17. Mai 2009, 20:06 Uhr

Opulente Klänge und kluge Regie lassen Handlung erblühen

Immer wieder ist es ein spannender Moment für informationshungrige Operngänger, wenn das Stadttheater mit einer Rarität aufwartet. Am Samstag war es keine »Ausgrabung« aus Barock oder Belcanto, sondern ein »Hör«-Blick in neuere Zeiten, einen Bereich, der in Gießen ebenfalls traditionell gepflegt wird. So rangieren unter den Musiktheater-Werken ab Mitte des vorigen Jahrhunderts am Hause seit vielen Jahren die Opern von Gian-Carlo Menotti (1911 - 2007) ganz vorn.
17. Mai 2009, 20:06 Uhr
Innige Beziehung: Sabine Paßow (oben, Vanessa) und Odilia Vandercruysse (Erika).

Hier gibt es einige Querverbindungen zu der neuen Produktion, die bei der Premiere mit langem Beifall aufgenommen wurde: Samuel Barbers erste Oper »Vanessa« (1958). Zu dieser Oper schrieb Barbers schon opernerfahrener Lebensgefährte Menotti das Libretto. Nicht zu vergessen war es Herbert Gietzen, dem die langjährige Verbundenheit Menottis mit dem Gießener Musentempel zu verdanken ist. Und Intendantin Cathérine Miville bringt hierzu bereits Regie-Erfahrung mit, hat sie doch vor einigen Jahren eine viel geschätzte Aufführung seines »Konsul« am Stadttheater inszeniert.

Die Libretti des zu Studienbeginn in die USA übergesiedelten Italieners Menotti sind auch bei dessen eigenen Opern stets eng mit musikalischen Vorgängen, Charakteren und Handlung verbunden; das trifft auch auf »Vanessa« zu. Ob allerdings Tanja Blixens »Gothic Tales« für Atmosphäre und Gegenstand einflossen, ist nicht geklärt. Dies zumindest scheint für Mivilles Inszenierung unerheblich gewesen zu sein. In dem übersichtlichen, ästhetischen Bühnenbild - Boden und Decke sind floral ornamentierte Scheiben in wechselnden Schräg- und Drehlagen - gibt es (beleuchtete) Stufen und wenige, aber effektvolle Details. Sie unterstreichen die teils beängstigende oder gespenstische Situation, zum Beispiel am Ende des ersten Aktes im Monolog der Erika, während aus dem Off der Kirchenchor ertönt.

Zum Inhalt: Baroness Vanessa wartet seit 20 Jahren auf Anatol. Bei ihr wohnen die alte Mutter und die junge Nichte Erika, ein Dienerpaar garantiert für die Aufrechterhaltung der täglichen Rituale. Da taucht Anatol endlich auf - allerdings nicht der Liebhaber, sondern sein Sohn, der erst sein genüssliches Spielchen mit Erika treibt, aber Vanessa heiratet und mit ihr nach Paris geht. Nun wartet Erika - aber anders (»Now it is my life«). Der Kreis hat sich geschlossen. Warten, Ankommen, Sein und Schein von Liebe - und um es nicht zu hermeneutisch zu machen - auch fröhlich-sympathische Abgeklärtheit (Doktor), Unterhaltsames (Party) und Abschied. Eine Dreiecksgeschichte nicht ohne Blessuren mit Open End.

Offenbar haben sich der Dirigent, die Regisseurin und der Opernstoff des Komponisten Samuel Barber »gut verstanden«. Denn der dreiaktige Opernabend besticht durch formale Geschlossenheit, zu der die bewährte Kooperation mit Bühnenbildner Lukas Noll und nicht zuletzt die ausgefeilte Lichtregie von Christoper Moos beitragen. Herbert Gietzen zauberte am Premierenabend mit Verve die ganze Palette der zwischen melodiösen Höhepunkten (unter anderem die Arien der Vanessa »He has come« und der Erika »Must the winter come so soon«) und expressiven, fast atonal wirkenden Intervallsprüngen aus dem Orchestergraben. Heftige, auch dissonante Tutti-Ausbrüche stehen neben wunderbar ziselierten Details besonders der Holzbläser, ironisch kommentierte Walzertakte werden auf der Bühne auch choreografisch entsprechend unterstrichen. Synkopische Rhythmik und treibendes Tempo erinnern an Strawinsky. Vielfach variierte Anleihen von Richard Strauss bis Bernstein, selbst impressionistisch wirkende Passagen kommen vor - insgesamt besticht opulente Farbigkeit in gekonnter Instrumentierung.

Hier spricht die Orchestererfahrung des frühvollendeten, bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten Barber, aber auch der eingängige und geschickt mit Neuem kombinierte Eklektizismus seines Freundes und Mitarbeiters (wir erinnern uns an die Tonsprache von Menottis »La Loca«, die 1981 unter Leitung des Komponisten am Gießener Theater ihre europäische Erstaufführung erlebte). Die Philharmonie folgte dem Impetus des Dirigenten durch die komplexe Partitur. Sie verlangt auch den Sängern einiges ab - und der Aufmerksamkeit des Publikums, zumal die Texte über die eigentlich karge Handlung hinaus weisen und ebenso innere Vorgänge als auch allgemeingültige Lebensweisheiten oder burleske Momente thematisieren.

Eine sichere Hand wirkte bei den Sängerbesetzungen: Die wandlungsfähige Gast-Sopranistin Sabine Paßow, unvergessen in dramatischen Partien wie Blanche in André Previns »Endstation Sehnsucht«, gab der Vanessa ebenso leidenschaftliche wie mondäne Konturen. Odilia Vandercruysse brachte ihre noch etwas entwicklungsfähigen Mezzosopran-Qualitäten angenehm zur Geltung und präsentierte auch darstellerisch eine beeindruckende Erika. Die kleine, aber wesentliche Rolle der stets würdevollen alten Baroness füllte Cornelia Wulkopf (Alt).

Dan Chamandy (in Gießen gefiel er als Mark in »The Wreckers/Strandräuber« und Eluard in »Gala Gala«) bot als Anatol die charmante Optik, in der Höhe wirkte sein Tenor jedoch am Premierenabend etwas stählern. Einen in jeder Facette überzeugenden alten Doktor gab Edward Gauntt. Tomi Wendt (Nicholas) und Rodica Badircea-Mitrica ergänzten die Riege als Dienerpaar.

Eine runde Sache, diese neue Rarität auf der Gießener Bühne. Ein Besuch lohnt unbedingt.

Olga Lappo-Danilewski

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