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„Nicht wahr“: Facebook-Chef Zuckerberg weist Vorwürfe von Whistleblowerin zurück

  • VonMax Schäfer
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Eine Serie von Berichten über die Unternehmensstrategie von Facebook stürzen die Firma in die Krise. Jetzt äußert sich die Whistleblowerin erstmals öffentlich.

Update vom Mittwoch, 06.10.2021, 10.00 Uhr: Wie nicht anders zu erwarten, hat Facebook-Chef Mark Zuckerberg den Vorwurf zurückgewiesen, das Online-Netzwerk würde Profite über das Wohl seiner Nutzerinnen und Nutzer stellen. „Das ist einfach nicht wahr“, schrieb Zuckerberg in einer am Dienstag (05.10.2021) veröffentlichten E-Mail an die Mitarbeiter seines Unternehmens. Als Beispiel nannte er eine Änderung, mit der Facebook vor einigen Jahren anfing, Nutzerinnen und Nutzern mehr Beiträge von Freunden und Familienmitgliedern statt viraler Videos zu zeigen. Es war das erste Mal, dass sich Mark Zuckerberg ausführlich zu den Vorwürfen einer Whistleblowerin und Enthüllungsberichten äußerte.

Der Facebook-Gründer verteidigte den Plan, eine Instagram-Version für Zehn- bis Zwölfjährige zu entwickeln. „Die Realität ist, dass junge Menschen Technologie nutzen.“ Statt dies zu ignorieren, sollten Tech-Unternehmen Dienste entwickeln, die ihre Bedürfnisse erfüllten und zugleich für eine sichere Umgebung sorgten.

Facebook-Chef Mark Zuckerberg im Jahr 2019.

Facebook: Whistleblowerin veröffentlicht geheime Dokumente – Zuckerberg soll aussagen

Update vom Dienstag, 05.10.2021, 22.52 Uhr: Der US-Senator Richard Blumenthal forderte während der Anhörung der Whistleblowerin Frances Haugen Facebook-Chef Mark Zuckerberg auf, in den Kongress zurückzukehren und bezüglich der Entdeckungen des Wall Street Journals zur Sicherheit von Kindern auszusagen. Es wurde klargestellt, dass Zuckerberg selbst als CEO von Facebook das Ende der Entscheidungskette darstellt, und somit Rechenschaft schuldig ist. Facebook hatte viele von Haugens Behauptungen energisch abgestritten, tut das jedoch nicht selbst, sondern durch Leute wie den globalen Sicherheitschef Antigone Davis. „Anstatt Verantwortung zu übernehmen und Führungsqualitäten zu beweisen, geht Herr Zuckerberg Segeln“, sagte Blumenthal.

Erstmeldung vom Montag, 04.10.2021, 14.34 Uhr: New York – Facebook setzt Profit über das Wohl der Gesellschaft. So lautet der Vorwurf der ehemaligen Mitarbeiterin des Unternehmens, Frances Haugen. „Die heute existierende Version von Facebook reißt unsere Gesellschaften auseinander und löst ethnische Gewalt rund um die Welt aus.“ Die 37-jährige Haugen lieferte als Whistleblowerin Informationen für eine Artikel-Serie im Wall Street Journal, nach der Facebook unter enormen politischen Druck in den USA* geriet. Haugen trat im Interview mit dem CBS-Nachrichtenmagazin 60 Minutes erstmals öffentlich in Erscheinung.

Frances Haugen erklärte, sie sei 2019 als Produktmanagerin bei Facebook angeworben worden, nachdem sie bereits mehr als ein Jahrzehnt in der Technologie-Branche, unter anderem bei Pinterest und Google, gearbeitet hatte. Sie habe unter der Bedingung zugestimmt, dass sie dem Unternehmen helfe könne, Falschnachrichten* zu bekämpfen. Das Problem sei für sie persönlich wichtig, weil sie selbst einen Freund verloren hatte, der sich in Online-Verschwörungserzählungen hineingesteigert hatte. Ihr Team hätte jedoch zu wenig Ressourcen gehabt, um etwas zu bewirken, erklärte Haugen.

Facebook-Whistleblowerin Frances Haugen kritisiert Facebook im Interview bei der CBS-Sendung 60 Minutes scharf.

Facebook unter Druck: „Das fühlt sich wie ein Verrat an der Demokratie an“

Facebook sei jedoch nicht bereit, die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um diese Probleme anzugehen, obwohl die nötigen Mittel vorhanden seien, so Haugen. Facebook habe bei der US-Wahl 2020* bewiesen, dass es bei diesen Themen mehr tun könne, als es die Richtlinien für mehrere Wochen geändert hatte. Danach habe Facebook wieder Wachstum und Klicks über Sicherheit gestellt. Der Schritt hätte laut Haugen zu den Unruhen im Kapitol am 6. Januar 2021 geführt. „Das fühlt sich für mich wirklich wie ein Verrat an der Demokratie an.“

„Facebook hat realisiert, dass Leute weniger Zeit auf der Plattform verbringen und auf weniger Werbeanzeigen klicken, wenn sie die Algorithmen so ändern, dass sie sicherer sind“, erklärte Frances Haugen in Bezug zur erneuten Änderung der Richtlinien im sozialen Netzwerk.

Facebook ignoriert eigene Forschungsergebnisse

Frances Haugen sprach im Interview mit 60 Minutes auch den Artikel im Wall Street Journal an, der in den vergangenen Wochen besonders viel Aufmerksamkeit bekam. Demnach seien Facebook die psychischen Auswirkungen von Instagram bei jungen Nutzer:innen bekannt. Unter anderem hieß es in dem Bericht von Facebook-Forschenden, bei zahlreichen Teenagern - vor allem Mädchen - verstärke Instagram die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper, was zu Essstörungen und Depressionen führe.

Facebook verwies nach dem Bericht darauf, dass Teenager - weiteren Daten aus denselben Studien zufolge - andere Themen als hilfreich bezeichnet hätten. Dennoch legte das Online-Netzwerk vergangene Woche Pläne für eine Instagram-Version für Zehn- bis Zwölfjährige auf Eis, womit das Unternehmen nach eigenen Angaben das Problem angehen wolle, dass auch jüngere Kinder unter den geforderten 13 Jahren das soziale Netzwerk nutzen. Instagram betonte allerdings in einer Stellungnahme für 60 Minutes, dass man weiterhin eine Version für Jüngere für sinnvoll halte.

US-Politiker:innen erhöhen Druck auf Facebook

Nach den Enthüllungen steht Facebook auch von Seiten der Politik unter Druck. Der demokratische Senator Ed Markey verglich die Strategie des Online-Netzwerks bei Instagram mit dem Handeln der Tabakindustrie: „Instagram ist diese erste Zigarette der Kindheit“, die Teenager früh abhängig machen solle und am Ende ihre Gesundheit gefährde, sagte Markey unter anderem. Facebook verbreite ein Produkt, von dem es wisse, dass es jungen Menschen schade. Die Whistleblowerin Frances Haugen soll am Dienstag (05.10.2021) im Kongress aussagen.

Nach den Äußerungen Haugens erklärte ein Facebook-Sprecher, das Netzwerk versuche täglich, eine Balance zwischen dem Recht auf freie Meinungsäußerung und einer sicheren Umgebung zu finden. Facebook betonte außerdem, dass Hassrede schlecht für das Geschäft sei. Das Netzwerk könne Hassreden bis auf 0,05 Prozent solcher Beiträge herausfiltern, bevor sie die Nutzenden erreichten, behauptete Top-Manager Guy Rosen.

Facebook: Größter Skandal seit Camebridge Analytica

Facebook steht durch die Untersuchungen unter so starkem politischen Druck, wie seit dem Skandal um Camebridge Analytica* nicht mehr. 2018 wurde bekannt, dass die Datenanalysefirma Informationen von Millionen Nutzer:innen ohne deren Wissen abgreifen konnte. (Max Schäfer mit dpa) *fr.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Rubriklistenbild: © Niall Carson/dpa

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