mallorca-König« Jürgen Drews.

 

Umbenennung ohne Erfolg

Mit dem Abflauen der klassischen Disco-Welle Ende der 1980er Jahre ging auch das langsame Sterben vieler Diskotheken einher. Ende der 80er sei es einfach nicht mehr so gut gelaufen, erinnert sich der 62-Jährige, der zwischenzeitlich auch mal in den Diskotheken in Londorf, Nonnenroth, Holzheim und Wetzlar aufgelegt hatte.

Vor der alten Wirkungsstätte: Wo Georg Schreitz einst Platten auflegte, befinden sich heute ein Bistro und eine Spielhalle.	(Foto: rüg)
Vor der alten Wirkungsstätte: Wo Georg Schreitz einst Platten auflegte, befinden sich heut...

So blitzschnell der Aufstieg des »Flash« war, so rasant kam auch der Niedergang. Auch ein Umbau, eine neue Musikanlage und die Umbenennung in »Helicon« brachten nicht mehr als ein kurzes Aufblitzen des früheren Erfolgs.

Bis 1994 betrieb Schreitz im vorderen Bereich des Gebäudes noch eine Kneipe. Der eigentliche Diskotheken-Trakt wurde zu Wohnraum umgebaut, um dort Asylbewerber unterzubringen. Schon vor vielen Jahren zog eine Spielothek ein. Mittlerweile ist dort auch wieder ein Bistro untergebracht.

Schreitz wechselte in den Nachbarort Sinn und eröffnete dort in der Nähe des Bahnhofs eine neue Diskothek. »Aber da war die Zeit vorbei. Das hätte ich besser nie gemacht«, resümiert er.

Ich habe sehr schöne Erinnerungen ans ›Flash‹. Ich lernte dort die Liebe meines Lebens kennen. Aber alles hat seine Zeit. Und die ist leider abgelaufen

Georg Schreitz, Ex-Discjockey

1997 war Schluss. Fortan organisierte er mit einer Koblenzer Agentur Disco-Veranstaltungen. 2005 zog er sich krankheitsbedingt aus dem Geschäft zurück und zog nach Alpenrod im Westerwald.

»Ich würde alles Berufliche wieder so machen. Nur Sinn war ein Fehler«, bilanziert er seine Diskothekenjahre. »Ich habe sehr schöne Erinnerungen ans ›Flash‹. Ich lernte dort die Liebe meines Lebens kennen. Aber alles hat seine Zeit. Und die ist leider abgelaufen.«

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