Der Dirigent und Regime-Kritiker Vitali Alekseenok in den Farben der belarussischen Opposition.
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Der Dirigent und Regime-Kritiker Vitali Alekseenok in den Farben der belarussischen Opposition.

IPPEN.MEDIA-Interview

Lukaschenko-Kritiker gibt Einblick: „Wir haben eine Besetzung im eigenen Land“ - Gibt es noch Hoffnung?

  • Florian Naumann
    VonFlorian Naumann
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Die Regierung Lukaschenko hat die Proteste im eigenen Land niedergeschlagen. Dirigent Vitali Alekseenok berichtet von den Groß-Demos - und der aktuellen Gefühlslage in Belarus.

München/Lauchheim - Hunderttausende Menschen gingen im Sommer 2020 in Belarus auf die Straßen: Wegen offenkundig manipulierter Wahlen und mit dem Ziel einer echten Demokratie. Mittlerweile ist es still(er) geworden - die Proteste in dem Land sind seit Monaten mithilfe von Gewalt und Repressionen niedergeschlagen, Oppositionsführerin Maria Kolesnikowa ist inhaftiert und auch die Aufmerksamkeit im Ausland ist zurückgegangen.

Dennoch arbeiten Menschen weiterhin für die Sache der Opposition. Beispielsweise der Dirigent und Autor Vitali Alekseenok. Er hatte Belarus bereits vor zehn Jahren verlassen, war aber für die Proteste in sein Heimatland zurückgekehrt. Dort stellte er sich mit Flashmob-Chören Sicherheitskräften entgegen - zurück in der deutschen Diaspora leitet er nun ein Konzert eines deutschen Studentenorchesters mit einer Uraufführung der Werke dreier belarussischer Komponisten.

Vor der Aufführung am Samstag (9. Oktober) im Münchner Herkulessaal probte er mit den Musikern auf der Kapfenburg im schwäbischen Lauchheim. Im zweiten Anlauf berichtet er IPPEN.MEDIA telefonisch „aus dem Funkloch“ von der Aufbruchstimmung des belarussischen Sommers 2020, von den Repressionen der Regierung Lukaschenko, erklärt wie Deutschland, die USA, aber auch ein Konzert dabei helfen können, die Hoffnung im Land aufrechtzuerhalten - und warum auf dem Plakat zur aktuellen Aufführung ein Künstler anonym bleibt.

Belarus: Proteste gegen Lukaschenko im Sommer 2020 - „Alle waren wie aufgewacht“

IPPEN.MEDIA: Herr Alekseenok, Sie waren bei den Protesten in Belarus im Sommer 2020 selbst vor Ort. Wie haben Sie diese Tage wahrgenommen?
Vitali Alekseenok: Das war etwas ganz Besonderes. So etwas hatte ich in meinem Leben noch nicht erlebt. Einerseits war da die Gewalt des Regimes. Ich persönlich habe nicht so viel miterlebt, aber ich habe für mein Buch mit vielen Menschen gesprochen. Und man wusste das alles auf den Straßen. Es gab unglaublich viel Gewalt. Dementsprechend gab es aber auch eine Reaktion der Bevölkerung. Die war sehr friedlich, aber zugleich auch „aufdringlich“, keiner wollte diese Gewalt tolerieren.
Wie haben Sie die Stimmung unter den Protestierenden erlebt?
Es gab eine unglaublich große Welle der Solidarität. Die Menschen waren wie aufgewacht, alle waren da auf den Straßen und alle wussten worum es geht. Wir sind uns auf den Straßen beinahe in den Armen gelegen. Wir wussten wir gehören zu einer Community, die progressiv denkt, die gegen das Regime ist, die aber friedlich ihre Meinung äußern will.
Mehr als 100.000 Menschen haben ungeachtet eines massiven Polizei- und Militäraufgebots auch im Herbst 2020 noch in Belarus gegen Machthaber Lukaschenko protestiert. Foto: -/AP/dpa

Belarus und das System Lukaschenko: Allgegenwärtige Angst und „Feuer“ gegen die Demokratiebewegung

Konnte diese Aufbruchstimmung die Angst vor Festnahmen und Repressionen überdecken?
Die Angst war immer da. Die Angst ist eine der Emotionen, die in Belarus immer präsent sind. Ich bin dort in Angst aufgewachsen, ich bin in Angst zurückgekommen. Alles, was wir im Ausland machen, hat nichts mit Angst zu tun, es ist nicht gefährlich. In Belarus irgendetwas zu tun ist schon sehr, sehr gefährlich. Menschen wurden willkürlich verhaftet und gefoltert. Das führt dazu, dass Menschen immer in Angst leben und nicht wissen, was am nächsten Tag auf sie zukommen wird. Das ist die Strategie des Regimes. Und sie funktioniert auch zum Teil.
Die Demonstrationen der Demokratie-Bewegung sind schließlich auch aus den Straßen verschwunden. Wie ist es zu diesem Prozess gekommen?
Vielleicht kann man es mit einer Metapher sagen: Alles Lebendige, was auf dem belarussischen Boden gewachsen war, wurde mit einem sehr intensiven Feuer verbrannt. Alles wurde niedergeschlagen. Mit Gewalt kann man doch sehr viel zerstören. All das Lebendige, Innovative hat in der Logik der Gewalt null Bedeutung. Wenn man einer Kraft keine Kraft entgegensetzt, dann ist die Kraft stärker. Mit Gewalt und Machtmanipulation ist es dem Regime gelungen, die Proteste aus den Straßen zu vertreiben, damit das öffentliche Bild schöner aussieht. Was dem Regime nicht gelungen ist: Den Protest aus den Köpfen zu vertreiben. Der ist geblieben.

Lukaschenko: „Besetzung im eigenen Land“ - Protest nur von den Straßen verschwunden?

Sie haben weiterhin enge Kontakt nach Belarus. Wie ist die Lage dort aktuell?
Viele Menschen sind gegangen, viele sind auch in Gefängnissen. Es gibt aktuell über 700 politische Gefangene, mehr als in jedem anderen Land in Europa. Aber die Menschen denken noch an diese Geschehnisse. Innerlich bleiben sie beim Protest dabei. Man sieht es äußerlich nicht, aber innerlich sind sie immer noch genauso unzufrieden - wenn nicht noch mehr. Man könnte sagen: Wir haben eine Besetzung des Regimes in unserem eigenen Land.
Wie gehen die Menschen Ihrem Eindruck nach mit dieser Situation um?
Es gab immer wieder starke Momente, die in der Bevölkerung etwas ausgelöst haben. Zuerst der Mord an einem Künstler am 12. November 2020. Später dann auch die Geschichte um Ryanair. Es kommen immer wieder Nachrichten, die in Belarus Aufregung auslösen. Das bedeutet nicht, dass die Menschen direkt auf die Straßen gehen - aber sie sprechen dann über das, was passiert. Dann ist alles wieder frisch und lebendig. Und das Regime macht ja sehr viele Fehler. Es gibt immer wieder Anlässe für die Belarussen, miteinander zu sprechen und zu verstehen, welche Menschen in diesem Regime sitzen.
Polizisten nehmen einen Demonstranten in Minsk fest.

Lukaschenko: Kann es in Belarus einen Machtwechsel geben? „Er sitzt solange sicher im Sattel, wie er bezahlen kann“

Auch angesichts der Stimmung in Belarus: Wie sicher sitzt Lukaschenko im Sattel? Ist ein Machtwechsel denkbar?
Lukaschenko ist ein Diktator. Er will nicht weg. Alle möglichen Strategien, einen regimeinternen Machtwechsel herbeizuführen sind ziemlich utopisch. Lukaschenko ist ein Kontrollfreak, er will alles kontrollieren - er würde seinen Nachfolger bestimmt nicht mögen. Auf der anderen Seite: Er sitzt solange sicher im Sattel, wie er seine Helfer bezahlen kann; solange er dem Regime vermitteln kann, dass er stark ist. Die wenigen Prozente der Bevölkerung, die auf seiner Seite stehen, laufen da gerne mit - solange die unterstützt werden, solange kann das fortdauern.
Kann die Oppositionsbewegung im Land einen Umschwung bewerkstelligen?
Da sehe ich leider nur eine Möglichkeit, wenn die Situation eskaliert. Wie in der Ukraine 2014 beispielsweise. Aber das hoffen wir alle nicht. Das will wirklich keiner. Wir wollen alle friedlich bleiben.
Auch das klingt nicht besonders hoffnungsvoll. Sehen Sie eine konkrete Perspektive, einen Hebel für einen Machtwechsel?
Das wäre sehr, sehr starker Druck aus der gesamten Welt. Aus der EU und den USA vor allem. Leider muss auch unsere Bevölkerung noch mehr verstehen, dass man aktiver gegen das Regime kämpfen muss. Dem Regime gelingt es momentan, die Bevölkerung in eine Art Apathie zu versetzen und ihr die Hoffnung zu nehmen. Aus meiner Sicht ist die Hoffnung entscheidend. Es ist wichtig, dass Menschen außerhalb von Belarus über das Land nachdenken und etwas unternehmen. Jede kleine Tat hilft der Demokratie in Belarus auf den Weg.

Belarus: Dirigent Alekseenok möchte mit Konzerten „Empathie“ wecken - warum ein Komponist anonym bleibt

Belarus ist von Deutschland sehr weit weg. Was können Menschen hierzulande tun?
Über Belarus sprechen, nicht weggucken, sich über die Lage informieren. Es gibt dutzende Bücher, Podcasts, Interviews. Und dann haben wir Belarussen in Deutschland die Organisation Razam gegründet, das ist die belarussische Diaspora in Deutschland. Sie unterstützt auch Flüchtlinge in verschiedenen Ländern, sie ist mit der Politik in Kontakt. Natürlich kann man beispielsweise auch Razam spenden und auf diesem Wege helfen.
Und kann tatsächlich auch eine kulturelle Veranstaltung wie Ihr Konzert München Bedeutung haben? Wenn ja: auf welchem Wege?
Ich kann das natürlich nicht messen, aber ich glaube, das hilft schon, der Öffentlichkeit klarzumachen, was dort in Belarus passiert. So können hundert, vielleicht tausende Menschen über das Thema nachdenken und vielleicht auch eine gewisse Empathie bekommen. Das Thema lässt einige hoffentlich nicht kalt. Zugleich: Drei belarussische Komponisten haben für das Projekt Uraufführungen geschrieben, wir beeinflussen also auch die Kultur in Belarus. Und die Kultur in Deutschland. Denn das ist ja ein Austausch, wir haben ein deutsches Orchester mit belarussischer Musik und Gedichten, einem ukrainischen Sänger. So hoffe ich, dass Belarus in unseren Köpfen und Seelen weiterlebt - pathetisch gesprochen.
Sie sprachen von den drei belarussischen Komponisten - leben die noch in Belarus?
Ein Mensch lebt noch im Land. Deswegen können wir den Namen nicht nennen, dieser Künstler bleibt anonym. Die anderen zwei, Olga Podgaiskaya und Konstantin Yaskovk, waren noch vor sechs bis acht Monaten in Belarus. Sie haben aber das Land verlassen, weil die Lage für sie gefährlich war und es zugleich keine Hoffnungen und Aussichten für sie gab. Sie leben jetzt in Polen. Fast alle haben Belarus verlassen.

Vitali Alekseenoks Buch über die Proteste des Sommers 2020, „Die weißen Tage von Minsk“, ist im März im S. Fischer Verlag erschienen. Das Konzert des Orchesters Toneo unter der Leitung Alekseenoks findet am Samstag, 9. Oktober, im Münchner Herkulessaal statt.

Interview: Florian Naumann

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