+

Präsentismus

Herausforderung für Unternehmen

Wenn ein Angestellter krank ist, ist er erst einmal krank. Dennoch gilt es für das betreffende Unternehmen den Lohn zu zahlen.

Auch offengebliebene Projekte und der Ersatz der fehlenden Arbeitskraft belasten den Betrieb. Zudem müssen dann nicht selten Überstunden aufgrund von Mehrarbeit gezahlt werden. In diesem Kontext haben es Eltern besonders schwer. So haben die Krankschreibungen von 2008 bis 2016 um mehr als 60 Prozent zugelegt, gibt die Bundesregierung bekannt. Damit steigt die Zahl der Fehltage auf annähernd 560 Millionen. Zudem sei der volkswirtschaftliche Schaden durch diesen Umstand um 75 Prozent gestiegen. Im Jahr 2016 wird dieser somit auf 75 Milliarden Euro beziffert. Jedoch teilt das Gesundheitsministerium mit, dass die Preisentwicklung in diesem Kontext nicht berücksichtigt wurde. Nach der Inflationsbereinigung ergibt sich im Rückblick ein Schadenszuwachs von rund 30 Prozent. Doch ein ganz anderer Kostenfaktor in diesem Bereich sorgt für Bedenken und verursacht ebenfalls sehr viele Kosten. Gemeint ist der Präsentismus.

Präsentismus – sehr verbreitet

Als Präsentismus wird ein Verhalten von Mitarbeitern bezeichnet, welche trotz einer Erkrankung zur Arbeit kommen. Ein Phänomen, das durch den Druck der Arbeitswelt durchaus Sinn ergibt. Da immer mehr Arbeitnehmer diesen Weg gehen und sich trotz Krankheit an den Arbeitsplatz begeben, wurden in den vergangenen Jahren vermehrt Studien zu diesem Thema durchgeführt. Dabei zeigt sich, dass die Kosten, die durch dieses Verhalten entstehen können, noch deutlich höher sind, als die der Fehlzeiten aufgrund einer Krankschreibung.

Im Gegensatz zum Präsentismus kann ein Arbeitgeber gegen Krankschreibungen in engen gesetzlichen Bestimmungen vorgehen. So gelten mehr als sechs Wochen Krankheit im Jahr zum Beispiel als kündigungsrelevant. Ebenso kann, wenn der Verdacht auf Vortäuschung von Arbeitsunfähigkeit besteht, auf professionelle Hilfe zurückgegriffen werden. Die Experten einer Detektei untersuchen gewissenhaft den möglichen Lohnfortzahlungsbetrug im Krankheitsfall. Denn dieser ist, wie viele immer noch annehmen, eben kein Kavaliersdelikt. Damit kann ein Mitarbeiter, der den Straftatbestand des Betrugs erfüllt, vom geschädigten Arbeitgeber strafrechtlich verfolgt werden. Ganz so einfach ist es beim Präsentismus jedoch nicht.

In einer Erhebung, die für eine Studie durchgeführt wurde, zeigt sich in Deutschland, das rund zwei Drittel der Befragten trotz Erkrankung in die Arbeit gegangen seien. Davon gaben mehr als 30 Prozent an, dies getan zu haben, obwohl ihr Arzt ihnen explizit dazu geraten hatte, dies nicht zu tun. Dabei sind Frauen häufiger bereit, trotz einer Krankheit in die Arbeit zu gehen, als Männer. Im skandinavischen Raum liegt der Präsentismus gar noch höher. So ist hier die Rede von mehr als 50 Prozent der Menschen.

Welche Probleme entstehen durch den Präsentismus?

Mitarbeiter, die trotz einer Erkrankung am Arbeitsplatz erscheinen, haben oft mannigfaltige Gründe hierfür. Dennoch hat dieses Verhalten viele negative Auswirkungen und erzeugt oftmals mehr Schaden, als das es hilft. Denn ein Mitarbeiter, der eine Krankheit in den Betrieb einschleppt, tut nicht nur sich selbst etwas Schlechtes – Er gefährdet auch seine Kollegen. Diese laufen ebenfalls Gefahr, sich im schlimmsten Fall, anzustecken und daraufhin zu fehlen. Zudem entstehen in diesem Kontext mögliche weitere Kosten für den Betrieb. Denn die Arbeitsqualität sowie die Neigung zu Fehlern erhöhen sich aufgrund eines Angestellten, der unter einer Erkrankung leidet. Ebenso steigt die Wahrscheinlichkeit für einen Unfall. Darüber hinaus ist die betroffene Person nicht voll leistungsfähig oder besonders zuverlässig, da sie schlicht Einbußen im Bereich der Konzentrationsfähigkeit hinnehmen muss. Ebenfalls haben Studien ergeben, dass Menschen, die oft vom Präsentismus Gebrauch machen, eher aus dem Erwerbsleben ausscheiden als andere.

Kostenfaktor Präsentismus

Dieses Verhalten schädigt jedoch nicht ausschließlich die Betriebe. Nach einer Studie der Strategieberatung Booz & Company führt der Präsentismus zu einem volkswirtschaftlichen Schaden von einem Zehntel des Bruttoinlandprodukts. Somit kommt das Unternehmen auf Kosten von rund 330 Milliarden Euro im Jahr nur durch dieses Verhalten. Zieht man eine Studie von Braakman-Jansen zurate, ergibt sich ein Verlust an Produktivität von fast 60 Prozent im Verhältnis der Gesamtkosten, die durch den Arbeitsausfall entstehen. Am deutlichsten wird dieser Verlust bei Depressionen, Kopfschmerzen oder Atemwegserkrankungen. In einer amerikanischen Studie wird noch ein klareres Bild gezeichnet. So entstehen dort in einem Unternehmen mit 80.000 Beschäftigten, 21,5 Milliarden US-Dollar an Kosten für die Krankheit der Mitarbeiter. Lediglich 40 Prozent davon entfallen auf die reinen Fehlzeiten aufgrund der Krankschreibung. 60 Prozent hingegen werden durch den Präsentismus verursacht.

Präsentismus und dessen Ursachen

Wie die Universität Erlangen in ihrer Studie herausfand, gehen der Präsentismus und die Situation der Wirtschaft meist konform. Insofern nimmt das Verhalten, trotz Erkrankung in der Arbeit zu erscheinen, zu, wenn die Konjunktur schwach ist und wirtschaftlich eher schwierige Zeiten herrschen. Das Gleiche gilt für Unternehmen, in denen die Beschäftigungssituation angespannt ist. Auch hier neigen Mitarbeiter dazu, trotz Krankheit am Arbeitsplatz zu erscheinen.

Jedoch tragen oft Betriebe selbst dazu bei, dass Menschen in das Verhalten des Präsentismus verfallen. Denn oftmals gibt die Firmenphilosophie eine sehr hohe Erwartung an den Einzelnen vor. Oder aber Mitarbeiter werden angehalten, immer vollen Einsatz zu zeigen. Auch die stetige Erhöhung des Leistungsdrucks spielt eine gewichtete Rolle. All diese Dinge können den Angestellten in den Präsentismus drängen.

Insofern gilt es, den Präsentismus und dessen negative Auswirkungen zu berücksichtigen und die richtigen Maßnahmen zu ergreifen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare