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Sie waren dabei: Carlos Santana (o. l.), Janis Joplin (o. r.), Joe Cocker (u. l.) und Jimi Hendrix. In Bethel im US-Bundesstaat New York erinnert eine Gedenktafel an das Woodstock-Festival. Zwischen Vietnam-Krieg und Bürgerrechtsbewegung trafen sich 1969 400 000 Menschen und feierten drei Tage lang friedlich zu Weltklasse-Musik.

Love, Peace und Matsch

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"3 Days of Love and Peace" - drei Tage Liebe, Frieden und Rockmusik versprach das Woodstock-Festival vom 15. bis 18. August 1969. Anlässlich des 50. Geburtstags wird es zwar keine Neuauflage geben. Aber die Erinnerung an ein einzigartiges Festival bleibt und trägt den Mythos weiter.

In einem der "Peanuts"-Comics spielen Snoopy und Woodstock, ein kleiner gelber Kanarienvogel, Football. Das kann nicht gut gehen. Nicht Woodstock trifft den Ball, sondern umgekehrt. Aber Woodstock gibt nicht auf und beweist damit Idealismus. Charles M. Schulz hat den tollpatschigen Piepmatz nicht zufällig nach dem berühmten Musikfestival benannt. Auch die über 400 000 Besucher dieser "Mutter aller Rockfestivals" waren Idealisten. Sie wollten ein anderes, ein besseres Amerika und keines, das seine jungen Männer in die selbst geschaffene Hölle nach Vietnam schickt. Als während des Auftritts von Joe Cocker schwarze Regenwolken aufzogen, riefen alle im Chor "No rain, no rain!" Dann ging das Gewitter erst so richtig los. Aber irgendwann hörte es auch wieder auf, und die Jugend Amerikas feierte das Ereignis mit Schlammrutschen.

Die "3 Days of Love and Peace" haben Amerika verändert. "Woodstock machte Amerikas Jugend auf einen Schlag volljährig. Die Kids wurden sich bewusst, wie verschieden sie von ihren Eltern waren. Die gesellschaftliche Bedeutung dieses Festivals ist gewaltig", hat Woodstock-Veteran David Crosby einmal gesagt. Crosby neigt in Interviews gerne zu Superlativen, trifft hier aber ins Schwarze. Woodstock war ein Meilenstein in der Kulturgeschichte der USA und zugleich der Höhepunkt der Hippie-Kultur.

Der Mythos wird entzaubert

Das zeigt ein Blick auf die Bands, die an drei Tagen und Nächten auftraten. Das Line-up reicht von Joan Baez, Santana, Canned Heat und Janis Joplin bis zu Joe Cocker, Crosby, Stills and Nash und Jimi Hendrix. Woodstock-Jubiläen dienen seit einigen Jahren dazu, den Mythos zu entzaubern. So wird darauf verwiesen, welche Stars nicht dabei waren: Rolling Stones und Beatles, The Doors, James Brown, Led Zeppelin, Bob Dylan. Ausgerechnet Dylan, der damals in Woodstock wohnte. Nur erstens war ihm der Trubel wohl zu viel und zweitens fand Woodstock nicht in Woodstock statt, sondern 70 Kilometer südwestlich in White Lake im US-Bundesstaat New York auf Weideland des Farmers Max Yasgur.

Jimi Hendrix als Headliner

Auch mit dem Idealismus soll es nicht weit her gewesen sein. Den Veranstaltern sei es vor allem um Kommerz gegangen. Manche Bands forderten üppige Gagen. The Who spielte nur gegen Vorkasse, das Geld wurde mit einem Hubschrauber herangeschafft. Die Folksänger John Sebastian und Arlo Guthrie sollen bei ihren Auftritten mit LSD vollgepumpt gewesen sein. Janis Joplin enttäuschte, die Grateful Dead spielten ihr schlechtestes Konzert, Creedence Clearwater Revival lehnte es aufgrund des schlechten Sounds ab, dass ihr Auftritt auf Platte verewigt wurde. Joni Mitchel, die mit dem Song "Woodstock" die Hymne des Festivals schrieb, sah das Spektakel nur im Fernsehen. Und als Headliner Jimi Hendrix am Montagmorgen um 8.30 Uhr die Bühne bestieg, waren von den 400 000 Besuchern nur noch rund 40 000 anwesend.

Schlechte Organisation, katastrophale Essensversorgung, viel zu wenig Toiletten, Unwetter und im nahen Dorf eine "Notaufnahme für schlechte LSD-Trips" - trotz der Entzauberung bleibt der Woodstock-Mythos bestehen. Das hat mit der Musik zu tun. Der Auftakt begeistert noch heute: Richie Havens ("Freedom") improvisiert einen Spiritual und setzt das Publikum mit Soul-Stimme und seiner einzigartigen perkussiven Gitarrentechnik in Verzückung. Oder Country Joe McDonald, der einsprang, weil kein anderer Künstler zur Stelle war. Er stimmte spontan den "Fixin’ To Die Rag" an, ein Anti-Vietnam-Lied, dem der berühmte "Fuck-Cheer" vorausging: "Give me an ›F‹!"

Carlos Santana war die Überraschung des Festivals. Sein Sound war magisch, hier startete seine Weltkarriere. Joe Cockers Interpretation des Beatles-Hits "With a little help from my friend" zählt ebenso zu den Höhepunkten wie die Landkommunen-Hymne "Goin up the country" von Canned Heat. Das Beste kam zum Schluss: Jimi Hendrix zerlegte, zersägte und zerschredderte auf seiner Fender Stratocaster die US-amerikanische Nationalhymne, tauchte den "Starspangled Banner" in musikalische Bomben und Raketen und führte so den ganzen Wahnsinn des Vietnamkriegs vor. So etwas hatte man zuvor noch nie gehört. In einer Talkshow wehrte sich Hendrix später dagegen, er habe eine "unorthodoxe" Version der Hymne gespielt. Er fand seine Version einfach "beautiful".

Quelle: Gießener Allgemeine

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