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Misanthrop mit Charme

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Die Streiche von »Max und Moritz« sind auch in der Neuauflage von Wilhelm Buschs »Sämtlichen Werken« zu finden. © DPA Deutsche Presseagentur

»Jajaja«, rief Meister Böck, »Bosheit ist kein Lebenszweck.« Ist Wilhelm Busch lustig? Aber natürlich! Ein Großmeister des deutschen Humors und der oft schlicht paargereimten deutschen Dichtkunst ebenso, dazu ein formidabler Zeichner, der comicartige Bilder malte, lange bevor es Comics gab - ein Genie also. Und zugleich ein eigenbrötlerischer Misanthrop.

Bertelsmann hat jetzt seine »Sämtlichen Werke in zwei Bänden« neu aufgelegt: und zwar in exakt derselben Weise, wie sie erstmals 1959 (!) erschienen waren - von Rolf Hochhuth (!) herausgegeben als Ausgabe des »Bertelsmann Leserings« mit einer Auswahl von Buschs Skizzen und Gemälden - und einem Vorwort von Theodor Heuss (!!).

Teils farbig (die einleitenden Max-und-Moritz-Episoden etwa, sein wohl berühmtestes Werk), meist aber schwarz-weiß. Seine Geschichten fand der Mann mit dem mächtigen Bart nicht überall da, wo Menschen Missgeschicke geschehen, sondern vielmehr dort, wo sie diese provozieren: weil sie herzlos gegenüber anderen sind, sich dem Trunke hingeben, dem Laster übertriebener Frömmigkeit - so, wie die Lasterhaftigkeit des Menschen überhaupt sein großes Lebensthema zu sein scheint.

Eine gute Weile lebte der gebürtige Hannoveraner in Frankfurt am Main, wo er über Vermittlung seines dort als Erzieher arbeitenden Bruders engen Kontakt mit der Bankiersfamilie Keßler hielt - vornehmlich wohl mit der Dame des Hauses nebst ihren beiden Kindern. Der fortschrittsskeptische Nörgler konnte durchaus Charme entwickeln.

Die zweibändige Ausgabe ist, was sie schon vor mehr als 60 Jahren war - eine Fundgrube, die man so schnell nicht ausgelesen hat. Freilich hat die Forschung zu Wilhelm Busch, der vor 190 Jahren geboren wurde, in den Jahrzehnten seit Theodor Heuss nicht geruht, in Hannover steht sogar ein formidables Busch-Museum. So wäre es durchaus noch gewitzter gewesen, diese Ausgabe mit einigen Beigaben und Informationen zu Buschs Wirkung bis in die Gegenwart aufzufrischen! Immerhin wären viele Karikaturisten bis hin zum Humor-Großmeister Robert Gernhardt ohne ihn wohl gar nicht zu denken. wol

Wilhelm Busch, Rolf Hochhuth (Hrsg.): Sämtliche Werke. Bertelsmann, zwei Bände im Schuber, über 2300 Seiten,

45 Euro, ISBN 978-3-570-10473-6

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