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Persönliche Briefe und Kerzen: Der Tatort im Göttinger Stadtteil Grone ist zu einer Gedenkstätte geworden.

Internationaler Begriff "Femizide"

Nach der Bluttat von Göttingen: Gewalt gegen Frauen - ein unterschätztes Problem

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International wird der Begriff Femizid verwendet, wenn Frauen Opfer tödlicher Gewalt werden. Das Gewaltverbrechen von Göttingen wirft ein aktuelles Schlaglicht auf dieses Thema.

Sie wurde mit Brandbeschleuniger übergossen, angezündet und mit Messerstichen traktiert: Auf grausame Weise tötete ein Mann in Göttingen eine Frau, der er zuvor nachgestellt hatte. Der 52-Jährige lauerte der 44-Jährigen vor ihrer Arbeitsstelle auf und griff sie an – als eine Kollegin zur Hilfe eilte, tötete der Gelegenheitsarbeiter auch sie mit Messerstichen. 

Als Motiv für die Bluttat vor einer Woche in aller Öffentlichkeit vermutet die Polizei, dass die 44-Jährige den an ihr interessierten Mann zuvor mehrfach abgewiesen hatte. Es ist kein Einzelfall, dass Frauen Gewalt erleben, wenn sie Annäherungen zurückweisen oder sich trennen wollen. 

Durchschnittlich versucht in Deutschland jeden Tag ein Mann seine Frau oder Ex-Partnerin umzubringen

Nach Zahlen des Bundeskriminalamtes (BKA) versucht im Durchschnitt jeden Tag ein Mann, seine Frau oder Ex-Partnerin umzubringen. 2018 wurden bundesweit 123 Frauen von ihren Lebensgefährten oder Ex-Männern getötet, hinzu kommen 208 Mord- beziehungsweise Totschlagsversuche in Partnerschaften.

Begriffe wie Beziehungstat oder Familiendrama verschleiern die Gewalt gegen Frauen 

Oft verschleiern Begriffe wie Beziehungstat oder Familiendrama diese Gewalt gegen Frauen. Schon sechs Tage vor dem Göttinger Gewaltverbrechen hatte der 52-Jährige seinem späteren Opfer Angst gemacht. Er war auf den Balkon der Bekannten geklettert und hatte Gegenstände heruntergeworfen. Die Frau zeigte ihn an. Die Polizei reagierte mit einer sogenannten Gefährderansprache und einem Platzverweis.

Göttinger Frauengruppe ruft am internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen zur Demo auf

Ein Ende der Gewalt fordert die „Feministische Frauengruppe“ Göttingen. Die Mitglieder kritisieren das vielfache Schweigen bei dem Thema. Dies sei nicht hinnehmbar, so die Gruppe. Und weiter: „Liebe ist kein Motiv zu morden, egal ob erwidert oder nicht. 

Frauenhass hingegen schon.“ Aus Sicht der Gruppe führen männliche Dominanz und Besitzansprüche in der Gesellschaft zu Gewalt gegenüber Frauen. „Es ist wichtig, das Problem Frauenhass in aller Klarheit zu benennen.“ Deshalb ruft die Gruppe für den 25. November, am Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, zu einer Demo in Göttingen auf.

Nach der Bluttat von Göttingen wird wieder verstärkt über Gewalt gegen Frauen diskutiert

Hätte die Polizei die Gefahr früher erkennen müssen? Streifenpolizisten hatten den 52-jährigen mutmaßlichen Täter vor dem Verbrechen in seiner Wohnung besucht, da er dem späteren Opfer Angst gemacht hatte, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft Göttingen, Andreas Buick. „Es gibt nicht die geringsten Anhaltspunkte dafür, dass die Polizei im vorliegenden Fall einen Fehler begangen hat und die Gefährlichkeit des Mannes hätte früher erkennen müssen“, so die Staatsanwaltschaft. 

Wer ist eigentlich Frank N? Die Vorgeschichte:

Frank N. war in den 1990er Jahren mehrfach wegen Vergewaltigung verurteilt worden, bis 2001 saß er eine Gefängnisstrafe ab, lebte aber danach unauffällig. Diese Vorgeschichte dürfte den ihn besuchenden Beamten bekannt gewesen sein, sagt der Oberstaatsanwalt. Der Mann habe sich einsichtig gezeigt und keine Bedrohung ausgesprochen. 

Schutz ist Ausnahme: Opfer oft auf sich alleine gestellt

„Die Opfer sind leider häufig auf sich allein gestellt, auch wenn sie die Polizei und andere Institutionen eingeschaltet haben“, beobachtet der frühere Leiter der Bremer Mordkommission, Profiler und Autor Axel Petermann. Polizeischutz sei nur in Ausnahmefällen möglich und nur selten reichten die strafrechtlichen Verfehlungen eines Täters aus, um gegen ihn einen Haftbefehl zu erlassen beziehungsweise ihn zum Schutz der Allgemeinheit in eine psychiatrische Klinik einzuweisen. 

Gewalt gegen Frauen: Andere Fälle in Niedersachsen

Im Fall des Säure-Opfers Vanessa Münstermann geschah der Angriff Anfang 2016, kurz nachdem die junge Frau aus Hannover ihren Ex-Freund wegen Stalkings und Gewalt angezeigt hatte. Der schrieb ihr aus dem Gefängnis empörende Briefe* - und die Polizei tat nichts. Die heute 30-Jährige fürchtet den Tag, an dem der Täter aus dem Gefängnis entlassen wird.

Ende 2016 versuchte ein Deutsch-Kurde in Hameln seine Ex-Frau mit Messerstichen und Axthieben zu töten und schleifte sie anschließend mit einem Seil um den Hals hinter seinem Auto her. Dem Mordversuch waren Gewalt in der Beziehung, ihre Trennung von ihm, Streit um Unterhalt und sogar Todesdrohungen vorausgegangen. 

Bei Risikoeinschätzung ist Deutschland noch ein Entwicklungsland - sagt ein Experte

„Man kann solche Taten nicht grundsätzlich verhindern, aber man kann die Wahrscheinlichkeit verringern“, sagt Kriminalpsychologe Jens Hoffmann. Der Stalking-Experte ist Leiter eines Instituts in Darmstadt, das entsprechende Schulungen und Fallberatungen anbietet. „Bei der Risikoeinschätzung sind wir in Deutschland noch ein Entwicklungsland“, kritisiert er. 

Stalking-Beamte nicht in jeder Polizeidienststelle

Längst nicht alle Polizeidienststellen hätten Stalking-Beamte, die typische Muster und Warnsignale erkennen könnten. Dazu seien Hintergrundwissen, Recherche und mehrere Gespräche mit dem Gefährder notwendig. Eine solche Gefährdungsanalyse werde eher selten vorgenommen, ist auch Petermanns Erfahrung aus der Polizeipraxis vor seinem Ruhestand. 

Neueste Zahlen zu Gewalttaten gegen Frauen sollen im November vorgestellt werden 

Seit 2015 zeichnet das BKA jedes Jahr ein Lagebild von Gewalt in Partnerschaften. 2017 waren fast 114.000 von knapp 139.000 Opfern weiblich. Die Delikte umfassten unter anderem Stalking, sexuelle Nötigung, Vergewaltigung, Bedrohung, Körperverletzung sowie Mord und Totschlag. Das aktuelle Lagebild für das vergangene Jahr soll Ende November vorgestellt werden. 

Von Bernd Schlegel und Christina Sticht (mit dpa)

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