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Le Gateau Chocolat (l.) und, im Auto, Oskar, Tannhäuser und Venus.

Bayreuther „Tannhäuser“

Das Festspielhaus kapern

„Frei im Thun“: Tobias Kratzer und sein Team bieten beim Bayreuther „Tannhäuser“ auf, was sie nur können. Damit kommen sie dem Alleswoller Richard Wagner jedenfalls näher als Valery Gergiev in seinem wenig inspirierten Dirigat.

Von krassem Unterhaltungswert bei größtmöglicher Reflexion ist der neue Bayreuther „Tannhäuser“. Dadurch unterscheidet er sich so sehr von seinen beiden glücklosen Vorgängern, dem leeren Schmuckgefäß von Philippe Arlaud und der ungewollten Regietheaterpersiflage von Sebastian Baumgarten, dass die Premiere ein markanter und selbst (und gerade) in ihren Ambivalenzen hoffnungsvoller Augenblick in der Festspielgeschichte war. Außerdem wurde selten so viel gelacht während einer Aufführung an diesem Ort, überhaupt während der Aufführung einer Oper von Richard Wagner. Dies wurde von denen, die nicht lachten, auch beklagt: Unter den großen Jubel für das Regieteam um Tobias Kratzer und seinen Ausstatter Rainer Sellmaier mischten sich ein paar kräftige Buhs, nicht sehr viele.

Tatsächlich hat es eine beklagenswerte Seite, auch eine brutale, wenn in die Musik hineingelacht wird wie im Kino – gutes Stichwort –, aber dazu offensichtlich eine befreiende, die der Absicht der Inszenierung entspricht und diese für den Moment sozusagen in die Tat umsetzt. Denn es ist ein unwiderstehlicher Spaß und keineswegs dumm, wenn Venus im zweiten Akt das Festspielhaus kapert, einen der Edelknaben in der Garderobe überwältigt und auf diese Weise verkleidet in den Sängerwettstreit schlüpft, wo sie mit wachsender Empörung den Formeln der hohen Minne sowie der Verdammung ihrer eigenen anarchischen Ideale lauscht. Es ist grandios, wie die spät eingesprungene Elena Zhidkova sich die Rolle zu eigen macht.

Plakate und Flugblätter mit einer Parole des jungen Wagner

Anarchische Ideale? Wie im Kino? Zur Ouvertüre, die hier nicht weniger, aber nicht mehr als Luxusfilmmusik ist, sieht man Tannhäuser, Stephen Gould, Venus und ihre beiden Kumpane, den kleinwüchsigen Schauspieler Manni Laudenbach als Blechtrommler Oskar (Matzerath) und die schwarze Drag Queen Le Gateau Chocolat als sie selbst, im Citroën Typ H über das im weitesten Sinne fränkisch-thüringische Land jazzen. Da schau her, jetzt kommen sie an einer Biogasanlage vorbei, durch Baumgartens „Tannhäuser“ am Ort wohlbekannt. Gerade wird sie „mangels Nachfrage“ geschlossen. Zu viel des Gewitzels? Eindeutig, und man muss von voller Absicht ausgehen. Die gewiefte Film-Echtbild-Kombination (Video: Manuel Braun) zeigt ein Trüppchen Außenseiter par excellence. Venus steckt im keineswegs zu verführerischen Zwecken eingesetzten Glitzerbody, Tannhäuser im Clownskostüm. Sie haben Plakate und Flugblätter dabei, mit einer Parole des jungen Wagner bedruckt: „Frei im Wollen, frei im Thun, frei im Genießen“. Der Schwung der ebenso vorder- wie abgründigen Devise (typisch Wagner) überträgt sich unmittelbar in einem nachher von Zwängen aller Art heimgesuchten Handlungsablauf. Andererseits wird die gute Laune schon jetzt durch Engpässe gedämpft. Beim Burger- und Benzin-Klauen, Venus ist hart drauf, kommt ein Polizist ums Leben. Das ist der Einstieg für Tannhäusers Ausstieg, sein Schuldgejammer hat Hand und Fuß. Ein Toter liegt auf der Straße.

Der Weg führt Tannhäuser geradewegs in Richtung Grüner Hügel. Der Chor der Pilger, das sind wir, die Zuschauer. Der Begriff der Kunstreligion wird wörtlich genommen, der Eindruck ist nicht läppisch, sondern enorm. Läppisch wird allerdings die religiöse Komponente (noch zitiert in einem Caspar-David-Friedrich-Bild). Viel Krampf fällt dadurch vom Stück ab. Es ist wie geschält und darunter knallfrisch.

Schwächerer dritter Akt

Das Festspielhaus ist dann auch Schauplatz im anders gearteten zweiten Akt. Die Inszeniertheit des Wettsingens wird potenziert und gebrochen, indem eine kleine Bühne das Geschehen in mittelalterlichem (ostentativ unechtem) Dekor zeigt. Darüber (Split Screen) sieht man in einem Schwarzweißfilm, wie Venus, Chocolat und Oskar sich Zutritt verschaffen. Vor allem aber sieht man die Akteure in den Kulissen vor dem Auftritt. Erhabene, persönliche Sekunden im Sängerleben, für die Zuschauer ein schillerndes Spiel mit der „Echtheit“. Im (von Eberhard Friedrich einstudierten) Riesenchor wird gebabbelt und gezittert, der Landgraf Hermann, der anschließend zutiefst sonore Stephen Milling, schäkert mit den Edelknaben. Lise Davidsen, als Bayreuth-Debütantin und Elisabeth eine musikalische Sensation, schlägt fix ein Kreuz, bevor sie heraustritt. Hat ihr das der Regisseur gesagt? Die Anspannung von Wolfram, dem groß und milde aufsingenden Markus Eiche, bezieht sich nicht nur auf den bevorstehenden Auftritt. Auch er, das ist nicht neu, aber gut erzählt, liebt Elisabeth.

Beim Wettsingen selbst fließen die Rollen der im Off wartenden Sänger und „Sänger“ – unter ihnen Daniel Behle als Luxus-Walther – noch restloser ineinander. Katharina Wagner, selbstironisch als Chefin in Szene gesetzt, ruft schließlich die Polizei. Bevor sie Tannhäuser festnehmen, betrachten die Beamten nachdenklich das inzwischen an der Fassade angebrachte „Frei im Wollen…“-Transparent. So darf unter der Komödie die Utopie weiterflämmeln. Man kann sich kaum sattsehen, aber es ist keine Überladung, alles, jedenfalls fast alles behält Sinn und Verstand. Das Transparent ist in der zweiten Pause ein beliebtes Fotomotiv. In der ersten musiziert Le Gateau Chocolat am Teich. Oskar rudert im Schlauchboot umher. Das also ist es, was sie im Venusberg treiben. Frei im Genießen.

Noch einmal anders geartet der schwächere dritte Akt, auf dem Schrottplatz der Autos und Utopien, in einem naturalistisch trüben Regietheaterbild. Der Pilgerchor: Verlierer einer Gesellschaft, in der sich die mittlerweile ganz in den Untergrund gegangene Venus nicht durchsetzen konnte.

Le Gateau Chocolat hat Karriere mit einer Uhrenkollektion gemacht. Oskar macht sich seinen Doseneintopf in der Blechtrommel warm. Die allzu offensichtlichen Botschaften treten aber vor einer Tragödie zurück. Elisabeth, Schatten ihrer selbst, wirft sich Wolfram an den Hals. Die vielbeschworene Lust ist eine traurig mechanische Angelegenheit im Autowrack. Elisabeth wird sich danach umbringen. Tannhäuser, jetzt von der Regie etwas beiläufig behandelt, findet sie blutüberströmt vor. Videobilder zeigen Elisabeth und Tannhäuser, wie sie im Bus dem Sonnenuntergang entgegentuckern. Das ist banaler, als Tannhäuser es verdient hat. Klug und böse aber: Die Utopie kann sich vom Kitsch nicht freihalten.

Lyrischere Tannhäuser sind denkbar

Der Musik sollte all das nichts nehmen, nimmt es aber doch. Das mag am unerwartet uninspirierten Dirigat eines weiteren Bayreuth-Debütanten liegen, Valery Gergiev, der einen flotten, aber um Eigenheiten unbemühten und dadurch an diesem triftigen Ort zu flüchtigen Wagner bietet. Dadurch entsteht der unglückliche Eindruck, dass der Komponist Wagner – dessen „Tannhäuser“-Partitur Tannhäuser stets bei sich hat und am Ende zu Wolframs Entsetzen verbrennen wird – hinter dem Revolutionär Wagner zurückbleibt. Prächtiger wäre es, wenn die Musik das konterkarieren könnte.

Die schauspielerisch durchweg glanzvollen Sänger setzen sich durch, hier wiederum herrscht bei den Hauptpartien sogar eher ein übergroßes Format vor. Lyrischere Tannhäuser sind denkbar und vorhanden als Gould, dessen erhebliche Kraft manchmal gepresst wirkt. Etwas isoliert vom Rest zeigt sich sein Willen zur individuellen Gestaltung in der ungewöhnlichen Expressivität bis hin zum uneitel Fahlen der Romerzählung. Zhidkova wirkt beim ersten Auftritt noch etwas stockend – ein merkwürdiges Phänomen, das sich auch bei Gould zeigt, als fehlte manchmal eine rechte Einigkeit bei den Tempi –, insgesamt überzeugt sie auf ganzer Linie. Ein Erlebnis ist Lise Davidsens goldener, Jugendlichkeit und Reife verbindender Sopran, dessen Größe sich im ohne Religion noch viel traurigeren Gebet in strenge Innerlichkeit transformiert.

Das Premierenpublikum, dem wirklich jedes ausgehändigte Opernglas im Laufe der Vorstellung herunterfiel, spürte das Uninteressante des Dirigats und das Gelungene des Gesamtereignisses und wusste das im Schlussapplaus zu nuancieren.

Judith von Sternburg

Richard-Wagner-Festspiele Bayreuth: Wer auf zurückgegebene Karten setzen will, was Erfolg haben kann, schaut sich auf www.bayreuther-festspiele.de um.

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