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Den Gegner mit Worten niederringen

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Kaum eine Schmähung scheint zu abwegig auf der Suche nach der höchsten Abwertung. Dass sich einmal deutsche Politiker gegenseitig als »Wildsau« und »Gurkentruppe« verspotteten, war vor zehn Jahren vielleicht noch einen Aufreger wert, heute lockt es zu kaum mehr als einem müden Lächeln.

Doch ist diese giftige Art des Unfriedens kein Sonderfall der Moderne oder eine den Internet-Kommentarspalten vorbehaltene Verrohung. Schon die Streitkultur der noch heute idealisierten Antike hat ihre eigenen Blüten der Garstigkeit gedeihen lassen. Der Dresdner Altphilologe Dennis Pausch geht in seinem neuen Buch »Virtuose Niedertracht« der Kunst der Beleidigung im Alten Rom auf den Grund und zeigt die deftigsten Szenen damaliger Geistesgrößen.

Da ist etwa Cicero, rhetorisches Vorbild für Jahrhunderte, den Autor Pausch für eines der »größten Talente auf dem Feld der kunstvollen Beleidigung« hält. Der Politiker und Schriftsteller zähle die »ars invectiva« (»Kunst des Schmähens«) zum scharfen Besteck eines herausragenden Redners. In einer höchst aggressiven und verletzenden Rede spricht Cicero einen politischen Rivalen zum Beispiel mit »o tenebrae, o lutum, o sordes« an, also als »schwarzes Nichts, Stück Kot, Schandfleck«.

Besonders beliebt ist bei den Römern die sexuelle Herabwürdigung. Ziel der Schmach sind vor allem Männer, denen unterstellt wird, im Liebesakt mit einem anderen Mann als »cinaedus« die passive Rolle zu übernehmen. Dieser Vorwurf klebt selbst an Diktator Julius Caesar, den Dichter Catull in einem frivolen Vers mit einem Verweis auf den Gründer Roms eindeutig zweideutig als »cinaede Romule« betitelt.

Catull ist bekannt für seine Vorliebe für Gossenvokabular: Das Werk eines mittlerweile vergessenen Autors ist für ihn etwa eine »cacata carta« (»vollgekacktes Papier«).

Die etwas gesittetere Form des Austeilens beherrscht hingegen Roms größter Dichter Vergil. In seinen »Eklogen« rasiert er die Werke zweier konkurrierender Poeten, indem er spottet: Wer deren Gedichte möge, »der soll auch Füchse vor seinen Wagen spannen und Böcke melken« (»atque idem iungat vulpes et mulgeat hircos«). Soll heißen: ein paar Schrauben sind da schon locker.

In Rom gibt es viele Spielarten der Beleidigung, die wir noch heute kennen: In einer Art Fat Shaming schreibt Cato der Ältere über einen Ritter, er sei zu schwer, um ordentlich ein Pferd zu reiten. Horaz spottet unverhüllt über »olentem Mevium«, den »stinkenden Mevius«.

Auch wenn der derbe Hohn häufig ohne große Konsequenzen bleibt, ist der Adressat der Schmähung doch nicht aus den Augen zu verlieren. Der Redner Asinius Pollio stellt etwa einmal mit Blick auf den künftigen Kaiser Augustus fest: »Es ist nämlich nicht einfach gegen den etwas zu schreiben, der Todesurteile verhängen kann.« (»Non est enim facile in eum scribere qui potest proscribere.«)

Cicero lebt nach eigener Aussage in einer Gesellschaft mit einer besonderen Vorliebe für Schmähungen (»in tam maledica civitate«). In der Antike finden gelungene Formen der verbalen Provokation nämlich durchaus ihre Bewunderer. Tabubrüche gelten nicht nur als negativ.

Die zweitausend Jahre alte Häme steht aktuellen Verhöhnungen in nichts nach. Altphilologe Pausch liefert mit seiner Zusammenstellung auch neue Blickwinkel auf Beleidigungen von heute. Zuweilen ist es bei der Lektüre erschreckend, wie lange bestimmte Arten der Kränkung überdauern. Was einmal als Graffito an einer Wand in Pompeji stand, könnte genauso gut auch heute in sozialen Medien auftauchen. Doch eins sollte man dabei nicht verwechseln: Verachtende »hate speech« ist alles andere als eine »ars invectiva«. dpa

Dennis Pausch: »Virtuose Niedertracht. Die Kunst der Beleidigung in der Antike«, C.H.Beck, 223 S., 22 Euro, ISBN 978-3-406-76623-7

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