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Dresden, 1991: Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl gratuliert seiner neu gewählten Stellvertreterin Angela Merkel während des Parteitags der CDU im Kulturpalast. In der Mitte die thüringische Kultusministerin Christine Lieberknecht.

Kohls Mädchen und die Messdiener

Es wird Herbst, und Angela Merkel ist bald nicht mehr Bundeskanzlerin. Manch einer kann oder mag sich das gar nicht vorstellen. 16 Jahre lang regierte sie im Kanzleramt. Wie sie dorthingekommen ist? Eine spannende Biografie von Ursula Weidenfeld schildert Angela Merkels Weg an die Spitze der Politik.

Ob sie eine gute Karriere in der Verwaltung machen oder sogar ganz an die Spitze in Wirtschaft, Politik oder Sport gelangen: Fast alle Erfolgreichen finden und erzählen eine besondere Geschichte aus der Kindheit oder Jugend, in der sie für den weiteren Lebensweg eine entscheidende Botschaft mitbekommen haben. Wenn man Zeugen befragen kann, wird die Anekdote auch gerne mal etwas anders erzählt, aber die bisher nicht bestrittene wegweisende Geschichte von Angela Merkel geht so: Im Schwimmunterricht habe sie mal lange auf einem Dreimeterbrett gestanden und sich erst in der allerletzten Sekunde vor Stundenschluss getraut zu springen, also grade noch rechtzeitig.

Die Geschichte ist besonders interessant, da wir wissen, dass mit Annalena Baerbock eine gelernte Trampolin-Springerin Merkels Nachfolgerin werden will. Die Grüne will uns zwar nicht weismachen, da oben früh schon an die Kanzlerschaft gedacht zu haben, aber doch vom Leistungssport wichtige Tugenden für die Politik mitgenommen zu haben.

Offen, beharrlich und geschickt

Wie dem auch sei, zu Merkels zögerndem aber letztlich zupackendem Regierungsstil passt die Sprung-Anekdote sehr gut - genau wie etliche andere von Ursula Weidenfeld in ihrer lesenswerten Biografie noch mal ausgepackte, zum Teil auch erstmals erzählte. Weidenfeld wählte für die Merkel-Biografie eine Mischung aus chronologischer und thematischer Erzählform, die überzeugt. Für politisch einigermaßen Kundige wird der Blick auf die Jahre vor 2000 am interessantesten sein, also die Zeit, bevor Merkel zunächst CDU-Chefin, dann 2005 Bundeskanzlerin und damit vollends öffentliche Person wurde. Besonders erhellend hierbei ist der Blick auf Merkels Rolle im Wendejahr 1989/1990. Die Tochter eines Pfarrers, der auch nach der berufsbedingten Übersiedlung in die DDR Westkontakt hielt, ging vorsichtig aber selbstbewusst auf Politiker und Medienvertreter aus der Bundesrepublik zu. Diese Offenheit und ihr im Wende-Chaos auffallendes organisatorisches und analytisches Talent öffneten ihr schnell die Türen in die Politik.

Vom Demokratischen Aufbruch (DA), dem sie sich zunächst anschloss, hätten inhaltlich auch durchaus Wege zu Bündnis 90, also den Grünen führen können. Aber Merkel trat nach dem Desaster des DA bei der ersten freien DDR-Wahl im März 1990 in die Ost-CDU ein, zu der sie durch die gemeinsame Wahlallianz bereits gute Kontakte hatte. Damit war nun einiges möglich. Aber die glänzende Karriere der Jungpolitikerin, die in den 1980er Jahren als systemtreue, aber auch illusionslose und nicht ganz ausgelastete Wissenschaftlerin Kraft für eine Aufgabe geschöpft hatte, die sie noch gar nicht kannte, war längst nicht vorgezeichnet. Doch Merkel fasste in der CDU schnell Fuß: Weidenfelds Schilderung ihrer Zeit zunächst als Frauenministerin, dann als Umweltministerin zeigt, wie beharrlich und geschickt sie als »Kohls Mädchen« vorging. Während andere Ministerinnen jener Ressorts, die seinerzeit noch als »Gedöns« abgewertet wurden, rasch wieder in der Versenkung verschwanden (wie das andere »Ost-Talent« Claudia Nolte) oder sich mit bescheidenen Rollen begnügten, wurde Merkel bereits 1992 von einem FAZ-Journalisten als »kanzlerfähig« gesehen.

Aber sie erlebte durchaus Enttäuschungen. Bundeskanzler Helmut Kohl, der sie förderte, benutzte sie, um die CDU zu modernisieren und als Fachministerin die Schläge für ihn abzufangen. Von Kohl hat sie sich die Taktik abgeschaut, in Werte-Konflikten mit der alten Parteilinie nach außen hin auf konservativem Kurs zu bleiben, diesen aber insgeheim zum Beispiel durch Toleranz von Abstimmungen ohne Fraktionszwang zu opfern. Tatsächlich ging Merkel 2017 bei der »Ehe für alle« ganz ähnlich vor.

Dem »Andenpakt« überlegen

Die Biografie macht deutlich, dass Merkel auch deshalb in nicht ideologischer Weise agieren konnte, weil sie nicht in der Jungen Union der West-CDU sozialisiert wurde. Dass sie sich gegen den auf alten Loyalitäten aufbauenden »Andenpakt« um Roland Koch, Friedrich Merz, Christian Wulff und Peter Müller durchsetzte, wäre fast als ein Wunder zu werten - wenn es sich nicht auch mit Merkels vielleicht größter Tugend verbände, der ihr nachgesagten analytischen Beharrlichkeit, »Dinge vom Ende her zu denken«. Spätestens in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre begann Merkel, die die CDU-Alphatiere ihrer Generation als Konkurrenten auf dem Weg nach oben ansehen musste, eine Unterstützergarde aus der zweiten Reihe aufzubauen. Loyale CDU-Politiker wie Peter Altmaier, Thomas de Maizière, Hermann Gröhe, Peter Hintze oder Armin Laschet, die parteiintern mit dem schönen Namen »Messdiener« bezeichnet werden und die sie nach Bedarf und Belieben hin und her schob, haben Merkels Macht abgesichert, indem sie schnell kleine Feuerchen austraten und stets den Kontakt zur Parteibasis sicherten.

Ursula Weidenfeld: Die Kanzlerin - Porträt einer Epoche. Rowohlt Berlin. 352 Seiten, 22 Euro, ISBN: 978-3-7371-0123-3.

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