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Chinas schwierige Abkehr von Zero-Covid: Hauptstadt Peking schon wieder im Quasi-Lockdown

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Von: Jörn Petring

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Eine Frau lässt sich an einer Teststation in Peking eine Abstrichprobe für einen Test auf das Coronavirus Covid-19 entnehmen.
Und ewig grüßt die Teststation: Chinas Corona-Fallzahlen steigen wieder. Und damit heißt es unter anderem für die Bewohner der Hauptstadt Peking wieder einmal Schlange stehen für PCR-Tests. © Noel Celis/afp

China hat seine Null-Covid-Regeln gerade erst gelockert. Doch Ärzte warnen, dass es für eine Öffnung zu früh ist. Denn anders als in anderen Ländern sind in der Volksrepublik noch immer zu wenig Alte geimpft.

Peking/Berlin – Nach dem ersten tödlichen Corona-Fall seit Monaten reagieren die chinesischen Behörden mit verschärften Auflagen in der Hauptstadt. In Peking blieben viele Geschäfte und Restaurants am Wochenende geschlossen. Die Schulen kündigten an, dass der Unterricht in der neuen Woche ausfallen werde. Auch die Deutsche Botschaftsschule in Peking muss ihre Pforten bis auf Weiteres schließen. Am Sonntag war ein älterer Herr in Peking an Covid-19 gestorben.

Wie die Gesundheitskommission am Sonntag mitteilte, ist der 87-jährige männliche Patient das erste Pandemie-Opfer seit der großen Frühjahrs-Welle in Shanghai. Wie damals liegen auch derzeit die Infektionszahlen wieder bei landesweit über 24.000 Fällen pro Tag. Sollte sich der Anstieg ungebremst fortsetzen, würde sich eine große Zahl von Toten nicht vermeiden lassen. Das wollen die Behörden weiterhin um jeden Preis verhindern.

China lockert nur ein bisschen: Angst vor vielen Corona-Toten

Vergangene Woche legte die Führung zwar eine Liste mit 20 Anpassungen der Corona-Maßnahmen vor, die die Bestimmungen tendenziell abmildern. Laut den neuen Regeln ist es nun etwa untersagt, Sekundär-Kontakte, also Personen, die mit direkten Kontakten von Infizierten Kontakt hatten, in Quarantäne zu stecken. Nur noch die direkten Kontaktpersonen und Infizierte selbst müssen sich jetzt noch isolieren. Zudem dürfen Städte eine Einteilung nur noch in Risikogebiete und Nicht-Risikogebiete vornehmen. Die Ausweisung von Gebieten mit „Mittlerem Risiko“ fällt dagegen weg.

Das wird bewirken, dass etwas weniger Menschen in Lockdowns festsitzen werden als bisher. Immerhin. Ausländische Expats profitieren zudem davon, dass sie nach der Einreise nach China nur noch acht Tage statt wie bisher zehn Tage in Quarantäne müssen. Von einer erheblichen Lockerung konnte jedoch auch bei diesen Maßnahmen keine Rede sein.

Doch zugleich geht die Null-Covid-Politik weiter. So kündigte die derzeit besonders schwer betroffene südchinesische Metropole Guangzhou vergangene Woche an, die Kapazität in ihren Quarantäne-Zentren um mehr als 240.000 Plätze erhöhen zu wollen. Und das, nachdem es dort bereits gewalttätige Proteste gegen die Null-Covid-Maßnahmen gegeben hatte. Dass nun auch in Peking Geschäfte, Restaurants und Schulen wieder flächendeckend schließen müssen, ist Zero-Covid-Politik nach dem alten Muster

Chinas Null-Covid-Politik: Öffnung hängt vor allem von Impfquote ab

Doch zumindest teilweise deuten die kürzlich erlassenen, neuen Corona-Regeln darauf hin, dass sich der Kurs ändern soll. Bisher sind zu viele medizinische Ressourcen in Massentests und die Durchsetzung strikter Lockdowns geflossen. Das scheint die Führung verstanden zu haben. Ein Anzeichen dafür ist, dass ein größerer Vorrat mit Corona-Medikamenten aufgebaut werden soll.

Die neuen Maßnahmen sehen aber vor allem vor, endlich die Impfkampagne aktiver voranzutreiben. Wie lange es bis zu einer richtigen Öffnung noch dauern wird, dürfte also vor allem von einer Zahl abhängen: der Impfquote unter den ältesten Menschen. Im August waren lediglich 67,8 Prozent aller über 80-Jährigen dreifach geimpft. Erschreckend: Auch laut der jüngsten Zahlen hat sich an dieser Quote nicht viel geändert. Vergangene Woche lag sie noch immer bei 68,2 Prozent. Das ist deutlich zu niedrig.

Peking wird sich daran messen lassen müssen, wie schnell sich die Impfquote bei den Alten in den kommenden Wochen und Monaten nach oben bewegt. Tut sie das nicht, würden im Falle einer Öffnung zu viele Menschen sterben, wie auch chinesische Ärzte am Freitag in der britischen Zeitung Financial Times warnten. China, so ihre Schlussfolgerung, sei unter den derzeitigen Bedingungen noch nicht bereit für eine Öffnung. Die verheerenden Folgen einer unkontrollierten Corona-Welle konnten Anfang des Jahres in Hongkong beobachtet werden. Auch dort waren ausgerechnet die Alten nicht ausreichend geimpft. Und so kamen viele Menschen dort ums Leben. 

China kann bei Corona von Hongkong lernen

Doch das chinesische Festland kann aus den Hongkonger Erfahrungen auch etwas lernen: Laut einer dort durchgeführten Studie ist es ein Irrglaube, dass China nur mit einem ausländischen Impfstoff die Corona-Pandemie in den Griff bekommen kann. In Hongkong können sich die Menschen aussuchen, ob sie sich die Vakzine von Biontech oder das chinesischen Präparat Coronavac spritzen lassen. Die in der angesehenen medizinischen Fachzeitschrift The Lancet veröffentlichte Untersuchung hat ergeben, dass dreifach Geimpfte mit beiden Impfstoffen einen ähnlich guten Schutz vor schweren Verläufen oder Tod haben. 

Biontech-Geimpfte waren in Hongkong demnach zu 97,1 Prozent geschützt, Coronavac-Geimpfte zu 97,3 Prozent. Auf die ähnlich gute Wirkung des Boosters mit den chinesischen Produkten hatte im Frühjahr auch schon der Virologe Hendrik Streeck im Interview mit China.Table hingewiesen. 

China im Würgegriff der Pandemie: Schwierige Monate stehen bevor

Die kommenden Monate werden für China aber auf jeden Fall noch einmal schwer. Über den Winter werden die Infektionszahlen in China weiter ansteigen. Damit werden weiterhin viele finanzielle Ressourcen in Nachverfolgung, Tests und Isolation fließen.

Nur wenn es den Behörden gleichzeitig gelingt, eine groß angelegte Impfkampagne voranzubringen, wird man ab dem Frühling eine Öffnung näher rücken können. Möglich wäre auch ein anderes Szenario: Ähnlich wie in Hongkong im Frühjahr könnte die Lage außer Kontrolle geraten. Auch ein solches Chaos mit wahrscheinlich vielen Toten würde die Behörden zwingen, ihre derzeitige Strategie zu überdenken und letztendlich mit dem Virus zu leben. 

Von Jörn Petring 

Dieser Artikel erschien am 21. November 2022 im Newsletter China.Table Professional Briefing – im Zuge einer Kooperation steht er nun auch den Lesern der IPPEN.MEDIA-Portale zur Verfügung.

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