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„Völlig unvorbereitet in den Krieg geschickt“: Russischer Soldat erzählt von Kriegsgefangenschaft

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Von: Andreas Apetz

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Ein russischer Soldat in der Ukraine. Die Ausrüstung müssen sich die Streitkräfte meist selbst kaufen.
Ein russischer Soldat in der Ukraine. Die Ausrüstung müssen sich die Streitkräfte meist selbst kaufen. © Alexey Maishev/Imago Images

Ohne militärische Erfahrung schickt Russland tausende Soldaten in den Krieg. Einer von ihnen erzählt seine Geschichte aus der Kriegsgefangenschaft.

Moskau – Die Armee der Russischen Föderation gilt als eine der mächtigsten weltweit. Dennoch scheint es den Soldatinnen und Soldaten während des Ukraine-Kriegs an Moral und Kampfgeist zu fehlen. Immer wieder müssen die militärischen Streitkräfte von Präsident Wladimir Putin Niederlagen einstecken. Mit den Rückschlägen bei Kiew und Charkiw verlor die russische Armee zwei wichtige, vielleicht entscheidende, Gefechte. Ein junger Kriegsgefangener aus Russland berichtet nun von den dürftigen Zuständen beim russischen Militär und deren schlechten Vorbereitungen auf die Ukraine-Invasion.

Ukraine-Krieg: Russland macht junge Menschen zu Soldaten

Wehrpflichtig ist in Russland jeder zwischen 18 und 28 Jahren, eine Grundausbildung dauert zwölf Monate. An militärischen Operationen dürfen jedoch nur Berufssoldaten teilnehmen. Das „Moskauer Komitee der Soldatenmütter“ spricht dabei von unlauterem Wettbewerb, bei dem viele junge Menschen dazu gezwungen würden, sich verpflichten zu lassen. „Sie werden nicht gefragt, manche stellt man einfach in einer Reihe auf und lässt sie unterzeichnen. Da muckt doch keiner auf“, heißt es in einem Interview mit einer Mitarbeiterin der Organisation.

Ob auch Anton (Name geändert) unfreiwillig dem russischen Militär beigetreten ist, wissen wir nicht. In einem Gespräch mit dem Guardian erzählt er von seinen Erfahrungen in der Armee, der er nach dem Abschluss seiner Berufschule beigetreten ist. Mit 21 Jahren wurde der aus einer kleinen Stadt in Sibirien stammende Soldat auf die Halbinsel Krim verlegt, wo er im Dezember 2021 einen „einwöchigen“ Ausbildungskurs ablegen sollte.

Invasion der Ukraine: „Sie haben uns im letzten Moment davon erzählt“

Noch während der Ausbildungswoche befürchteten Mitglieder seiner Einheit, dass sie in den Krieg geschickt werden könnten – für Anton ein „absurder Gedanke“. Viele der jungen Soldaten hätten sich nicht vorstellen können, wirklich in den Krieg zu ziehen, so der 21-jährige Russe. „Sie haben uns erst im allerletzten Moment davon erzählt, in der Nacht vor der Invasion“, schildert Anton die Stunden vor dem 24. Februar.

Die Erzählungen des 21-Jähren decken sich laut dem Guardian mit den Schilderungen weiterer russischer Soldaten, die auch sagten, sie hätte nicht gewusst, dass sie in den Krieg ziehen würden, bis sie die ukrainische Grenze überschritten hatten.

Am 25. Februar wurde Antons Einheit in die Ukraine berufen. In der Nähe von Mykolajiw geriet der 21-Jährige mit seiner Einheit in einen Schusswechsel mit ukrainischen Truppen. „Es war unsere erste Konfrontation mit dem Feind. Wir hatten noch nicht einmal einen Schuss abgefeuert. Sie überfielen uns aus dem Hinterhalt und wir konnten uns nicht wehren. Wir mussten uns ergeben.“

„Völlig unvorbereitet in den Krieg geschickt“: Russische Soldaten in Kriegsgefangenschaft

Während der ukrainischen Kriegsgefangenschaft seien Anton und seine Mitgefangenen zwar nicht physisch angegriffen worden, jedoch hätten die Wachen auf ihn und die anderen Soldaten psychischen Druck ausgeübt. „Uns wurde ständig gesagt, dass Russland am Ende sei, dass wir zum unteren Ende der Gesellschaft gehörten.“ Außerdem sei ihnen gedroht worden, sie verhungern zu lassen. Anton fügte hinzu, dass einige Wachleute zwar so aussahen, als „wollten sie einem wehtun“, aber die meisten blieben ruhig und ließen ihren „animalischen Instinkt“ nicht aufkommen“.

Nach 45 Tagen kam Anton durch einen Gefangenentausch frei. Seitdem habe er „schreckliche Träume“ und könne kaum noch schlafen. „Letztendlich ist es wirklich nicht fair, wie die russischen Behörden mich behandelt haben. Ich wurde völlig unvorbereitet in die Ukraine geschickt“, sagte der 21-Jährige der britischen Zeitung. Mittlerweile suche Anton einen Weg, das russische Militär für immer zu verlassen. (aa)

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