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Der Wasserfall Sopot wird im Sommer meist zum Trockenfall.

Auf Schusters Rappen durch den Karst

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Bei Istrien denken die meisten wohl am ehesten an Badeurlaub und südlicher Sonne. Doch die Halbinsel im Nordwesten des Landes hat viel mehr zu als Meer und Strand. Wie so oft, verbergen sich manche Schätzchen im Innern eines Landes, die auch schon als "zweite Toskana" bezeichnet wurde. Den Vergleich - auch in kulinarischer Hinsicht braucht - braucht die Region jedenfalls nicht zu scheuen.

VON RÜDIGER GEIS

Wie eine Pfeilspitze ragt die Halbinsel an der Grenze zu Slowenien ins Mittelmeer. Im Westen bespült von der offenen Adria, im Osten begrenzt durch die Kvarner Bucht, zählt Istrien zu den ältesten Ferienregionen Kroatiens. Schon im kommunistischen Jugoslawien Titos, zu dem Kroatien bis 1991/92 zählte, war die Region touristisch weit entwickelt und ein Anziehungspunkt vor allem für Camping-Urlauber aus Deutschland, Österreich und den Niederlanden. Städte wie Porec, Rovinj oder Pula lockten mit ihren verwinkelten mittelalterlichen Zentren zu Ausflügen, wenn das Wetter mal nicht so mitspielte.

Doch auch wer nicht zum klassischen Badeurlaub und Faulenzen am Strand neigt, wer es aktiver und sportlicher mag, kommt hier auf seine Kosten. Und das nicht nur im Sommer, sondern gerade auch im Frühling und im Herbst. Wander- und Fahrradwanderwege in allen Schwierigkeitsgraden sind über die gesamte Halbinsel verteilt. Wer gerne mit Schnürschuh und Rucksack zu Fuß unterwegs ist, findet vor allem in der Region Pazin im Zentrum der Halbinsel und im Ucka-Gebirge im Osten eine reichhaltige Auswahl - von leicht bis anspruchsvoll.

Ein Beispiel für eine relativ einfache Tour ist der Wanderweg zum Canyon Vela Draga im Naturpark Ucka (sprich: Utschka). Er eignet sich zum Beispiel als Auftakt oder Abschluss eines Ausflugs nach Rijeka oder ins benachbarte mondäne Opatja, wo auch heute noch der Glanz der österreichisch-ungarischen k.u.k-Zeit an der zwölf Kilometer langen Strandpormenade Lungomare zu spüren ist. Man könnte glauben, Kaiserin Sissi und ihr Gefolge spazieren gleich um die nächste Ecke. Von Westen kommend, erreicht man die Vela Draga über das istrische Ypsilon (Autobahn und Kraftfahrstraße) kurz vor dem Eingang zum Ucka-Tunnel an der Abfahrt Vranja. Dort gibt es einen kleinen Parkplatz, von dem man aus die knapp zwei Kilometer lange Tour starten kann. Der steinige Weg durch die Karstlandschaft lässt sich zwar gut gehen, festes Schuhwerk ist aber auch hier angesagt. Durch einen lichten Wald geht es zu einem Plateau oberhalb der seit 1963 unter Naturschutz stehenden Schlucht. Dort erwartet einen ein einzigartiges Bergpanorama.

Im Canyon bietet sattes Grün einen starken Kontrast zur hellgrauen Kalksteinwand und den markanten Nadelfelsen, die sich gen Himmel recken. Zwischen Felsen und durch zwei Tunnels hindurch zwängt sich eine heute wenig befahrene eingleisige Bahnstrecke.

So kurz diese Tour auch ist, sie zeigt interessante Einblicke in die geologische Entstehungsgeschichte der Schlucht. Schautafeln am Rande des Lehrpfades veranschaulichen diese mehrsprachig, unter anderem auch in Deutsch. Mutige und vor allem trittsichere und schwindelfreie Bergfexe können auch noch bis ins Tal kraxeln. Auf eigene Gefahr allerdings, denn einen wirklich gebahnten Pfad gibt es nicht. Wenn man zu den beeindruckenden Felstürmen vordringen will, geht es im wahrsten Sinne des Wortes über Stock und Stein und Geröllfelder. Erheblich leichter, aber dennoch anspruchsvoll ist der Talabstieg einer anderen Tour acht Kilometer östlich der zentralistrischen Kleinstadt Pazin. Der Wanderweg des heiligen Simeon, des Schutzpatrons der dalmatinischen Stadt Zadar, beginnt hoch oben am Rand des denkmalgeschützten Dorfes Gracišce, wo er auch wieder endet. Auch hier ist festes Schuhwerk angesagt, denn der Weg ins Tal führt überwiegend über einen Pfad, den Schneeschmelze und Frühjahrswasser ausgewaschen haben. Wichtig: Auf der knapp zehn Kilometer langen Tour sollte man genügend Flüssigkeit dabei haben. Auch ein bisschen Reiseproviant für die gut dreieinhalb Stunden auf Schusters Rappen bietet sich an.

Wildromantischer Pfad

Belohnt wird man auf dem Weg abwärts, auf der man auch an der Ruine der Kirche des Heiligen Simeon vorbeikommt, durch grandiose Landschaftspanoramen bis hin zum Ucka-Gebirge. Die bizarren Erosionsformen des Weges verdienen sich das Prädikat wildromantisch. In der Talsenke erreicht man nach einem Wald-und-Wiesen-Stück einen Bach, der in der feuchteren Jahreszeit einem Wildwasser gleicht, während er in den heißen Sommermonaten meist nur aus ein paar Pfützen besteht. Kurz hinter einer alten Steinbrücke stürzt sich der Bach über 25 Meter in eine Talsenke. Der Wasserfall Sopot zählt zu den schönsten in Istrien und ist ein beliebtes Ausflugszielen von Naturfreunden. Er leidet jedoch wie viele seiner Brüder in der Region darunter, dass er im Sommer eher zum Trockenfall wird. Daher ist die beste Zeit für diese Wanderung im Frühjahr oder im Herbst. Vom Weiler Škrbani aus geht es dann beständig und meist auf einer schmalen Teerstraße bergauf und an der Kirche der heiligen Marija Magdalena vorbei zurück nach Gracišce. Bei sommerlicher Hitze kann das ziemlich anstrengend werden, zumal esg häufig durch offenes Gelände gehrt.

Am Ausgangspunkt angekommen lohnt sich auch für müde Wanderer auf jeden Fall noch ein Besuch des Ortskerns, der mittelalterlich-venezianisches Flair im Miniformat bietet. Und zur Stärkung sei ein Besuch der kleinen Konoba empfohlen, wo man landestypische Speisen wie zum Beispiel Trüffelgerichte genießen kann. Oder den regionalen trockenen Weißwein Malvazija, den man übrigens - wie auch diverse Rotweine - direkt bei den zahlreichen Winzern der istrischen Halbinsel kosten kann. Živjeli, Prost!

Quelle: Gießener Allgemeine

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