Hausmeister Joan Pastor Nieto.

Über den Dächern von Palma

Manchmal steigt er die 215 engen und steilen Stufen einfach nur empor, um frühmorgens die Sonne über Palma de Mallorca aufgehen zu sehen. Um zu erleben, wie die Nacht über dem Meer dem Zwielicht des neuen Tages weicht. Und wie der Himmel erst milchig, dann blau wird und die Sonne kurz darauf die Sandsteinfassade der Kathedrale bis hinauf zum höchsten Türmchen und zum fernsten Erker wieder golden anmalt. Es ist seine Lieblingszeit. Juan Pastor Nieto ist der Hausmeister von Sa Seu, der Kathedrale von Palma, Chef von alles in allem 52 Mitarbeitern von der Putzkraft bis zum Elektriker, vom Kirchenführer bis zum Maurer. Ob er sein Wohnhaus von hier oben sehen kann? "Zum Glück nicht", sagt er und lächelt. "Denn wenn ich von dort aus die Kathedrale sehen könnte, hätte ich nie Feierabend."

Seit Kurzem ist die jahrhundertelang verschlossene verbaute Welt dort oben nicht mehr nur den jeweiligen Hausmeistern der Kathedrale vorbehalten. Joan Bauzá, der Kaplan der Kirche, deren Grundstein im Jahr 1230 gelegt wurde, hatte die Idee: "Lasst uns all den Bauschutt vergangener Generationen und all den Müll wegräumen, Geländer anbringen, dazu Licht in einem Treppenhaus installieren, vieles ausbessern, sichern - und dann diese Facette unserer Kirche allen zugänglich machen." Was dann kam, war kein Kinderspiel. Einige Tonnen Schutt und Müll vom vergessenen Rosettenstein über zerbrochene Krüge bis zu leeren Plastikflaschen haben Joan Pastor Nieto, seine Mitarbeiter und etliche Freiwillige weggeschafft, alles über die engen Treppenhäuser. Sie waren erfolgreich. Inzwischen gibt es ein paar Mal am Tag eine geführte Tour über die Dächer von Sa Seu - immer eine Stunde lang, stets für maximal 25 Personen, immer unter der Regie der Kirchenverwaltung. Und nie auf eigene Faust.

Das Wahrzeichen Palma de Mallorcas verfügt über zahlreiche Dachterrassen, die über den Glockenturm zugänglich sind - zum Rand hin leicht abschüssige Flächen sind es, damit das Wasser ablaufen kann, wenn es mal regnet. In der Summe mehrere Tausend Quadratmeter groß sind diese Freiflächen, über zwei Ebenen ziehen sie sich mit Umläufen und weiteren Treppen - alles mindestens 40 Meter über dem Steinfußboden des Erdgeschosses. Wer hinauf will, muss bei guter Kondition sein wegen der vielen Stufen, er sollte schwindelfrei sein - und möglichst keinen "Drehwurm" auf der Wendeltreppe bekommen.

Aufwendige Verzierungen gibt es hier oben, die die Baumeister nur für das Auge Gottes geschaffen hatten, Erker und Bögen, von denen von unten niemand etwas ahnt. Und ungeahnt still ist Palma von hier oben. Außerdem irgendwie größer. Offenbar gewinnt man erst aus der Höhe einen Eindruck von der tatsächlichen Dimension dieser Stadt - und ihrer Häfen mit kilometerlangen Stegen und Abertausenden Jachten. Die Altstadt wird zu einer Landschaft aus Rot und Braun, aus Schluchten, Tälern, mit Furchen und Kerben sogar. Es gibt rechtwinklige Gipfel, grüne Tupfer, graue Achsen. Es ist die Dächerlandschaft der Inselhauptstadt, ein in Jahrhunderten gewachsener Flickenteppich. Manchmal dringt ein Kinderlachen hier herauf, ab und zu bringt der Wind das Wiehern eines Kutschpferdes, die unten vorm Kirchenportal warten.

Ganz oben auf der Kathedrale ist Rubén Alonso noch nicht gewesen. Trotzdem hat er ungefähr diesen Blick täglich in immer neuen Variationen. Ihn wollte er endlich zum Beruf machen wollte. Und seinetwegen hat er mit Ende 40 dann tatsächlich seinen Job als Tontechniker und Grafiker aufgegeben und auf Schornsteinfeger umgesattelt: "Ich wollte gerne hoch hinaus", sagt der schlanke Mann in Schwarz. "Ich wollte Licht, Weite, das Gefühl von Freiheit. In meinem alten Job gab es immer Termindruck, Hektik war der Normalzustand. Über den Dächern Mallorcas ist das wie weggeblasen. Denn es ist nicht schlimm, wenn du den Kamin erst zwei Tage später fegst. Davon hängt nichts weiter ab. Und die Leute freuen sich, wenn du kommst."

Nur zwei Schornsteinfegerbetriebe gibt es auf Mallorca, eine Kehrpflicht existiert nicht. Und Palma selber ist arm an Schornsteinen - und ihren Fegern, den Desholinadores. Die meisten Aufträge bekommt Rubén aus den Bergdörfern im Tramuntana-Gebirge, trotzdem hat er einen Lieblingsschornstein in Palma - und ein Lieblingsdach: Beides gehört zu einem Innenstadtkloster. "Der Ausblick von dort ist so schön, dieses Freiheitsgefühl so groß."

Hausmeister Joan Pastor Nieto besucht derweil bei seinen morgendlichen Ausflügen auf das Dach der Kathedrale regelmäßig Eloi und schickt einen Gruß hoch ins Gebälk. Diesen alten Vornamen trägt die größte und mit 4500 Kilo schwerste Glocke, die nur schlägt, wenn ein Papst gestorben oder ein neuer gewählt ist. Wer auf die Dachterrassen will, muss unter ihr hindurch. Eloi ist auch deshalb so selten im Einsatz, weil er eine solche Wucht entfaltet, dass das der Statik der Kathedrale schadet, sie sogar in Gefahr bringen kann. Mit acht Jahren hat Joan schon mal bei der Kirche angefangen: als Ministrant hier in der Kathedrale. Ein paar Dutzend Meter unterhalb all der Dachterrassen, von denen er damals nichts wusste. Er nicht und all die anderen auch nicht. Helge Sobik

Die Führungen über die Dächer der Kathedrale gibt es 2019 noch bis zum 31. Oktober. Tickets kosten 12 Euro und müssen über das Internet (https://catedraldemallorca.org/index.php/es/entradas-2/visitas-terrazas) reserviert werden. Vom Autor dieses Beitrags ist der Mallorca-Reportagenband "Joan Miró und der Mann mit der Mandarinenkiste" erschienen (Picus Verlag, im Buchhandel 15 Euro).

Quelle: Gießener Allgemeine

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