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Knapp daneben, voll vorbei

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»Die Geschmeidigen« nennt Nora Bossong ihr neues Buch - diesmal keine Kriegsroman-Kolportage, sondern ein Zeitdokument: Mit 25 Zeitgenossen ihrer Generation hat sie sich unterhalten, um so etwas wie ein politisch-weltanschauliches Porträt der um die 40-Jährigen zu erstellen.

Zu ihren Gesprächspartnern gehörten neben einigen Wissenschaftlern vornehmlich Politiker wie Lars Klingbeil, Christian Lindner, Omid Nouripour, Katja Kipping, Dorothee Bär und Paul Ziemiak.

Nach 206 Seiten, auf denen sie geschmeidig schildert, was ihr an Rollenmustern hier und da aufgefallen ist, zitiert Bossong endlich ein etymologisches Wörterbuch: »Geschmeidig« bedeute »biegsam, nachgiebig, leicht zu bearbeiten« - was auf Flexibilität schließen lassen könnte oder gar auf Opportunismus, aber auch auf erhöhte Kompromissfähigkeit. Nun ja, irgendwo dazwischen muss man diese Generation verorten, die sich wie alle Generationen zuvor und wohl auch danach eben nicht so geschmeidig auf einen Nenner bringen oder biegen lässt. Man ist damit fast am Ende des Buches und keinen Deut schlauer als am Anfang.

Warum wir es hier trotzdem vorstellen? Weil das Buch den Krieg gegen die Ukraine verpasst hat. Dafür kann die Autorin natürlich am allerwenigsten. Doch indem so all ihre Beliebigkeits-Floskeln grandios ins Leere laufen, zeigt es wieder und wieder: Die Zeit des unverbindlichen Geplänkels ist ein für alle Mal passé. In Bossongs schweifendem Blick flackert der große Selbstirrtum dieser Generation ein letztes Mal auf - und der Glaube, mit solch geschmeidigem Palaver könne man ewig fortfahren. Die Zeitgeschichte hat die Diagnose der Autorin endgültig falsifiziert. wol

Nora Bossong: Die Geschmeidigen. Ullstein, Berlin, 238 Seiten, 19,99 Euro. ISBN: 9-783-550-20200-1

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