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Lieber Essen oder Geld geben? Psychologin erklärt, wie man Obdachlosen wirklich hilft

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Von: Ines Alberti

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Ein obdachloser Mensch schiebt einen beladenen Einkaufswagen.
In Deutschland leben schätzungsweise 41.000 Menschen auf der Straße. (Symbolbild) © Peter Hartenfelser/Imago

Obdachlose sind auf die Solidarität ihrer Mitmenschen angewiesen – ein Brötchen oder 50 Cent können einen Unterschied machen. Doch wie hilft man am besten?

Frankfurt – Wer in einer deutschen Großstadt lebt, dem dürfte bewusst sein: Nicht allen Menschen wird hierzulande das Glück zuteil, ein Dach über dem Kopf zu haben. An Bahnhöfen, viel besuchten Plätzen, in Einkaufsstraßen oder unter Brücken offenbart sich die harte Realität, in der viele Menschen leben: Sie richten sich windgeschützte Ecken mit Pappen und Decken ein, schieben ihr Hab und Gut in Einkaufswagen von A nach B und bitten auch Passantinnen und Passanten um Spenden.

678.000 Wohnungslose lebten 2018 in Deutschland, schätzt die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W). Tatsächlich ohne jede Unterkunft „auf der Straße“ lebten demnach 41.000, wobei die Dunkelziffer höher sein dürfte. Zuletzt hat die Zahl der Obdachlosen in Großstädten zugenommen. Wie hilft man ihnen am besten? Verschiedene Organisationen geben Tipps.

Hilfe für Obdachlose: Auf welchem Weg spende ich am besten?

Obdachlosen Menschen mit einer Spende etwas Gutes zu tun, daran kann doch nichts verkehrt sein, möchte man meinen. Psychologin Lange macht jedoch in der Berliner Zeitung darauf aufmerksam, dass es auch einen Nachteil hat, wenn man Spenden direkt zur Schlafstätte obdachloser Menschen bringt: „Die obdachlose Person [hat] möglicherweise keine Motivation mehr, zu uns zu kommen. Wir können sie dann nicht erreichen und Hilfestellungen geben.“ Es sei wichtig, den Kontakt zu den auf der Straße lebenden Menschen nicht zu verlieren, um wie in Langes Fall auch psychologische Hilfe leisten zu können.

Außerdem, ergänzt Lange, würden häufig Spenden an Orten abgegeben, an denen sich bekanntermaßen viele obdachlose Menschen aufhalten, zum Beispiel am Berliner S-Bahnhof Zoo. Jedoch benötigten Menschen an weniger bekannten Orten ebenfalls Hilfe. Dort komme sie allerdings nicht an. Hilfsinstitutionen wie die Bahnhofsmission könnten einfacher Menschen bedienen, die etwas benötigen, wenn Spenden an Sammelstellen abgegeben würden.

Obdachlosigkeit: Besser Essen und Trinken oder andere Spenden?

Für Betroffene könne es mitunter kein schönes Erlebnis sein, wenn sie womöglich kommentarlos etwa einen Schlafsack hingelegt bekämen, obwohl sie vielleicht keinen brauchen, bemerkt Lange in dem Interview. „Ich habe bereits Autos gesehen, aus denen einfach so Zelte und Matratzen abgelegt worden sind, wortlos, mit ein paar Essensresten dazu. Gut gemeint, aber vielleicht nicht immer gut genug durchdacht“, sagt Lange.

Einfach ungefragt mit Lebensmitteln an einer Schlafstätte aufzutauchen, sieht Viola Lange ebenso kritisch, wie einfach so Sachspenden dort abzuladen. „Man weiß doch gar nichts über diesen Menschen, ob er das mag, was vorbeigebracht wird, was überhaupt sein Bedürfnis ist. Und sie dringen dadurch in eine Privatsphäre ein“, gibt die Expertin zu bedenken. Man solle zuerst die Person fragen, ob sie überhaupt etwas möchte und was sie mag. Außerdem sollte man nur das weitergeben, was man selbst auch annehmen würde, raten die Malteser auf ihrer Website. „Es ist erstaunlich, wie viele Leute Sachen spenden, die schon abgelaufen sind“, zitieren sie den Seelsorger der Hamburger Obdachloseneinrichtung Alimaus.

Obdachlosen helfen: Auf Essensausgaben verweisen

Anders sei es, wenn Obdachlose zum Beispiel gezielt Menschen in der S-Bahn ansprechen. Dann könne man etwas zu essen oder zu trinken anbieten, solle jedoch im Hinterkopf behalten, dass nicht jede oder jeder alles mag. Man solle nicht irritiert sein, wenn das Angebot abgelehnt wird. „Möglicherweise fehlen schlichtweg gute Zähne, um einen Apfel zu essen, oder ihm oder ihr schmecken gar keine Äpfel, oder es wurden zuvor schon drei in die Hand gedrückt. Obdachlose Menschen sind Menschen mit Vorlieben – so wie wir alle“, zitiert die Berliner Zeitung Lange.

Zudem gebe es etwa in Berlin genügend Möglichkeiten für Bedürftige, sich mit Lebensmitteln zu versorgen. Somit könne man auch auf tägliche Essensausgaben in der jeweiligen Stadt verweisen, statt selbst eine Spende zu geben.

Hilfe für obdachlose Menschen: Solle man Geld spenden?

Mit Geld können obdachlose Menschen – so wie eigentlich alle – natürlich viel anfangen, weil es ihnen die Möglichkeit gibt, sich selbst auszusuchen, wofür sie es ausgeben. Viele Menschen sind jedoch skeptisch und wollen nicht etwaige Suchtkrankheiten mit Geldspenden unterstützen. Viola Lange warnt jedoch, dass nicht jeder Mensch auf der Straße ein Alkohol- oder Drogenproblem habe. Das könne ein Vorurteil sein. „Davon abgesehen ist eine Sucht eine Krankheit. Eine Sucht muss befriedigt werden, sonst setzt der Entzug ein, und der ist schrecklich“, erklärt Lange in der Berliner Zeitung.

Die Diakonie Deutschland rät außerdem, nicht zu urteilen. Obdachlosigkeit könne unterschiedliche Gründe haben und wer sich in einer solchen Lebenssituation befindet, brauche Hilfe. Oft wollen obdachlose Menschen das Geld aber auch einfach für Dinge ausgeben, die für Nicht-Wohnungslose alltäglich sind: „Möglicherweise hat die Person große Lust, sich mal etwas Besonderes zu gönnen, eine Pizza vielleicht“, sagt Psychologin Viola Lange. Sie höre auch von Klientinnen und Klienten, die auf ein billiges Zimmer sparen, um in Ruhe schlafen und sich duschen zu können.

Obdachlosigkeit: Wie trete ich Betroffenen am besten gegenüber?

Wie sollte man obdachlose Menschen am besten ansprechen, wenn man Hilfe anbieten möchte? Auch dafür hat die Psychologin Viola Lange von der Bahnhofsmission Berlin Tipps:

Generell appellieren die Organisationen an Menschen, die helfen wollen, den Obdachlosen mit Respekt und Wertschätzung gegenüberzutreten. „Neben der täglichen Einsamkeit ist das Gefühl, unsichtbar und somit kein Teil der Gesellschaft mehr zu sein, zermürbend“, schreiben die Malteser. Selbst ein „Hallo“ oder ein freundliches Nicken könne Respekt zeigen. „Viele obdachlose Menschen freuen sich, wenn sie einfach wahrgenommen werden und man ihnen beispielsweise ein Lächeln oder ein freundliches Wort schenkt“, versichert auch die Heilsarmee. Und nett zu sein, kostet ja glücklicherweise nichts. (Ines Alberti)

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