23. Juni 2017, 21:18 Uhr

Der Schindler Boliviens?

23. Juni 2017, 21:18 Uhr
Der ausgewanderte Minenbesitzer Moritz Hochschild wurde in Bolivien zu einem reichen Unternehmer. (Foto: dpa)

El Alto (dpa). Edgar Ramírez hat ein Problem. »Eigentlich bräuchten wir deutschsprachige Historiker, die die ganzen Dokumente mit uns aufarbeiten«, sagt der Direktor des Archivo Minero. Er weiß, was es heißt, verfolgt zu werden. Während der Militärdiktatur in den 1970er Jahren saß er sieben Jahre lang in bolivianischen Gefängnissen. Heute hütet er einen Schatz – und kann kaum glauben, was sich da für ein Mosaik zusammensetzt, wie viele verfolgte Juden durch eine Flucht nach Bolivien womöglich vor den Gaskammern gerettet wurden.

Es geht um einen aus Hessen stammenden Mann, Moritz Hochschild, der durch Zinn in Bolivien ab 1921 reich wurde – und Tausende Juden mit falschen Pässen und Schiffs- passagen nach Südamerika holte. Ramírez nennt ihn den »Oskar Schindler Boliviens«. »Aber eigentlich ist der Vergleich schief, Hochschild hat sogar bis zu 10 000 Juden gerettet.«

Sensationelle Akten

El Alto, Bolivien: Es ist gar nicht leicht, in den staubigen Straßen auf 4100 Meter Höhe in dem Wirrwarr anonymer Häuserblöcke das Archiv der bolivianischen Minengeschichte zu finden.

Ramírez zeigt Fotos, wie hier bis vor ein paar Jahren Berge mit Dokumenten in einem Hinterhof lagerten – unter freiem Himmel. »Wir haben 30 bis 40 Prozent verloren.« Sein Glück war, dass 2003 Carlos Mesa Präsident wurde, ein Historiker. Er sah sich den ganzen Schlamassel in El Alto an und sagte: »Das müssen wir retten.« Per Dekret wurde der Aufbau eines nationalen Minen-Archivs angeordnet – und es gibt das notwendige Geld, unter dem aktuellen Präsidenten Evo Morales 70 Millionen Bolivianos (8,8 Mio. Euro).

Es wurde ein modernes Archivgebäude gebaut – mit Außenstellen gibt es heute 40 Kilometer an Akten. Allein in El Alto lagern 47 000 Pläne von Minen, immerhin zwei Millionen Arbeiter haben seit 1500 in den Minen Boliviens geschuftet. Und während Ramírez sich mit einem Team von 40 Mitarbeitern an die Rettung der Dokumente machte und alles ordnete, stießen sie auf Primärquellen, die sie staunen ließen. Vor der Verstaatlichung dominierten drei Männer das Minengeschäft im Andenstaat: Simón I. Patiño, Carlos Aramayo und Moritz Hochschild. Mehrere Gänge im Keller des Archivs umfassen heute gerettete Akten zum Hochschild-Imperium. Aber die 32 Ordner mit Hunderten Briefen zu Hochschilds Mission »Judenrettung« werden hier gesondert gelagert. Sie gelten als so bedeutend, dass die UNESCO sie zum historischen Welterbe erklärt hat.

Besonders nach den Pogromen im November 1938 forciert Hochschild die Fluchtorganisation, er reist mehrfach nach Europa, um ganze Koffer mit gefälschten bolivianischen Pässen zu überreichen, berichtet die Schriftstellerin Verónica Ormachea Gutiérrez, die eine Novelle über diese außergewöhnliche Geschichte dieses etwas in Vergessenheit geratenen Mannes geschrieben hat.

Hochschild hat damals beste Kontakte zu Präsident Germán Busch, dessen Vater auch Deutscher war. Busch toleriert Hochschilds Einwanderungspläne. Dieser gründet die Fluchtorganisation Sociedad Protectora para Israelitas (SOPRO). Auf ihm gehörenden Ländereien bietet er eingereisten Juden eine Tätigkeit in der Landwirtschaft an, aber viele finden keine Arbeit und bei der Bevölkerung regt sich bald Widerstand. In einem Brief schreibt Hochschild 1939 an Kontaktmann Dr. Eisner in London: »Die bolivianische Regierung gibt momentan keine Erlaubnis für die Immigration weiterer Juden, da sich schon jetzt in Bolivien 3000 Juden ohne jede Arbeitsmöglichkeit befinden.« Doch wenig später scheint der Stopp wieder aufgehoben – am 30. April 1940 schreibt er an Mr. James Rosenberg in New York: »Wir haben . .. zwischen 9000 und 10 000 Juden reingebracht.« Allerdings habe man nicht das Versprechen einlösen können, dass alle das Land kolonisieren – die meisten lassen sich in La Paz nieder, was dort zu einem Anstieg des Antisemitismus führt. Mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges kommen dann alle Pläne zum Erliegen.

Bezahlte Hochschild alle Schiffspassagen? Woher kamen die Juden? Wie wurden sie ausgewählt? Stimmen die Zahlen? »Vieles ist noch nebulös«, sagt Archivleiter Ramírez. Man steht ganz am Anfang, die Briefe müssen erst einmal digitalisiert werden.

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