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Militärexperte: Russland und Ukraine liefern sich jetzt zwei entscheidende Rennen

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Von: Astrid Theil

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Ein ukrainischer Soldat geht an einem zerstörten russischen Kampffahrzeug in Butscha (Ukraine) vorbei.
Ein ukrainischer Soldat geht an einem zerstörten russischen Kampffahrzeug in Butscha (Ukraine) vorbei. © Vadim Ghirda/dpa

Russland startet bald eine Großoffensive im Osten der Ukraine. Bis dahin befinden sich Russland und die Ukraine in einem entscheidenden Wettrennen.

Kiew/Moskau - Nachdem der russische Präsident Wladimir Putin die Ukraine großflächig angegriffen hatte, zieht es die russischen Truppen nun zunehmend zusammen. Putin scheint die Ostukraine zu wollen und konzentriert dementsprechend die russische Armee für eine Großoffensive in den Regionen Donezk und Luhansk sowie der Hafenstadt Mariupol*. Die neue Großoffensive im Ukraine-Konflikt* hat allerdings noch nicht gestartet. Laut einem australischen Militärexperten befinden sich Russland und die Ukraine aktuell in zwei möglicherweise entscheidenden Wettrennen.

Laut Mick Ryan befinden sich die Ukraine und Russland zum einen in einem Wiederaufrüstungs-Rennen. Dabei sei Zeit nun „von wesentlicher Bedeutung“. Beide Seiten würden aktuell versuchen, so schnell wie möglich ihre Streitkräfte in den Osten der Ukraine zu verlagern. Dazu gehören auch ihre Logistik, ihre Lebensmittel, ihr Benzin, ihre Kommunikation, ihre Aufklärungseinheiten, ihre Ingenieure und besonders ihre Waffen.

Militärexperte: Wettrennen um Aufrüstung - Selenskyj braucht Waffen aus dem Westen

Daher sei es aktuell elementar, auf die Bitten und Forderungen von Präsident Selenskyj zu hören. Wenn dieser den Westen um schwere Waffen bittet, dann basiere diese Anfrage auf den bisherigen Erkenntnissen aus dem Krieg. Dabei seien besonders spezielle Waffen von großer Bedeutung. Ryan erläutert beispielsweise die Wichtigkeit von einsatzfähigen Mittleren Artillerieraketensystemen: Durch diese seien Schläge aus größeren Distanzen möglich. Damit könne man tiefe Operationen durchführen - also auch die hinteren Linien des Feindes treffen und vor allem seine Nachschublinien zerstören.

Die von Selenskyj besonders geforderte Artillerie solle wiederum russische Soldaten im Nahkampf aufhalten. Beide Systeme seien bereits im Einsatz und für den bisherigen militärischen Erfolg der Ukraine unabdingbar gewesen. „Und es gibt niemals, niemals genug davon. Je mehr zur Verfügung gestellt werden können, desto besser“, so Ryan. Aber auch Schützenpanzer und Mannschaftstransportwagen seien wichtig, um die Infanterie in die jeweiligen Kampfgebiete transportieren zu können und sie gegebenenfalls zu verlegen.

Ukraine-Krieg: Wettrennen um die Anpassungsfähigkeit - Russland scheinbar im Nachteil

Ryan argumentiert, dass die ukrainische Regierung im bisherigen Krieg so viel Erfahrung gesammelt hat, dass sie genau wüsste, was sie im Kampf benötigt. „Wir sollten den Ukrainern vertrauen, wenn sie Waffen und Material anfordern“, sagt Ryan daher. „Sie haben in den vergangenen sechs Wochen einen Schnellkurs in moderner Kriegsführung gehabt. Sie wissen jetzt mehr darüber als die meisten von uns.“ Darüber hinaus besteht laut Ryan aktuell ein Rennen bei der Anpassung der Kriegsstrategie. Sowohl die Ukraine als auch Russland würden aktuell versuchen, Lehren aus dem „Kampf um Kiew“ sowie anderen Kriegsschauplätzen zu ziehen. Dieses Rennen um eine optimale Anpassung würde beeinflussen, wie beide Seiten ihre Operationen im Osten der Ukraine nun planen und durchführen.

Experten des US-amerikanischen „Institute for the study of war“ meinen bereits zu erkennen, dass die Russen dabei sind, ihre Befehlsstruktur für den Angriff in der Ostukraine zu reduzieren. Denn diese sei bisher ein Problem gewesen und habe die russischen Truppen weniger schlagkräftig gemacht. Laut Ryan sei eine gute Führung auf allen Ebenen „die tödlichste und entscheidendste Fähigkeit auf dem Schlachtfeld“. Daher sei in einem Krieg immer jene Seite im Vorteil, die schnell lernt und sich anpasst. Im Ukraine-Krieg hätte dies bisher in erster Linie die Ukraine getan. Sie sei „die effektivste Kampftruppe an Land des letzten Jahrzehnts“, so Ryan.

Russland scheinbar im Nachteil: Armee nur auf Papier groß und im Kampf ohne Motivation

Russland hingegen zeigt sich wenig anpassungsfähig. In einer umfassenden Analyse, die der Militärexperte auch auf Twitter geteilt hat, wurde festgestellt, dass Russland in den meisten Angriffskriegen der letzten Jahrhunderte unterlegen war. Ryan führt dafür besonders zwei Gründe an:

1. Die russische Armee sei nur auf dem Papier groß. Die Befehlshaber der Regimente hätten nämlich ein direktes Interesse daran, eine große Zahl von Soldaten in die Bücher zu schreiben, aber die Zahl der eigentlich eingesetzten Soldaten klein zu halten. Auf diese Weise könnten sie nämlich das Geld für den Einsatz der Soldaten für sich unterschlagen.

2. Außerdem habe der gewöhnliche russische Soldat wenig Motivation für den Kampf* und wenig Interesse, einen Krieg zu gewinnen. Denn russische Soldaten seien meist „ihren Familien und ihrer Heimat entrissen, von der Knute gedrillt, von ihren Offizieren vernachlässigt, mit Schwarzbrot gefüttert, immer ohne Komfort, häufig ohne Schuhe“.

Russische Armee: Chaos und Korruption

Im Ukraine-Krieg würden die bekannten Schwächen der russischen Armee nun wieder zutage treten: die Korruption, die niedrige Moral, die schlechte Planung, die fehlerhafte Logistik, nicht funktionierende Geheimdienste, mangelnde Koordination zwischen den Einheiten, zusammengewürfelte Truppen und der Mangel an Motivation. Diese Probleme seien strukturell und tiefliegend und daher nicht schnell zu lösen. Daher gehen Experten auch davon aus, dass Russland das Wettrennen um eine Anpassung verlieren werde. (at) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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