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Zwischen all diesen Welten

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Hat in ihrem Debütroman viel zu erzählen: Elina Penner. © DPA Deutsche Presseagentur

Bis zum Schluss ist nicht klar, ob Nelli ihren Ehemann ermordet hat oder nicht, aber wirklich wichtig ist das nicht. Der Mann kommt eh nicht so gut weg im Debütroman von Elina Penner, er ist sozusagen irgendwann von seiner literarisch-irdischen Existenz erlöst. Dass seine Frau, eine russlanddeutsche Mennonitin, eine Fleischermeisterin ist und gerne Schweinehälften zerlegt, ist Zufall.

Elina Penners »Nachtbeeren« ist ein tragischer, ein lustiger, ein unterhaltsamer und ein lehrreicher Roman. Ihre wichtigste Protagonistin hat aus verschiedenen Gründen starke psychische Probleme. Die offensichtlichsten Gründe sind mehrere während der Schwangerschaften verlorene Kinder, aber es gibt noch andere, weniger sichtbare. Da sind die allgegenwärtigen patriarchalen Strukturen, die zwar humorvoll beschrieben, aber in ihrer Wirkung auf die Frauen in der mennonitischen Gemeinschaft erdrückend sind. Und da sind die Umsiedlungserfahrungen der Familie aus Russland nach Deutschland.

Drei Personen und ihre Sichtweisen

Mehr als 3,5 Millionen Menschen in Deutschland stammen aus Kasachstan, aus der Ukraine, aus Kirgistan, Usbekistan, Russland, den baltischen Staaten. Ihr Glaube und ihre Konfessionen sind unterschiedlich, ihre deutschen Sprachkenntnisse ebenso, meistens werden all die vielen Individuen unter dem Begriff Russlanddeutsche zusammengefasst. Von einer mennonitische Familie aus dieser Gruppe handelt der Roman.

Elina Penner erzählt die Geschichte anhand von drei Personen: Nelli, ihrem Sohn Jakob und ihrem Bruder Eugen. Aus deren Perspektiven blickt man auf die Familie und ihre Geschichte. Nelli hat sich zwar in die Alltagskultur der Familie gefügt, doch innerlich richtet sie hart über die Mitglieder, besonders über die Männer, sie ringt mit den Erwartungen an sie, die sie zu erfüllen hat, und zieht sich mehr und mehr in sich zurück. Nur ihre Großmutter scheint ihr viel Halt gegeben zu haben. »Sie ließ uns groß werden, indem sie das Kleinsein nicht klein machte. Ihre Freude, ihr Leben waren wir Kinder, und sie war die einzige bedingungslos Liebende, die ich kannte.«

Jakob, der Sohn der Protagonistin, ist Schuljunge. Er kommt in die unangenehme Situation, seinen getöteten und zerlegten Vater in einer Kühltruhe zu finden. Dabei suchte er nur nach Tweeback (ein Doppeldecker-Hefebrötchen) für sein Frühstück. Jakob ruft seinen schwulen Onkel Eugen an, weil die Mutter nicht zu Hause ist und er nicht weiter weiß. Und nachdem der Onkel zuerst fragt, ob das kleine Kind seinen eigenen Vater umgebracht habe, ist allen klar, dass es die Mutter gewesen sein muss. Oder?

Erinnerungen, beziehungsweise das Fehlen von Erinnerungen, sind ein wiederkehrendes Thema im Buch. Nelli fehlen die Erinnerungen an die Zeit unmittelbar nach dem Umzug nach Deutschland, ihr fehlen aber auch viele Erinnerungen an das frühe Leben in Russland. »Meine Erinnerungen führten mich oftmals vor, denn ich war ein Kind, ich konnte nur arrogant oder naiv zurückdenken. … Nein, ich wusste nichts mehr. Ich war neidisch. Ich hätte gerne gewusst, wie es ist, die eigene Vergangenheit abspulen zu können im Kopf, das war mein größter Wunsch.«

Wörter aus dem Plautdietschen

Mögen den Figuren im Buch manche Erinnerungen fehlen, die Autorin hat viel zu erzählen von einer deutschen Geschichte, die den meisten in Deutschland geborenen Deutschen unbekannt sein dürfte. Sie verwendet Wörter aus dem Plautdietschen, der Sprache der Russlandmennoniten. Sie zeigt, wie die Figuren zwischen all den Welten wandern, in denen sie leben - in der Vergangenheit der mennonitischen Familie in der Sowjetunion, in der Vergangenheit der offiziellen Sowjetunion, in der mennonitischen Gegenwart ihrer Gemeinde in Deutschland und dem Alltagsdeutschland sowie in der Traumwelt, in der sie eine paradiesgleiche Heimat zu finden hoffen und deswegen ständig weiterziehen. »Können wir nicht einmal, einfach so, eine Generation lang, irgendwo leben, völlig ereignisbefreit, ohne Kinder für ihre Leben zu traumatisieren?«, fragt Nellis Bruder Eugen einmal. Vielleicht die nächste Generation, die jetzige muss sich erstmal um die Leiche kümmern.

Elina Penner: Nachtbeeren. Roman. Aufbau Verlag, Berlin 2022. 248 Seiten, 22 Euro.

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