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Indien will zur Supermacht Asiens aufsteigen: Wettstreit mit China eröffnet

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Von: Christiane Kühl

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Indiens Ministerpräsident Narendra Modi und US-Präsident Joe Biden gestikulieren beim G20-Gipfel auf Bali
Gute Stimmung auf dem G20-Gipfel: Indiens Ministerpräsident Narendra Modi und US-Präsident Joe Biden setzen auf Annäherung. © Doug Mills/afp

Indien will zur Supermacht Asiens aufsteigen und strebt nach geopolitischem Einfluss. Schon 2023 wird es China als bevölkerungsreichstes Land überholen. In der Wirtschaft wird die Aufholjagd schwieriger.

Neu-Delhi/Frankfurt – Indien stand lange im Schatten Chinas. Ein rasanter Boom ließ die Volksrepublik seit den 1990er-Jahren zur „Fabrik der Welt“ für alles vom T-Shirt bis zum Hightech-Produkt aufsteigen. Der Westen pries Indien derweil zwar als „größte Demokratie der Welt“; Geschäfte aber machten die Unternehmen lieber mit dem kommunistisch regierten China. Zu bürokratisch und verschlossen präsentierte sich Indien, das zudem auf eine lange Tradition der Blockfreiheit zurückblickt – Nähe zur Sowjetunion und später Russland inklusive.

Doch mit dem Schattendasein soll es bald vorbei sein. Ministerpräsident Narendra Modi will Indien zum Großmachtstatus führen; Fernziel ist es, einer von mehreren Polen einer künftigen multipolaren Welt zu werden, auf Augenhöhe mit den USA und China. Indien wolle führen und sich nicht länger mit einer ausgleichenden Rolle zufriedengeben, sagte Modi bereits kurz nach seinem Amtsantritt 2014. Im August 2022 versprach Modi in seiner Rede zum 75. Jahrestag der Unabhängigkeit von Großbritannien, Indien innerhalb des nächsten Vierteljahrhunderts – also bis 2047 – zu einem entwickelten Land zu machen.

Mitte Januar betonte Außenminister Subrahmanyam Jaishankar in einer Rede in Chennai, Indien sei zu einem Land geworden, das die globale Agenda mitgestalte und deren Ergebnisse beeinflusse. Dabei profitiere Indien auch von seiner zentralen Lage am Indischen Ozean. „Der Indische Ozean ist im Begriff, eine größere geopolitische Bedeutung zu erlangen.“, sagte Jaishankar. „Wie gut Indien seine geografische Lage nutzt, wird ein wesentlicher Faktor sein für seine Relevanz in der Welt.“

Indien oder China: Wer ist die Großmacht der Zukunft?

Doch auch Chinas Staatschef Xi Jinping hat große Pläne. Bis 2049, zum 100-jährigen Bestehen der Volksrepublik China, will er erreichen, dass sein Land „in Bezug auf seine nationale Stärke und seinen internationalen Einfluss an der Spitze der Welt steht“. Das hatte Xi auf dem Parteitag der Kommunisten im Oktober verkündet.

Wer also wird in ein paar Jahrzehnten die wichtigste Supermacht Asiens sein, Indien oder China? Für eine Antwort ist es zu früh.

Zumindest bei der Bevölkerungsgröße wird China seinen Spitzenplatz einer UN-Prognose zufolge in diesem Jahr an Indien verlieren. Derzeit liegen beide Riesenstaaten bei gut 1,4 Milliarden Menschen, mit China um ein paar Milliönchen vorn. Doch Indiens Bevölkerung wächst weiter. China musste dagegen vergangene Woche melden, dass seine Bevölkerung 2022 erstmals seit Jahrzehnten geschrumpft ist. Dieser Trend wird Chinas Wirtschaft langfristig schwächen; schon jetzt beginnt der früher endlose Pool an jungen Arbeitskräften zu schrumpfen, auf den sich Chinas Firmen jahrzehntelang verlassen hatten.

Bei der Wirtschaftsentwicklung muss Indien allerdings gewaltig aufholen: Chinas jährliche Wirtschaftsleistung war 2022 mit knapp 18 Billionen US-Dollar rund sechsmal so groß wie jene Indiens (drei Billionen US-Dollar). Und bislang erwartet die OECD für die Volksrepublik weiterhin ein starkes Wachstum – in einem weitgehend parallelen Pfad zu Indien, der dem Subkontinent zwar ein deutlich stärkeres Wachstum bescheren würde als bisher, Indien bis 2060 aber nicht näher an China heranbringen wird.

China und Indien hätten sich auch früher parallel entwickelt – bis China Anfang der 1990er-Jahre mit einem starken Reformschub die bekannte rasante Entwicklung auslöste, erklärt Gerwin Bell, Chefvolkswirt Asien des globalen Asset Managers PGIM Fixed Income, im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau von IPPEN.MEDIA.

Indiens Wirtschaft braucht viele Reformen

Bell sieht bei allem Optimismus für eine künftig größere Rolle Indiens allerdings große Herausforderungen, die das Land dringend anpacken müsse: Das Fiskaldefizit sei zu hoch, die Sparquote zu niedrig, die Rechtssicherheit noch ausbaufähig. Reformen seien nötig, etwa im Eigentumsrecht oder bei der Landnutzung. „Doch all das geht im Tempo eines Gletschers voran, drei Schritte vor und zwei zurück.“ Kürzlich erst habe Indien das Insolvenzrecht modernisiert, doch das neue Gesetz landete erst einmal vor Gericht. Auch die aus seiner Sicht nötige Privatisierung vieler Staatsfirmen, etwa der Versorgungsunternehmen, dauere sehr lange, sagt Bell. „Das Problem dabei ist, dass diese Dinge einen riesigen Bruch mit dem Status Quo bedeuten.“ Gegen geplante Landreformen habe es 2022 immer wieder Proteste gegeben. Auch sei in Indien der Glaube an eine große Rolle des Staates in der Wirtschaft weiterhin sehr ausgeprägt.

Sollte Indien sich öffnen und seine Probleme lösen, könnte es für internationale Investoren aber schnell attraktiver werden. Nicht jedes Unternehmen sei mit der derzeitigen Rolle Chinas als Fabrik der Welt dauerhaft zufrieden, sagt Bell. „Die Antwort darauf ist: Man muss einen Produktionsstandort finden, der genauso groß ist wie China. Und das könnte Indien sein.“ Ein Selbstläufer wäre das allerdings nicht. China habe es geschafft, ganze Lieferketten einschließlich der Logistikzentren im eigenen Land anzusiedeln, sagt Bell. „Das wäre in Indien nicht so einfach wie in China.“ Ein Beispiel: Der Einparteienstaat China könne riesige Landflächen für Industriezonen, Häfen oder Bahntrassen relativ einfach frei machen. „Das geht in Indien nicht.“

Indiens geopolitische Taktik

China schöpft seine Macht auch aus seinem wirtschaftlichen Erfolg und der starken Vernetzung mit der Welt; viele Staaten hängen von Produkten und Rohstoffen aus China ab. Modi aber scheint nicht warten zu wollen, bis ein Wirtschaftsboom seinem Land automatisch geopolitischen Einfluss verschafft.

So macht sich Indien derzeit die Spannungen rund um den Ukraine-Krieg zunutze. Modi weigert sich, den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine zu verurteilen, was seinem Land zunächst zwar Kritik einbrachte – doch schon bald einen Wettstreit um seine Gunst auslöste. „Jede der anderen Großmächte – die Vereinigten Staaten, Russland und China – buhlen intensiv um Indien, um ihren Gegnern einen strategischen Vorteil zu verwehren“, meint der Sicherheitsexperte Derek Grossmann von der US-Denkfabrik Rand Corporation. Jeder wolle in einer gespaltenen Welt das große Indien in seinem Lager.

Die USA hörten im April 2022 auf, Indien für seine neutrale Haltung zu Russland im Ukraine-Krieg zu kritisieren. Fortan hieß es, US-Präsident Joe Biden und Modi würden ihre „engen Konsultationen“ über Russland fortsetzen. Chinas damaliger Außenminister Wang Yi reiste nach Delhi in dem Versuch, Indien „aus der zunehmend engen Umklammerung Washingtons zu lösen“, wie Grossmann es nennt. Russland brachte Indien vor ein paar Monaten einmal als Vermittler ins Spiel – wobei Verhandlungen derzeit keine wirkliche Option darstellen.

Ziel von Modi und seiner hindu-nationalistischen Regierung sei es, „für Indien eine unabhängige Supermachtrolle zu gestalten, den Übergang zu einem multipolaren internationalen System zu beschleunigen – und den neuen Status schließlich mit einem ständigen Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen zu zementieren“, schreibt Grossmann.

Indien bleibt misstrauisch gegenüber China

Peking beobachtet all das genau. „Indiens Aufstieg hat sich aufgrund seiner komparativen Vorteile in Bereichen wie Wirtschaft, Politik und internationale Lage beschleunigt“, schrieb Zheng Yongnian, Professor an der Chinese University of Hong Kong, vergangene Woche in einem Essay. Die USA arbeiteten am Aufbau einer substanziellen Beziehung zu Indien, um China einzuhegen: „Sowohl die westlichen Regierungen als auch das westliche Kapital helfen Indien bewusst bei der Umgestaltung und Verbesserung seines Geschäftsumfelds.“ Indien gehört gemeinsam mit den USA, Japan und Australien der Quad-Allianz an, die im Indopazifik für Sicherheit und Stabilität sorgen will, vor allem mit Blick auf China.

Zwar ist Indien auch Mitglied der von China gegründeten Shanghai Cooperation Organisation (SCO, mit China, Russland und mehreren zentralasiatischen Staaten) sowie der BRICS-Gruppe mit China, Russland, Brasilien und Südafrika. Doch Neu-Delhi ist misstrauisch gegenüber Peking und dessen Großmachtansprüchen in Asien. Immer wieder kommt es zu Grenzscharmützeln an der langen Grenze der beiden Riesenstaaten quer durch den Himalaya. Vor wenigen Monaten prügelten sich die Soldaten beider Länder mit Stöcken.

„Delhi ist sich natürlich bewusst, dass seine Bereitschaft, ein stärkerer Partner der USA zu werden, Peking irritiert“, schreibt C. Raja Mohan vom Asia Society Policy Institute in Delhi.  „Delhi weiß aber auch, dass es seine engeren Beziehungen zu den USA sind, die Peking zu einem milderen Ton gegenüber Indien veranlassen.“ Es sind die ersten Machtspiele eines Landes, das mitreden will. Dazu hat es 2023 Gelegenheit: Indien übernahm im November die rotierende Präsidentschaft der G20-Gruppe der führenden Industrie- und Schwellenländer.

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