Diesmal ist der Feind unsichtbar

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Wieder New York. Wieder Ausnahmezustand. Wieder gespenstische Stille. Wie nach dem 11. September 2001, als Rettungshelfer in den Trümmern der Zwillingstürme des World Trade Center nach Überlebenden suchten. Während der Feind damals ein Gesicht hatte, ist er diesmal unsichtbar. Und was sich an diesem Tag, der alles veränderte, binnen weniger Minuten ereignete, entfaltet sich nun über Tage.

Covid-19 ist eine Katastrophe in Zeitlupe, der die Nation in Schockstarre zuschaut. Obwohl ein Sohn dieser wunderbaren Stadt im Weißen Haus sitzt, macht Donald Trump nicht viel mehr als einen Finger für New York krumm. Er koordiniert weder die Lieferung dringend benötigter Schutzmasken und Beatmungsgeräte noch beauftragt er die Massenproduktion dieser Güter.

Der Präsident zeigt dem Gouverneur und Bürgermeister New Yorks die kalte Schulter, obwohl die am dichtesten besiedelte Metropole der USA jetzt das "Ground Zero" der Pandemie ist. Im Gegenteil, faselt Trump über das Ende aller Restriktionen der Bundesregierung für das öffentliche Leben in drei Wochen. Er fantasiert von "vollen Ostergottesdiensten" zu einem Zeitpunkt, an dem New York dem Höhepunkt der Krise entgegengehen dürfte und nicht einmal Trauerfeiern für die Verstorbenen abhalten kann. Das ist nicht nur absurd, sondern gefährdet Menschenleben. Vor allem aber ist es unsolidarisch und setzt ein bedenklich Signal in dieser existenziellen Krise. Die Ereignisse des 11. September haben gelehrt, wie wichtig es in Zeiten der Not ist, als Stadt, Land und Welt zusammenzurücken.

Dieser Feind macht keinen Unterschied zwischen Demokraten und Republikanern, Armen und Reichen, Berühmten und Unbekannten. Er trifft alle und fordert die Solidarität aller heraus. Das Virus lässt sich nur schlagen, wenn alle aufeinander Rücksicht nehmen. Die Jungen auf die Alten, die Starken auf die Schwachen und die Gesunden auf die Kranken.

Dazugehört auch, vorhandene Ressourcen zu teilen, und dort zu helfen, wo Hilfe dringend benötigt wird. In den USA ist das die Stadt, die niemals schläft, aber jetzt gespenstisch ruht und in ihren Krankenhäusern eine verzweifelte Abwehrschlacht gegen den Erreger führt.

Das Schicksal New Yorks wird uns Auskunft darüber geben, ob Amerika in der Ära Donald Trumps noch den Zusammenhalt aufbringen kann, diese Herausforderung zu meistern. Der unermüdliche Gouverneur Cuomo, aber auch die ungezählten Helden in den Krankenhäusern, in den Lebensmittelgeschäften und in Uniform lassen hoffen, dass die New Yorker den Krieg gegen das Virus gewinnen. Sie verdienen unser aller Unterstützung. Thomas Spang

Quelle: Gießener Allgemeine

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