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Norwegens Spagat zwischen Ökonomie, Umwelt – und dem europäischen Durst nach Öl und Gas

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Von: Anna-Katharina Ahnefeld

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Die Ölplattform „Johan Sverdrup“ befindet sich 14 Kilometer vor der Küste der Stadt Stavamnger in Norwegen.
Die Ölplattform „Johan Sverdrup“ befindet sich 14 Kilometer vor der Küste der Stadt Stavamnger in Norwegen. © Lars Lindqvist/Imago

In der größten Energienot wendet sich Europa Norwegen zu. Als zweitgrößter Öl- und Gaslieferant Deutschlands und der EU ist Oslo ein begehrter Partner – auf Kosten des Klimas?

Oslo/Trondheim – Öl und Gas machten Norwegen reich. So reich, dass das skandinavische Land eines der wohlhabendsten Länder der Welt ist. Seit Beginn des russischen Invasionskrieges in der Ukraine gieren Europa und insbesondere Deutschland verstärkt nach dem nordischen Gold. Russland ist kein verlässlicher Partner mehr, geschweige denn ein moralisch vertretbarer. Das macht eine enge Partnerschaft zu Norwegen als größtem Öl- und Gaserzeuger Europas umso begehrenswerter. Oslo verdient dabei an der Energieknappheit Europas mit einer Industrie, die es eigentlich hinter sich lassen wollte.

Norwegens Bedeutung in der Energiekrise: Öl und Gas verhalfen zu großem Wohlstand

Um das Verhältnis der Norweger:innen zu Öl und Gas zu verstehen, hilft ein Blick in die Vergangenheit. Bis Anfang der 70er-Jahre war Norwegen ein armes Land, das von Fischerei und Landwirtschaft lebte. Die Entdeckung der Erdöl- und Erdgasvorkommen war eine Zäsur. Mittlerweile ist Norwegen einer der größten Öl- und Gasexporteure der Welt, die fossilen Energien nähren den großen Wohlstand. Gleichzeitig setzt das nordische Land für den eigenen Bedarf fast komplett auf erneuerbare Energien wie Wasser- und Windkraft.

„Die Bedeutung Norwegens als Energielieferant war bereits vor der Energiekrise groß und ist nun nochmal gestiegen. Deswegen gibt es jetzt in Norwegen Forderungen, weitere Gebiete zu erschließen, weil das Land aktuell nicht mehr liefern kann. Die Förderkapazitäten sind am Anschlag“, sagt Politikwissenschaftler Dr. Tobias Etzold von der Technisch-Naturwissenschaftlichen-Universität Trondheim FR.de von IPPEN.MEDIA. Zwar werde der Ausbau erneuerbarer Energien vorangetrieben, jedoch herrsche die Haltung vor, dass das Zeitalter von Öl und Gas nicht vorbei sei. Die aktuelle Nachfrage Europas sehen viele als Bestätigung. Noch sind die Vorkommnisse nicht versiegt, noch gibt es Gebiete, die erschlossen werden können. Bereits im März kündigte die norwegische Regierung an, neue Lizenzen für Bohrungen, unter anderem in unberührten Gebieten der Arktis, vergeben zu wollen.

Die Bedeutung Norwegens als Energielieferanten war bereits vor der Energiekrise groß und ist nun nochmal gestiegen. Deswegen gibt es jetzt in Norwegen Forderungen, weitere Gebiete zu erschließen, weil das Land aktuell nicht mehr liefern kann. Die Förderkapazitäten sind am Anschlag.

Tobias Etzold, Technisch-Naturwissenschaftliche-Universität Trondheim

Doch nicht alles, was der Mensch vermag, sollte getan werden. Umweltverbände warnen davor, den europäischen Bedarf durch neue Öl- und Gasförderungen zu decken, insbesondere in der Arktis, eine der am stärksten vom Klimawandel betroffenen Regionen der Erde. So war in der Vergangenheit das Verbot neuer Bohrlizenzen einer der drängendsten Forderungen der norwegischen Klimabewegung. Auch Dr. Volker Rachold, Leiter des Deutschen Arktisbüros am Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) gibt bei FR.de von IPPEN.MEDIA eine eindeutige Einschätzung ab: „Dass die Öl- und Gasförderung in der Arktis mit großen Umweltrisiken verbunden ist, wissen wir schon lange. Arktische Ökosysteme sind weitgehend unberührt und extrem vulnerabel hinsichtlich Umweltverschmutzungen und Ölunfällen.“

Öl- und Gasfelder in der Arktis: Grüne und Linke gegen neue Bohrungen in den vulnerablen Gegenden

Die Erschließung neuer Funde ist daher ein umstrittenes Spielfeld in Norwegen. Das betont Tobias Etzold. „Die Grünen, die Linke und Teile der Zivilgesellschaft mahnen an, die Natur unberührt zu lassen, sie fürchten, dass fragile Gebiete wie die nordwestliche Arktis, die bislang von Bohrungen ausgenommen war, erschlossen werden. Doch die regierende sozialdemokratische Arbeiderparti und die konservative Høyre-Partei wollen die Öl- und Gasförderung ausbauen.“

Norwegen und seine Öl- und Erdgasindustrie

Die Öl- und Gasindustrie ist der wichtigste Wirtschaftszweig Norwegens. Das größte Unternehmen Equinor ist zu 67 Prozent in staatlicher Hand. 70 Prozent der Gasexporte gehen an Europa, damit deckt Norwegen circa 20 Prozent des europäischen Bedarfs und rund 30 Prozent des Bedarfs Deutschland. Weltweit ist Norwegen der zweitgrößte Exporteur von Erdgas. Aktuell fließt so viel Gas wie noch nie nach Europa. Die Deutsch-Norwegische Handelskammer schreibt auf ihrer Homepage zu den Öl- und Gasvorkommen: „Die gesamten Erdölressourcen auf dem norwegischen Kontinentalschelf werden auf circa 14,3 Milliarden Sm3 RÖE geschätzt. Davon werden 48 Prozent produziert, verkauft oder geliefert. 39 Prozent der gesamten verbleibenden Ressourcen sind noch nicht erschlossen. Etwa die Hälfte dieser Vorkommen werden in der Barentssee vermutet.“

Wegen der gestiegenen Gaspreise hat Norwegen laut Agence France-Press im Juli einen Rekordwert im Außenhandelsüberschuss verzeichnet. Der Wert der norwegischen Warenexporte überstieg den der Importe um 153,2 Milliarden Kronen (15,6 Milliarden Euro). Das teilte das nationale Statistikinstitut mit. Im Jahresvergleich vervierfachte das Land seine Einnahmen aus Gasexporten im Juli.

Der Öl- und Energieminister Terje Aasland stellte erst am Dienstag (23. August) eine Erdgasproduktion auf dem derzeitigen, hohen Niveau bis 2030 in Aussicht. Es gebe „Projekte und Pläne für die Entwicklung und den Betrieb, die dazu beitragen können, die hohen Gasmengen auch in Zukunft zu erhalten“, zitierte ihn die Nachrichtenagentur Reuters. Eine Reduktion der Öl- und Gasförderung angesichts der Klimakrise: erstmal ad acta gelegt. Als Verteidigungslinie für die Öl- und Gasindustrie wird in diesem Zusammenhang oft das Argument herangezogen, dass Norwegen in der Förderung relativ nachhaltig vorgeht und wenig CO₂ ausstößt, da die Plattformen mit erneuerbaren Energien versorgt werden. Greenwashing, monieren Kritiker:innen.

Die Sozialistische Linkspartei etwa ist für den schnellstmöglichen Ausstieg aus der Öl- und Gasförderung, wie Lars Haltbrekken im Gespräch mit FR.de von IPPEN.MEDIA fordert. Haltbrekken ist Abgeordneter im norwegischen Nationalparlament Storting und Mitglied im Energie- und Umweltausschuss. Erst vergangenes Jahr ließ seine Partei die Koalitions-Verhandlungen mit den Sozialdemokrat:innen platzen – wegen Uneinigkeiten beim Klimaschutz. „Es dauert zehn, zwanzig Jahre, bis die Produktion in neu erschlossenen Gebieten starten kann. Wir müssen in Europa jedoch schon vor diesem Zeitfenster von Öl und Gas loskommen“, sagt Haltbrekken und zweifelt damit den Sinn neuer Öl- und Gasvorkommen grundlegend an. Er ist überzeugt: „Wir müssen mehr bezüglich Energieeffizienz machen, wir müssen mehr bezüglich Solarenergie tun und wir müssen viel mehr bezüglich Offshore-Windkraft tun. Das sind die drei Säulen, die Norwegen für eine emissionsfreie-Energie nutzen muss.“

Energiekrise als Rückschritt im Kampf gegen Klimawandel? Experte nennt drei Gründe

Auch Ökonom Asbjørn Torvanger, Forscher an der Osloer Klima- und Umweltstiftung Cicero, gibt sich angesichts der aktuellen Entwicklungen nachdenklich. Die Energiekrise stelle seiner Ansicht nach einen zumindest kurzfristigen Rückschritt im Kampf gegen den Klimawandel dar, sagt er FR.de von IPPEN.MEDIA und führt dafür drei Punkte an:

Fakt ist, dass sich das Land in einem Spagat zwischen ökonomischen Interessen, dem europäischen Durst nach Öl und Gas und dem notwendigen Ausbau erneuerbarer Energien befindet. „Die aktuelle Situation kann ein Rückschritt im Kampf gegen die Klimakrise sein. Aber sie bietet auch die Chance, diese Energiekrise zu nutzen, um emissionsfreie Energiequellen auszubauen“, meint Lars Haltbrekken.

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Ähnliches deutete Norwegens Ministerpräsident Jonas Gahr Støre bei der Pressekonferenz des Nordischen Rats nach dem Oslo-Besuch von Bundeskanzler Olaf Scholz an. Norwegen sei bestrebt, ein stabiler Gaslieferant für Deutschland zu sein, sagte der Sozialdemokrat, machte jedoch klar, dass der Ausbau erneuerbarer Energien vorangetrieben werde, um „einen Ausgleich zu schaffen für die unzuverlässige Versorgung mit russischem Gas.“ Man werde in der Zukunft mehr erneuerbare Energie brauchen, und zwar „ausschließlich erneuerbare Energie“. Öl und Gas bezeichnete er dabei als Übergangslösung in der Energiewende.

Bei einem EU-Norwegen-Treffen im Juni zur engeren Energiepartnerschaft wurden ebenfalls nicht nur Pläne zur Förderung und dem Ausbau fossiler Energien diskutiert, sondern auch zu Kooperationen in Hinblick auf erneuerbare Energien. Norwegen und Deutschland prüfen aktuell den Bau einer Pipeline für den Import von grünem Wasserstoff aus dem skandinavischen Land. Und auch der größte Öl- und Erdgasproduzent des Landes, Equinor, kündigte an, seine Investitionen in erneuerbare Energien erhöhen zu wollen – jedoch nicht ohne zu betonen, dass angesichts der europäischen Energiekrise die Erschließung fossiler Brennstoffe weiter vorangetrieben werde. Fazit: Ein Rückschritt in Gewand des Fortschritts oder ein Fortschritt verkleidet als Rückschritt? Man wird sehen. Auch, wenn die Ressourcen für Öl und Gas noch nicht erschöpft sind, die des Klimas sind es.

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