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Russland verkündet Cherson-Rückzug - doch Ukraine meldet Truppen-Verstärkung auf Kreml-Seite

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Von: Marcus Giebel

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Russlands Militär zieht sich aus einem Teil des annektierten Gebiets Cherson zurück. Damit reagieren die Truppen des Kreml im Ukraine-Krieg auf die Gegenoffensive der Verteidiger.

Update vom 9. November, 18.25 Uhr: Mychajlo Podoljak ist bezüglich der russischen Ankündigung, die Truppen aus Teilen der Region Cherson zurückzuziehen, skeptisch. Der Berater des Präsidentenbüros twitterte: „Taten sagen mehr als Worte. Wir sehen keine Anzeichen dafür, dass Russland Cherson kampflos aufgibt.“ So würden zusätzliche Reserven in die Region verlegt. „Die Ukraine befreit Gebiete auf Grundlage nachrichtendienstlicher Daten und nicht auf der Grundlage von TV-Erklärungen“, legt Podoljak in Richtung Kreml nach.

Update vom 9. November, 18.00 Uhr: Wie die russische Nachrichtenagentur Tass berichtet, begründete Sergej Surowikin, Oberbefehlshaber der russischen Truppen in der Ukraine, den von Verteidigungsminister Sergej Schoigu verkündeten Rückzug aus Teilen des Gebiets Cherson auch mit der Gefahr für die Zivilbevölkerung. „Wenn das Kiewer Regime auf einen größeren Wasserabfluss aus den Stauseen oder einen stärkeren Raketenangriff auf den Kachowka-Staudamm zurückgreift, wird dies zu einem Wasserstrom führen, der weite Gebiete überflutet und Opfer unter der Zivilbevölkerung fordert“, warnte Surowikin.

Dies würde nicht nur zu einer weiteren Bedrohung für die Zivilisten führen, sondern hätte auch „eine völlige Isolierung unserer Einheiten am rechten Ufer des Dnipro“ zur Folge. Der Rückzug sei „eine sehr unangenehme Entscheidung“. Doch vor allem gehe es darum, „das Leben unserer Soldaten und insgesamt die Kampffähigkeit der Truppengruppe bewahren, die nicht in einem begrenzten Gebiet am rechten Ufer gehalten werden sollte“. Zudem könnten dadurch bislang gebundene Kräfte an anderen Operationen teilnehmen.

Sergej Surowikin (l.) zeigt Sergej Schoigu (r.) etwas auf einem Zettel
Beratschlagen über die erfolgversprechende Kriegsstrategie: Sergej Surowikin (l.), Oberbefehlshaber über die russischen Truppen in der Ukraine, und Verteidigungsminister Sergej Schoigu (r.) wollen Kreml-Chef Wladimir Putin glücklich machen. © IMAGO / ITAR-TASS

Erstmeldung vom 9. November:

München - Die russischen Truppen geben weiteres im Zuge des Ukraine-Kriegs erobertes Gebiet auf. Die von Kreml-Chef Wladimir Putin entsandten Soldaten ziehen sich unter dem Druck der Gegenoffensive aus einem strategisch wichtigen Teil des annektierten südlichen Gebiets Cherson zurück. Wie im russischen Staatsfernsehen zu sehen war, ordnete Verteidigungsminister Sergej Schoigu die Räumung des rechten Ufers des Flusses Dnipro an.

Der Putin-Vertraute sagte: „Beginnen Sie mit dem Abzug der Soldaten.“ Den Schritt begründete er so: „Das Leben und die Gesundheit der Soldaten der Russischen Föderation waren immer eine Priorität.“ Zuletzt hatte der neue Kommandeur der russischen Truppen in der Ukraine, Sergej Surowikin, von heftigem Beschuss der Ukrainer auf die Stadt Cherson und umliegende Ortschaften berichtet.

Ukraine-Krieg: Russische Truppen müssen wegen Brückenschäden über Ponton-Fähren versorgt werden

Seit Wochen sind die Nachschub-Lieferungen für die etwa 20.000 Soldaten am westlichen Ufer erschwert, da die Brücken durch Kiews Artillerie beschädigt wurden. So griff Moskau zuletzt auf Ponton-Fähren zurück. Bereits in den vergangenen Tagen wurden einige Einheiten evakuiert, allerdings nach Angaben der Ukrainer auch frische Kräfte in die Region verlegt.

Wie Satellitenbilder aus den ersten Novembertragen offenbaren, legen russische Truppen Abwehrstellungen am östlichen Dnipro-Ufer an. Dort dürfte in naher Zukunft die neue Frontlinie verlaufen.

Surowikin versicherte, die russischen Truppen würden die ukrainischen Angriffe erfolgreich abwehren und der Gegenseite beträchtliche Verluste zufügen. „Wir leisten erfolgreich Widerstand gegen die Angriffsversuche des Feindes“, sagte der Befehlshaber. 9500 ukrainische Soldaten seien getötet oder verletzt worden. Die Verluste auf russischer Seite seien sieben bis acht Mal niedriger. Den ukrainischen Streitkräften warf Surowikin vor, Zivilisten zu bombardieren.

Russische Soldaten und ein Panzer auf einem Feld
Russischer Rückzug: Die Invasions-Truppen geben einen Teil des Gebiets Cherson auf. (Archivbild) © IMAGO / SNA

Russland zieht sich aus Cherson zurück: Zu Beginn des Ukraine-Kriegs besetzt und im September annektiert

Russland hatte das Gebiet Cherson in den ersten Kriegswochen weitgehend besetzt und im September - ebenso wie die Regionen Saporischschja, Luhansk und Donezk - völkerrechtswidrig annektiert. Ungeachtet dessen kündigte die Ukraine immer wieder an, Stadt und Gebiet Cherson auch mithilfe westlicher Waffen befreien zu wollen.

In den vergangenen Wochen gab es andauernde heftige Kämpfe. Mehrfach berichteten die Ukrainer von großen Zerstörungen und hohen Verlusten auf russischer Seite. Unabhängig konnte das oft zwar nicht überprüft werden. Zuletzt rechneten aber auch russische Militärblogger mit einem baldigen Rückzug der eigenen Truppen aus der Stadt Cherson.

Auch Kommandeur Surowikin kündigte bereits im Oktober „schwierige Entscheidungen“ in Cherson an, was von Beobachtern als Indiz für einen geplanten Abzug gedeutet wurde. Zudem brachten die russischen Besatzer eigenen Angaben zufolge Zehntausende Zivilisten aus der Stadt Cherson weg. Surowikin zufolge wurden rund 115.000 Menschen auf die andere Seite des Flusses Dnipro geleitet. Die Ukraine sprach von einer Verschleppung der Menschen. (mg, dpa, afp)

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