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45-Jährige aus dem Kreis Gießen kämpft seit zwei Jahren mit Long Covid

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Von: Stefan Schaal

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Starke Schmerzen und Erschöpfung rauben Shirley Bade den Alltag. Nach zwei Jahren steht die Mutter, die Long Covid hat, vor einem schweren Schritt.

Wettenberg - Es gibt Tage, erzählt Shirley Bade, »an denen könnte ich Bäume aureißen«. Sie trifft dann Freunde, spielt mit ihren Kindern, geht spazieren. An solchen Tagen könnte sie - zumindest für mehrere Stunden - auch in ihrem Beruf als Altenpflegerin arbeiten. »Ich bin wild darauf, etwas zu bewirken«, sagt die 45 Jahre alte Frau aus dem Wettenberger Ortsteil Wißmar (Kreis Gießen). Dass sie indes kurz davorsteht, einen Schwerbehindertenausweis zu beantragen, kommt ihr vor allem an solchen Tagen falsch vor. »Ich ringe noch mit mir«, sagt sie. »Mit dem Antrag«, so empfinde sie, »gebe ich mir selbst den Stempel aus, dass es nicht mehr besser wird.«

Es gibt Tage, da fahren Schmerzen wie tausend Nadelstiche durch Bades Körper, vor allem durch die Beine. Sie rauben der Long-Covid-Patientin jeden klaren Gedanken, zerstören den Alltag. Seit knapp zwei Jahren kämpft die fünffache Mutter und dreifache Großmutter mit den Spätfolgen ihrer Corona-Erkrankung.

Betroffene aus dem Kreis Gießen: „Durch Long Covid sind Rituale ins Wanken geraten“

Die Symptome nach der Covid-Diagnose im Dezember 2020 waren noch vergleichsweise mild. Sie hatte kein Fieber, keine Lungenschmerzen, litt unter Atemnot und Schmerzen in den Beinen und Gelenken. Zwei Wochen später stieg sie wieder als Pflegedienstleiterin in einem Seniorenzentrum in Marburg ein. Allerdings musste sie die Arbeit kurz darauf erneut aufgeben. Die Schmerzen wurden immer schlimmer, der Zustand der Erschöpfung schwerer. Raffte sie sich einmal auf, für ihre Familie morgens den Frühstückstisch zu decken, war die Kraft für den restlichen Tag aufgebraucht.

Es ist ein grauer Herbstmorgen, Bade sitzt in ihrem Wohnzimer, trinkt eine Tasse Salbeitee. »Beste Oma« steht auf ihrer Teetasse. Die Wißmarerin hat fünf Kinder und drei Enkel. »Heute ist ein schlechter Tag«, sagt sie. Gestern, erzählt sie, hätten ihre Schwiegertochter und ihre Enkelkinder sie besucht. »Darüber habe ich mich gefreut. Das ist eigentlich nicht besonders stressig.« Nach zwei Stunden aber sei sie völlig erschöft gewesen. »Die Muskulatur in den Beinen fängt dann an zu zittern. Ich konnte nicht mehr laufen, musste mich hinlegen.«

Krücken lehnen an der Wand. Zusätzlich zur Long-Covid-Erkrankung habe sie sich kürzlich das Sprunggelenk gebrochen, berichtet Shirley Bade.
Krücken lehnen an der Wand. Zusätzlich zur Long-Covid-Erkrankung habe sie sich kürzlich das Sprunggelenk gebrochen, berichtet Shirley Bade. © Stefan Schaal

Bade trinkt einen Schluck Tee, dann deutet sie auf ein Bügelbrett, auf dem noch Wäsche liegt. »Das habe ich diese Woche noch nicht bewältigt bekommen«, sagt sie. Dann fügt sie hinzu: »Früher war ich die tragende Säule der Familie.« Zu Geburtstagen habe sie ganze Nächte verbracht, um Torten und Kuchen zu backen. »Durch meine Long-Covid-Erkrankung sind Rituale ins Wanken geraten.«

Long-Covid-Patientin aus dem Kreis Gießen: Es fehlt die Stabilität

Es ist das dritte Mal in der Zeit ihrer Long-Covid-Erkrankung, dass sich die Wißmarerin mit der Gießener Allgemeinen zum Gespräch trifft. Schrittweise gehe es ihr inzwischen besser, berichtet sie. »Im Gegensatz zum vergangenen Jahr erlebe ich mehr schöne als schlechte Tage. Das macht Hoffnung.«

Für eine Rückkehr in ihr altes Leben fehlt allerdings weiterhin ein wesentlicher Bestandteil: Stabilität. Gleichzeitig zwingen die Schwere der Erkrankung und die Ungewissheit ihrer Gesundheit sie, sich weitreichende Gedanken über ihre Zukunft zu machen. Für eine Frühverrentung sei sie noch viel zu jung, sagt sie. »Mein Kopf funktioniert ja noch, ich bin an vielen Tagen hoch motiviert. Das ist für mich keine Perspektive.«

Die Arbeitsagentur hat im August ein Gutachten ausgestellt, wonach sie bis Februar kommenden Jahres als nicht arbeitsfähig für zumindest drei Stunden am Tag gilt. Sie habe sich geärgert, dass sich das Gutachten allein auf ärztliche Befunde stützt und nicht auch auf ein Gespräch mit ihr, sagt Bade. Das Ergebnis aber, räumt sie ein, sei realistisch.

Beim Seniorenzentrum in Marburg hat sie im Februar dieses Jahres um eine Aufhebung ihres Arbeitsvertrags als Pflegedienstleiterin gebeten. »Sie haben lange auf mich gewartet und mir Zeit gegeben.« Im März habe sie dann in einem Pflegeheim in Reiskirchen (Kreis Gießen) einen neuen Versuch auf Teilzeit unternommen. »Die Geschäftsführung dort war sehr entgegegenkommend, hat mir zum Teil die Arbeit im Homeoffice ermöglicht.«

Kreis Gießen: Tausende haben lange mit Corona-Folgen zu kämpfen

Nach drei Tagen aber sei sie wieder ausgefallen. »Ich hatte solche Schmerzen und ein Schwindelgefühl, ich konnte meine Arme nicht heben, um ein Auto zu steuern, ich musste von der Arbeit abgeholt werden.« Den Versuch im Pflegeheim habe sie abbrechen müssen. Long Covid sei dafür verantwortlich. »Ich habe trotzdem Scham empfunden.«

Fünf bis zehn Prozent aller Covid-Infizierten kämpfen mit Nachwirkungen. Auch im Kreis Gießen haben Tausende Menschen mindestens mehrere Wochen mit Folgeerscheinungen ihrer Corona-Erkrankung zu kämpfen. Und doch spielt Long Covid in der öffentlichen Wahrnehmung eine eher marginale Rolle. Bis August dieses Jahres habe sie im Kontakt mit Behörden das Gefühl gehabt, »dass ich komplett alleingelassen werde«, sagt Bade.

Ein Kardiologe habe ihr einmal gesagt, ihre Schmerzen seien psychisch begründet, sie sei einfach zu sehr gestresst. »Das hat mich erst betroffen und dann wütend gemacht.« Zunehmend aber stoße sie auf Verständnis für ihr Leiden. »Das Gutachten der Arbeitsagentur zeigt: Die nehmen mich ernst und wissen, dass es mir wirklich schlecht geht.«

Kreis Gießen: Trotz zwei Jahren Long Covid die Hoffnung nicht aufgegeben

Am besten fühle sie sich bei ihrem Hausarzt aufgehoben, der ihr hilft, die Symptome zu bekämpfen. »Manchmal, suche ich meinen Arzt auf, wenn mein Herz rast. Dann führt er ein EKG durch, um sicherzustellen, dass es kein Herzinfarkt ist.« Sie wolle nicht ihr Leben lang Neuroleptika nehmen müssen. Unter Einwirkung der starken Schmerzmittel fühle sie sich wie eine Schlafwandlerin.

Die Hoffnung, in der Zukunft wieder in der Pflege zu arbeiten, hat Bade noch nicht aufgegeben. Sie kämpft weiter gegen ihre Erkrankung an. Gleichzeitig ist es nach knapp zwei Jahren vor allem eine Person, die Bades Erkrankung ergründet und studiert: sie selbst. Bade führt ein Schmerztagebuch. Auch ihre Ernährung hat sie umgestellt, sie isst mehr vegan, verzichtet auf Zucker und testet, wie ihr Körper darauf reagiert. Die Umstellung helfe ihr, sagt sie. Auch Physiotherapie tue ihr gut. Bade erklärt: »Ich forsche weiter an mir selbst.« (Stefan Schaal)

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