26. März 2019, 09:00 Uhr

Tinnitus

Das Phantom im Ohr

Rauschen, Pfeifen, Zischen, Klingeln – das merkwürdige Geräusch im Ohr lässt Menschen nicht zur Ruhe kommen: Tinnitus. Eine neue Studie der Universität Marburg weckt Hoffnung auf Linderung.
26. März 2019, 09:00 Uhr
Bei der neuen Behandlungsmethoden werden mit Elektroden Gehirnströme gemessen. Der Patient erhält Rückmeldungen über seine Gehirnaktivität, die er sonst nicht wahrnehmen kann, und lernt, Fehlfunktionen auszugleichen. (Foto: Liv Betker)

Das Summen und Zischen im Kopf ist immer da. »Ich höre es, wenn ich ins Kino gehe, wenn ich einkaufen gehe, wenn ich draußen auf der Straße bin und wenn ich schlafen gehe«, sagt Martin Jensen.

Seit sieben Jahren lebt er mit Tinnitus, hat den Lärm meistens akzeptiert und kann die Ohrgeräusche weitgehend ignorieren. Dies hat ihn jedoch auch dazu motiviert, Behandlungen für diese Symptomatik zu untersuchen.

Der dänische Gastwissenschaftler gehört zu einem Team von Forschern an der Uni Marburg, die sich am Fachbereich Psychologie unter der Leitung von Dr. Cornelia Weise mit einer neuen Studie über Tinnitus beschäftigen.

Leider gibt es zu diesem Zeitpunkt keine Heilung für Tinnitus, obwohl dies eine sehr häufige Erkrankung ist, die zwischen zehn und 20 Prozent der Gesamtbevölkerung betrifft

Dr. Cornelia Weise , Universität Marburg

Gemeinsam mit Wissenschaftlern der dänischen Forschungseinrichtung Eriksholm Research Center haben sie eine neue Form der Neurotherapie entwickelt.

Diese Behandlung zielt darauf ab, Tinnitus-Betroffenen dabei zu helfen, die Auswirkungen dieses für manche Menschen sehr stark beeinträchtigenden Symptoms zu reduzieren.

Weise forscht schon länger an der Behandlung der Erkrankung: »Leider gibt es zu diesem Zeitpunkt keine Heilung für Tinnitus, obwohl dies eine sehr häufige Erkrankung ist, die zwischen zehn und 20 Prozent der Gesamtbevölkerung betrifft.«

Daher erforscht das Marburger Wissenschaftler-Team neue Wege und Ideen, um das »Klingeln in den Ohren« deutlich zu verringern. Neurofeedback könnte eine Lösung sein. Diese Behandlungsmethode bietet das Forscherteam nun Personen aus Marburg und Umgebung an, die das unaufhörliche Ohrensausen erleben.

Messung der Gehirnströme

Teammitglied Jensen erklärt: »Wir wissen, dass Tinnitus ein sogenanntes Phantomgeräusch ist. Das bedeutet, Tinnitus wird durch aktive Neuronen im Gehirn verursacht, obwohl objektiv kein Geräusch von außen vorhanden ist. Mit dem Neurofeedback hoffen wir, diese Aktivität im Gehirn zu reduzieren, die für die Erzeugung der anhaltenden Geräuschwahrnehmung verantwortlich ist.«

Beim Neuerofeedback werden mit vier am Kopf der zu untersuchenden Person angebrachten Elektroden die Gehirnströme gemessen.

Über einen EEG-Verstärker werden die Signale direkt an einen Computer weitergeleitet, der sie in sogenannte Alpha-, Beta-, Ceta-, Delta- und Gamma-Ströme aufteilt. Diese lassen wiederum Rückschlüsse auf die Ursachen der Beschwerden zu oder den Zustand des Untersuchten. Ein verstärkter Anteil von Alpha-Wellen wird mit leichter Entspannung bzw. entspannter Wachheit assoziiert.

Patient erhält Rückmeldungen

Der Patient selbst erhält Rückmeldungen über seine Gehirnaktivität, die er selbst nicht wahrnehmen kann. Er lernt, Fehlregulierungen der Gehirntätigkeit auszugleichen und zu einer besseren Funktionsfähigkeit zu kommen.

Mit der Neurofeedback-Methode, die zum Beispiel bei Angstzuständen oder Schlafstörungen eingesetzt wird, wollen die Marburger Forscher nun auch die Ursachen von Tinnitus besser erforschen und Patienten helfen, das Phantom im Ohr zu bändigen und das ständige Geräusch zu reduzieren. Zusätzlich sollen die Betroffenen lernen, mit dem Leiden besser umgehen zu können und wie sie es bewerten.

Lautstärke nicht entscheidend

Denn nach früheren Studien ist nicht die Lautstärke des Rauschens, Klingelns oder Pfeifens entscheidend. »Manche Menschen leben gut mit Tinnitus und können ihn ignorieren, auch wenn er laut ist, während andere mit kaum hörbarem Tinnitus große Schwierigkeiten haben, sich damit abzufinden«, sagt Dr. Weise.

»Das Leben mit Tinnitus kann – vor allem am Anfang – sehr lästig sein. Ich kenne viele Menschen, die so verzweifelt sind, dass sie sich einen Finger abnehmen lassen würden, um den Lärm aus ihren Köpfen zu bekommen«, ergänzt Jensen, der erfreut ist, an der Studie teilnehmen zu können. »Für mich ist es mehr als ein akademisches Interesse. Es ist persönlich.« (Foto: Liv Betker)

Info

Neurofeedback – Training fürs Gehirn

(rüg). Neurofeedback gehört zu den Biofeedback-Therapien. Über auf der Kopfoberfläche angebrachte Elektroden können Informationen zur neurologischen oder EEG-Hirnaktivität überwacht und für den Patienten auf einem Bildschirm sichtbar gemacht werden. Dieser kann eine gewollte Kontrolle über diese unter normalen Umständen unwillkürlichen Gehirnprozesse erlangen. Die Idee beim Neurofeedback ist, dass verschiedene psychologische Symptome wie ADHS oder auch Tinnitus daraus resultieren, dass Gehirnwellen in einem oder mehreren Bereichen des Gehirns nicht mit ihrer Umgebung harmonieren. Sie können dann gezielt trainiert werden, um in größerer Harmonie mit ihrer Umgebung zu arbeiten. Dieser Methode bedient sich die Marburger Studie im Gegensatz zu früheren Untersuchungen, deren Ergebnisse aber ebenfalls in die Bewertung mit einbezogen werden. Insgesamt sollen 120 Probanden begutachtet werden. Etwa ein Drittel konnte seit Start der Studie im November vergangenen Jahres untersucht werden. In einem Jahr hofft die Forschungsgruppe zum Abschluss der Tests zu kommen. Für unter Tinnitus leidende Menschen in der Region bietet sich also noch die Möglichkeit, sich als Proband für die Studie zu bewerben (https://www.iterapi.se/sites/tone/).

Schlagworte in diesem Artikel

  • Philipps-Universität Marburg
  • Tinnitus
  • Rüdiger Geis
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 31 - 1: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.