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Ukraine-Krieg: Putins Geschichtsverständnis und seine Folgen

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Von: Astrid Theil

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Ukraine-Kolfikt: Diese Karte wurde im russischen TV gezeigt - und könnte Putins Pläne aufdecken.
Diese Karte wurde im russischen Staatsfernsehen gezeigt und könnte Hinweise auf Putins längerfristige Ziele in der Ukraine geben. © Screenshot/Rossija 24

Putin hat sich für einen Krieg mit der Ukraine entschieden. Sein Geschichtsverständnis gibt Hinweise darauf, was seine langfristigen Pläne in der Ukraine und darüber hinaus sein könnten.

Der russische Präsident Wladimir Putin hat eine Invasion russischer Truppen in die Ukraine* befohlen und damit den Ukraine-Konflikt* eskalieren lassen. Das russische Militär hat seit den frühen Morgenstunden in der gesamten Ukraine Städte und Militärbasen angegriffen. Dieser Krieg wird von Putin maßgeblich unter Rückgriff auf die Geschichte Russlands gerechtfertigt. Anhand dieses Geschichtsverständnisses können auch Vermutungen darüber angestellt werden, was die langfristigen Pläne Putins in der Ukraine sind.

In seiner Ansprache vom Montag (21. Februar) nach der Anerkennung der ostukrainischen Gebiete Luhansk und Donezk als unabhängige Staaten, sprach Wladimir Putin der Ukraine unter Rückgriff auf die Geschichte des Landes die Existenzberechtigung ab. Er betonte, dass die Ukraine ihre Existenz nur der Großzügigkeit der russischen Herrscher verdanke. „Die moderne Ukraine wurde vollständig von Russland geschaffen, genauer gesagt, dem bolschewistischen, kommunistischen Russland“, sagte Putin wörtlich. Die Ukraine müsste den Namen Lenins tragen, denn er sei der Architekt des Landes. Seinem Geschichtsverständnis folgend verdanke die Ukraine ihre Nationalstaatlichkeit Lenin und große Teile des Staatsgebietes Stalin und Chruschtschow.

Ukraine-Krieg: Annektion von fast allen Gebieten denkbar

Der Einmarsch russischer Truppen wurde so vorsorglich gerechtfertigt und wird nun auch fortwährend unter Rückgriff auf eine selektive Auslegung der russischen Geschichte legitimiert. Putins Ausführungen von Montag (21. Februar) werden besonders vom russischen Staatsfernsehen Rossija 24 aufgegriffen und in Form einer Karte visualisiert. In dem Beitrag des Senders, der seit Tagen über die Bildschirme flimmert, wird eine Karte gezeigt, auf der all jene Gebiete markiert sind, die die Ukraine von Russland laut Putins Auffassung „geschenkt bekommen hat“.

Gezeigt werden „Schenkungen der russischen Zaren“ im Norden des Landes, die auch Kiew umfassen. Der Westen der Ukraine wird als „Geschenk Stalins“ bezeichnet und die Halbinsel Krim im Süden des Landes als „Geschenk Chruschtschows“. Die „Schenkungen Lenins“ umfassen schließlich laut dieser Karte weite Teile der südlichen und östlichen Ukraine. Das Gebiet, das vom Kreml als Ukraine anerkannt wird, umfasst lediglich eine kleines Gebiet im Zentrum der heutige Ukraine - auf dem obigen Bild in Gelb zu sehen. Nur innerhalb dieser Grenzen erhebt Russland keine historischen Ansprüche und erkennt die Ukraine als Land an.

Russische Propaganda: „historische“ Argumentation schon oft von Putin eingesetzt

Neben dem historischen Anspruch wurde der Einmarsch russischer Truppen in der Ansprache von Mittwoch (23. Februar) auch als „Entnazifizierung“ bezeichnet und als Aktion zur Verhinderung eines Genozids an Russen auf dem ukrainischen Staatsgebiet. Diese Form der Propaganda erfolgte bereits im Zusammenhang der Annexion der Krim im Jahr 2014. Damals wurden nur wenige Stunden vor der Annexion ähnliche Karten präsentiert, die die vermeintliche Schenkung der Krim durch Chruschtschow verbreitete. 

Diese Auslegung der russischen Geschichte durch Putin wird von vielen Experten scharf kritisiert. Die Deutsch-Ukrainische Historikerkommission hat in einer Erklärung am Donnerstag (24. Februar) besonders hierauf aufmerksam gemacht: „Die Instrumentalisierung von Geschichte spielt in Putins Kriegsrhetorik, die den Angriff begleitet, eine hervorgehobene Rolle. Es ist ungeheuerlich und stellt die Geschichte auf den Kopf, dass Putin sich bei seinem Krieg auf ein Ziel wie „Denazifizierung“ beruft. “

Rechtfertigung des Ukraine-Krieges „dilettantisch und hält wissenschaftlicher Kritik nicht stand“

Die verwobene europäische Geschichte könne nicht für aktuelle Gebietsansprüche herangezogen werden: „Die Ukraine ist eine europäische Nation. Viele europäische Nationen teilen mit ihren Nachbarn eine in das Mittelalter und die Frühneuzeit zurückreichende verflochtene Geschichte gemeinsamer Herrschaft.“ Als Vergleich wird Deutschland und Österreich genannt. Die ukrainisch-russische historische Verwobenheit ziehe Putin für eine imperiale Politik gegenüber der Ukraine heran.

„Putins historische Argumentation ist dilettantisch und hält wissenschaftlicher Kritik nicht stand. Wie auch immer man diese beurteilt, in keinem Fall darf die Vergangenheit herangezogen werden, um heute eine Politik der militärischen Aggression zu betreiben“, heißt es in der Stellungnahme renommierter Osteuropa-Historiker. In der Erklärung wird darüber hinaus darauf verwiesen, dass es keine Verträge gibt, die die Bündniswahl der Ukraine und anderer osteuropäischer Staaten einschränkt. Putins Aussagen in diesem Zusammenhang entsprechen also keiner historischen Tatsache.

Putins Außenpolitik: ehemalige Sowjetstaaten fürchten russischen Angriff

Wie weit Putin dieses Geschichtsverständnis für seine außenpolitischen Pläne noch ausreizt, wird sich zeigen. Ob die Gebiete, auf die er historische Ansprüche erhebt, annektiert werden oder ob er sogar darüber hinaus gehen wird, weiß man aktuell nicht. Im Falle der Krim stimmten die historischen Ansprüche Putins und sein politisches Handeln überein: Er hat sie annektiert. Seine historische Argumentation lässt besonders einige Staaten fürchten, die Teil der Sowjetunion waren. Dazu gehören unter anderem die baltischen Staaten und die Republik Moldau. (at) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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