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Diskriminierung in ICE: Flüchtende aus der Ukraine erheben Vorwürfe

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Von: Katja Thorwarth, Lucas Maier

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Zwei Bundespolizisten am Bahnsteig vor einem einfahrenden Zug (Symbolbild)
Auch gegen die Bundespolizei werden Vorwürfe erhoben, jetzt äußerte sie sich dazu. (Symbolbild) © Oliver Berg/dpa

Diskriminierung gegen Roma aus der Ukraine scheint bei der Deutschen Bahn kein Einzelfall zu sein. Der Rassismus-Skandal weitet sich aus – DB kündigt Aufklärung an.

Update vom Samstag, 09.04.2022, 13.13 Uhr: Erneut ist es bei der Deutschen Bahn zu Diskriminierung gegenüber Roma gekommen. Dies berichtet Marius Moniak, ein freiwilliger Helfer des Project Nadiya, der an der slowakisch-ukrainischen Grenze in der humanitären Hilfe aktiv war. Auf seiner Rückreise nach Deutschland begleitete er Geflüchtete aus Kiew und Luhansk in der Bahn, ebenfalls im Zug befand sich eine Gruppe von etwa 20 ukrainischen Roma, davon seien etwa die Hälfte Kinder gewesen.

Im ICE 618 von München nach Kiel soll es gegenüber den geflüchteten Roma um circa 4 Uhr nachts zu „erschütternden Vorkommnissen“ gekommen sein. Die Roma hätten trotz ihrer Notsituation den Zug verlassen müssen, weil sie den Mund-Nasen-Schutz nicht ordnungsgemäß trugen. Sie sollten am Bahnhof von der Polizei abgeholt werden. „Es war erschütternd, falsch und grausam, die wichtige Maskenpflicht dazu zu nutzen, Kriegsflüchtlinge mit Kindern nachts nach ihrem langen Fluchtweg aus der Bahn zu werfen.“

Ukraine-Krieg: Mitarbeiter der Deutschen Bahn wirft Geflüchtete aus ICE – Helfer kann nichts tun

Es ist nicht bekannt, wie lange die Menschen bereits unterwegs waren. Die anderen Geflüchteten waren bereits seit drei Tagen unterwegs. Es ist davon auszugehen, dass die Roma-Geflüchteten ebenso erschöpft und traumatisiert waren. Der bis Mannheim zuständige Zugbegleiter habe nicht mit sich diskutieren lassen. Vielmehr habe er betont, bereits viel „Kulanz“ gezeigt zu haben, aber Regeln seien Regeln. Einwände, es seien junge Kinder dabei, ließ er nicht gelten.

„Nachdem ich versucht hatte, in der Situation zu vermitteln, drohte er damit, die übermüdete Flüchtlingsfamilie, die ich seit Budapest begleitete, ebenfalls rauswerfen zu können, weil sie nicht immer ihre Maske über der Nase tragen würden. Um Schaden für diese Familie zu vermeiden, war ich zum Nichtstun verdammt“, erzählt der humanitäre Helfer. Das neue Personal ab Mannheim habe sich nicht mehr streng um die Einhaltung der Maskenpflicht gekümmert. „Beim Aussteigen in Frankfurt konnte ich sehen, dass viele deutsche Passagiere ihre Masken unter der Nase trugen“, berichtet der Helfer. 

Flucht vor Ukraine-Krieg: Roma erleben Diskriminierung durch Deutsche Bahn

Erstmeldung vom Mittwoch, 30.03.2022: Mannheim/Frankfurt – „Putins entsetzlich brutaler Krieg gegen die Ukraine hat in Europa die größte Fluchtbewegung seit dem Zweiten Weltkrieg ausgelöst“: Innenministerin Nancy Faeser* (SPD) fand angesichts des russischen Angriffskriegs zuletzt deutliche Worte. Die Zahl der Menschen, die aus der Ukraine geflüchtet sind, beträgt aktuell etwa 280.000. Das Bundesinnenministerium vermutet allerdings, dass die Zahl noch deutlich höher sein dürfte.

Eine Minderheit ist von der russischen Invasion besonders betroffen: Roma in der Ukraine. Sie gelten als vulnerable Gruppe, weshalb sie noch stärker als andere Menschen unter den Auswirkungen des Krieges leiden könnten. Denkbar ist das insbesondere im Hinblick auf Diskriminierung. Ein Fall in Mannheim zeigt, dass sie als Geflüchtete teils anders behandelt werden, als ihre Landsleute.

Ukraine-Krieg: Viele Roma fliehen aus ihrer Heimat

Auch Roma verlassen ihre ukrainische Heimat und suchen Zuflucht in einem anderen Teil der Ukraine* oder im Ausland. Erwähnt sei an dieser Stelle, dass sich viele Roma verpflichtet fühlen, für ihr Heimatland zu kämpfen – laut Angaben von Roma-Organisationen haben sich bislang einige Hundert freiwillig gemeldet –, und das, obwohl sich Roma seit Jahren Überfällen durch Rechtsradikale ausgesetzt sehen.

Die Strafverfolgungsbehörden würden jedoch „nicht immer angemessen reagieren“, berichtet der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma. Entsprechend wächst die Sorge, dass es im weiteren Verlauf des Krieges, wenn die Versorgung der Menschen noch schwieriger wird, zu vermehrten gewalttätigen Übergriffen auf Roma kommen könnte.

Folgen des Ukraine-Kriegs: Geflüchtete Roma wurde Zugang zu DB-Räumlichkeiten verwehrt

Vor diesem Hintergrund müssen die Ereignisse bewertet werden, wie sie der Verband Deutscher Sinti und Roma in Baden-Württemberg in einer Stellungnahme beschreibt und wie sie von der Organisation Sinti Powerclub e.V. und der anwesenden Bahnhofshelferin Natice Orhan-Daibel bestätigt werden. Demnach seien in der Nacht zum 24. März geflüchtete Roma-Familien aus der Ukraine in Räumlichkeiten der Deutschen Bahn diskriminiert und nicht eingelassen worden, obwohl diese für Ukrainerinnen und Ukrainer eigens zur Verfügung gestellt werden. „Mutmaßliche Beamte der DB-Sicherheit“ hätten abweisend auf die Familien reagiert und „antiziganistische Vorurteile wiedergegeben“, heißt es.

Natalie Reinhardt vom Sinti Powerclub wird auf Anfrage unserer Redaktion konkreter. Ihr Verein betreut seit Kriegsbeginn geflüchtete ukrainische Roma bei ihrer Ankunft in Baden-Württemberg. „Über unsere Koordinierungsbeauftragte, die mit den Menschen oft schon ab Fluchtbeginn in Kontakt steht, wissen wir manchmal schon Tage vorab, wie viele Menschen wo ankommen werden“, erklärt Reinhardt. In der Nacht zum 24. März sei sie nun „von unseren Kooperationspartnern, den Bahnhofshelfern“, angerufen worden, die über die Probleme am Hauptbahnhof Mannheim berichtet hätten.

Ukrainische geflüchtete Roma durften nicht in Raum für Geflüchtete

Demnach wurde Roma-Familien der Zugang zum Aufenthaltsraum mit Übernachtungsmöglichkeiten für ukrainische Geflüchtete nicht gestattet. Man habe ihnen angeblich nicht geglaubt, dass sie ukrainische Staatsbürger seien. Zunächst habe es die Familie mit kleinen Kindern in den Geflüchtetenbereich geschafft, doch die herbeigerufene Bundespolizei verwies die Familien der Räumlichkeiten, heißt es. Sie dürften sich dort nicht aufhalten.

Die Deutsche Bahn habe auf Anfrage des Sinti Powerclubs erklärt, dass man sich „geeinigt“ habe, und die Familien von den Bahnhofshelfern zur Weiterfahrt nach Heidelberg begleitet würden. Dort würden sie direkt in ein Aufnahmezentrum gebracht.

Ungleichbehandlung von ukrainischen Roma durch Deutsche Bahn kritisiert

Die Familien als auch die Helfenden am Bahnhof seien eingeschüchtert gewesen, was Natice Orhan-Daibel, die vor Ort war, unserer Redaktion bestätigt. Sie berichtet, dass die Familien als Kriegsgeflüchtete das Recht gehabt hätten, sich in den Räumlichkeiten des Bahnhofs aufzuhalten und gegebenenfalls zu übernachten, falls ihr Anschlusszug eine längere Aufenthaltsdauer am Mannheimer Hauptbahnhof darstellt.

Natice Orhan-Daibel beschreibt, wie mit den Menschen umgegangen worden sei: „Mir wurde mehrfach von verschiedenen Seiten gesagt, dass die Räumlichkeiten nicht für ‚solche‘ Menschen gedacht seien, dass sie nicht rein könnten. Es gäbe auch keine Hotelgutscheine, wie ich sie sonst zuvor für andere Geflüchtete (weißer Hautfarbe) an der DB-Information bekam. Auf meine Nachfrage erhielt ich die Antwort: ‚Wer soll das bezahlen? Die DB hat dafür kein Geld.‘“ Die Bundespolizei sei hinzugerufen worden, die nur die Ausweise dieser Gruppe kontrolliert hätte, während sich noch drei weitere ukrainische Familien im Raum befanden, die nicht kontrolliert worden seien. Begründet wurde die Ungleichbehandlung mit Männern innerhalb der Gruppe. „Ich wollte vorerst nur, dass die Familie sicher oben im Raum war. Es waren so viele kleine Kinder dabei“, erzählt sie. 

Diskriminierung von ukrainischen geflüchteten Roma: Deutsche Bahn reagiert

„Auf meine Nachfrage, weshalb die zwei anderen ukrainischen Männer, die sich zur selben Zeit auch dort aufhielten, aber eben weißer Hautfarbe waren, nicht kontrolliert wurden, bekam ich die Antwort, sie hätten keine anderen Männer gesehen.“ Im Laufe der Szene hätten jedoch andere Männer ungehindert den Raum betreten: „Sicherheitsleute und weiteres Personal haben sich demonstrativ blockierend aufgestellt.“

Diskriminierung von ukrainischen Roma-Familien: Deutsche Bahn äußert sich

Auf den Vorfall am Mannheimer Bahnhof hingewiesen, verweist die Sprecherin der Deutschen Bahn darauf, dass bereits Gespräche mit den Beteiligten stattgefunden hätten. „Wir bedauern an dieser Stelle ausdrücklich, dass es in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag im Rückzugsraum für Geflüchtete des Mannheimer Hauptbahnhofes zu Missverständnissen gekommen ist“, heißt es. Auch habe sich der Mitarbeiter „persönlich entschuldigt“. Die Bahn würde „gemeinsam mit der Bundespolizei täglich für die Sicherheit der Geflüchteten im Bahnhof“ sorgen und „die gute Zusammenarbeit aller“ sei getragen vom Ziel, „Menschen in Not zu helfen“.

Bahnhofshelferin Orhan-Daibel sagt dazu, dass die Angst vor einem weiteren Vorfall vorherrsche: „Dieser Vorfall ist kein Einzelfall.“ Ihr sei bewusst, dass dieses Problem längst nicht aus der Welt geräumt ist, sondern dass sich solche Szenen bundesweit abspielten. „Was mir viel Angst bereitet, ist der Satz eines Helfers: ‚Diese Familie hat den Vorfall nicht als besonders schlimm empfunden ... Leider sind sie Schlimmeres gewöhnt.‘ Worauf ich nur antworten kann: Und deshalb wird es Zeit, diesen Menschen zu zeigen, dass man sich vor sie stellt, sie schützt und ihnen zeigt, dass sie Menschen sind und kein Abfall.“

Internationaler Tag Roma Tag: In Kassel werden Flüchtende aus dem ICE „aussortiert“

Am Freitag (08.04.2022) war der alljährliche Tag der Roma. Just an diesem Tag hat die Polizei in Kassel über 30 Roma aus einem ICE „aussortiert“. Hilfe erhielten die Beamten dabei von Sicherheitsdienst der Deutschen Bahn, das berichtet die Bundesvereinigung der Sinti und Roma (BVSR) am Samstag (09.04.2022).

Aufgrund von gegeben Anlass möchten wir Sie darum bitten Ihre Wertsachen bei sich am Körper zu tragen.

Durchsage im ICE 370 gegen 14 Uhr

Die rund 34 Personen waren auf der Flucht vor dem Ukraine-Krieg im ICE 370 auf dem Weg in Richtung Berlin, so die Darstellung vom BVSR. Eine Bahnmitarbeiterin unterstellte den Personen, dass es sich nicht um ukrainische Geflüchtete handeln würde und rief kurzerhand die Polizei, heißt es weiter. Als Quelle nennt der BVSR die Augenzeugin Sevda Arslan.

Einsatz in Kassel: Bundespolizei bestätigt den Einsatz

Als der Zug in Kassel-Wilhelmshöhe hielt, steigen Beamte der Polizei hinzu. Laut BVSR soll einer der Beamten mehrfach gesagt haben, dass sie jetzt „aussortieren“ würden. Die Deutsche Bahn hat auf Anfrage mitgeteilt, dass das Unternehmen die Vorwürfe ernst nimmt. Ein DB-Sprecher kündigte eine interne Aufklärung an.

Auch die Bundespolizei äußerte sich mittlerweile zu den Vorfällen. Demnach sei die Polizei von der Deutschen Bahn aufgrund von „Fahrens ohne Fahrschein sowie aggressiven Bettelns“ in den ICE beordert worden. Die vorgeworfenen Aussagen sollen aus Sicht der Bundespolizei nicht erfolgt sein. Die Beamten hätten die Personen in das Reisezentrum der Deutschen Bahn begleitet, wo sie Fahrkarten bekommen hätten, heißt es in der Stellungnahme. (Katja Thorwarth/Lucas Maier) *fr.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

 

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