Michael Hallek, Direktor der Inneren Medizin der Uniklinik Köln, in den ARD-„Tagesthemen“.
+
In den ARD-„Tagesthemen“ sprach Mediziner Michael Hallek über die aktuelle Corona-Lage auf den Intensivstationen.

„Es ist fünf nach zwölf“

Dramatische Corona-Lage in Köln: Mediziner warnt vor drohender Triage „in einer Woche“

  • Patrick Huljina
    VonPatrick Huljina
    schließen

Die Corona-Zahlen steigen, die Intensivstationen in Deutschland füllen sich. Laut dem Direktor der Inneren Medizin der Uniklinik Köln droht dort bei einem weiteren Anstieg die Triage.

Köln - „Es ist fünf nach zwölf“, warnte Michael Hallek am Dienstag (13. April) in den ARD-„Tagesthemen“. Nur aufgrund der Einsatzbereitschaft und Flexibilität der Mediziner und des pflegenden Personals könne man aktuell die Lage auf den Intensivstationen noch kontrollieren, erklärte der Direktor der Inneren Medizin an der Uniklinik Köln.

Corona in Deutschland: Hallek kritisiert Politik - Notbremse „zu langsam und zu spät“

Der Mediziner verwies zwar auf regionale Unterschiede, doch gerade in Großstädten sei die Situation auf den Intensivstationen „sehr angespannt“. Hallek nannte ein Beispiel: „Im südlichen Rheinland hatten wir jetzt an zwei Wochenenden bereits keine Betten mehr im gesamten Umkreis.“ Gernot Marx, Präsident der Intensivmediziner-Vereinigung DIVI, erklärte im Gespräch mit der Augsburger Allgemeinen bereits zuvor, dass man bereits im April einen neuen Höchststand an Corona-Intensivpatienten in Deutschland erwarte.

„Wir sind alle, die wir in der Intensivmedizin arbeiten, über die Langsamkeit der Entscheidungen enttäuscht, ein bisschen auch entsetzt“, kritisierte Hallek in den ARD-„Tagesthemen“* das Handeln der Politik. Seit Wochen hätten Intensivmediziner darauf hingewiesen, dass die Situation kritisch werde. Einige Vorschläge im Entwurf für die bundesweite Corona-Notbremse bezeichnete Hallek als „sehr gut“, es laufe allerdings „zu langsam und zu spät“. Ähnlich äußerte sich auch SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach.

Corona in Deutschland: Inzidenzwert von 100 als Grenze „gefährlich hoch eingestellt“

Zudem kritisierte der Direktor der Inneren Medizin an der Uniklinik Köln die Orientierung am Inzidenzwert 100. „Das ist ungefähr so, als würde sie auf einem ganz engen Weg in den Dolomiten mit Tempo 100 fahren dürfen und sie wissen, dass bei 30 schon der Absturz droht“, zog Hallek einen Vergleich. Für die Bekämpfung der Corona-Pandemie*, insbesondere mit der Ausbreitung der Virus-Variante B.1.1.7*, sei der Grenzwert bei einer Inzidenz von 100 „gefährlich hoch eingestellt“.

Eine schnelle Umsetzung schärferer Corona-Regeln* durch die Politik sei wichtig, da ansonsten die Zahl der Corona-Patienten und damit auch die Zahl der Intensivpatienten weiter steige. „Denn: die Patienten von heute sind die Intensivpatienten von in zwei Wochen“, erklärte Hallek weiter. Ein bundesweiter Anstieg der Zahl der Intensivpatienten auf 6000 oder gar darüber hinaus, hätte in einigen Großstädten sicher „weitere krisenhafte Situationen“ zur Folge. „Das gilt es zu verhindern“, forderte der Medizinier eindringlich.

Dramatische Corona-Lage in Köln: Hallek warnt vor drohender Triage „in einer Woche“

Mit „krisenhafter Situation“ meint Hallek in seiner Einschätzung wohl das Worst-Case-Szenario: die Triage. Bei Corona-Patienten* geht es dann um Leben und Tod, beispielsweise um die Entscheidung, wer an ein Beatmungsgerät angeschlossen wird - und wer nicht. Bereits zuvor hatte der Mediziner in der WDR-Sendung „Aktuelle Stunde“ vor dem Eintreten einer solchen Situation an der Uniklinik Köln gewarnt.

„Wenn die Zahlen weiter steigen, ist es noch eine Woche“, sagte Hallek auf die Frage, ab welchem Zeitpunkt es in Köln zu einer Triage kommen könne. „Das möchte keiner von uns wirklich erleben. Das möchte ich unter allen Umständen verhindern“, stellte der Mediziner auch dort klar. Es sei wichtig, dass man „sofort und schnell politisch entscheidet“.

Corona-Intensivstationen in Deutschland füllen sich - „Äußerst besorgniserregend“

Die medizinische Versorgung leide unter dieser Situation, Operationen müssen verschoben werden. Das sei nicht nur in Köln so, sondern auch bereits in einigen anderen Großstädten, betonte Hallek in den ARD-„Tagesthemen“. „Das droht auf weitere Bezirke und weitere Städte überzugehen und das halte ich für äußerst besorgniserregend“, so die eindringliche Warnung des Mediziners.

Es brauche nun Schnelligkeit, die bundesweite Einhaltung der Corona-Maßnahmen, eine deutliche Reduktion der Kontakte und vor allem Transparenz. „Ich glaube eine ganz wichtige, vielleicht die allerwichtigste Maßnahme ist eine klare Kommunikation“, sagte der Direktor der Inneren Medizin der Uniklinik Köln. In zwei bis drei Monaten seien Effekte der Corona-Impfungen* zu erwarten. „In dieser Zeit sollten wir versuchen, die Kontakte zu reduzieren, alle gemeinsam, um weitere Todesfälle durch Covid-19 in Deutschland zu Tausenden zu verhindern“, so Halleks Appell an die Bevölkerung.

Virologe Christian Drosten forderte in der neuen Folge des NDR-Podcasts „Coronavirus-Update“ ebenfalls härtere Corona-Maßnahmen für Deutschland - und zwar in „allernächster Zeit“. (ph) *Merkur.de und 24rhein.de sind ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare