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Wettenberg will kein Bordell in früherem Hells-Angels-Club

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Von: Steffen Hanak

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Mit einem Zeugenaufruf bei »Aktenzeichen XY« hoffen die Ermittler nach dem Mucuk-Mord auf Hinweise. In Wißmar hofft man auf eine Wohnnutzung des ehemaligen Clubheims der Rocker.

Ein knappes halbes Jahr nach den tödlichen Schüssen auf Aygün Mucuk, den Chef der Gießener Hells Angels (die GAZ berichtete), wenden sich die Ermittler wieder an die Öffentlichkeit: In der morgigen Ausgabe der ZDF-Serie »Aktenzeichen XY« soll sich ein Beitrag dem gewaltsamen Tod des 45-Jährigen widmen. Was ist der Anlass? Nach umfangreichen Ermittlungen des Hessischen Landeskriminalamts und der Staatsanwaltschaft Gießen soll die Waffe, mit der der Rocker erschossen wurde, öffentlich gezeigt werden. Ob es sich dabei um eine Pistole, einen Revolver oder möglicherweise sogar eine Maschinenpistole handelt, wollte Thomas Hauburger, Pressesprecher der Gießener Staatsanwaltschaft, am Montag nicht mitteilen.

Nach Erkenntnissen der Ermittler war Mucuk aus nächster Nähe mit 16 Schüssen regelrecht hingerichtet worden. Mehrere Kugeln trafen seinen Brustkorb. Allerdings wurde die Waffe nicht aufgesetzt. Die Ermittler gehen davon aus, dass der oder die Täter Mucuk in etwa drei bis fünf Meter Entfernung gegenüberstanden, als er in den frühen Morgenstunden des 7. Oktobers vergangenen Jahres auf dem Hof des Wißmarer Clubheims ermordet wurde. Auch zu der Frage, ob es einen oder mehrere Täter gab, wollte sich Hauburger noch nicht äußern.

Nur so viel: Es gebe nach wie vor keinen konkreten Verdacht gegen eine bestimmte Person, und es sei auch noch niemand festgenommen worden. Der Staatsanwalt hofft, dass sich nach der Sendung »eine Vielzahl von Zeugen meldet und sich neue Ermittlungsansätze ergeben«. Ob eine Belohnung für Hinweise auf den oder die Täter ausgesetzt wird, ließ Hauburger ebenfalls offen.

Existiert Gießener »Charter« noch?

Rätselraten herrscht auch noch beim Motiv für den Mord: War es ein Streit innerhalb des Gießener »Charters«, an dessen Spitze Mucuk stand? Oder spielten doch Rivalitäten zwischen den alteingesessenen Hells Angels aus Frankfurt und den türkisch geprägten Hells Angels aus Gießen eine Rolle? Auslöser soll ein Streit um Einnahmen aus dem Rotlichtmilieu gewesen sein. Dieser Streit eskalierte, als Mucuk gegen den Willen »der Frankfurter« 2014 eine eigene Ortsgruppe in Gießen gründen wollte und dies im November desselben Jahres auch umsetzte.

In der Folge kam es zu mehreren gewalttätigen Auseinandersetzungen: Bereits im Juli 2014 wurden bei einer Schießerei vor einem Frankfurter Club insgesamt fünf Personen verletzt. Auch Mucuk, der als Anführer der türkischen Strömung galt, erlitt einen Schuss in den Oberkörper. Am Himmelfahrtstag 2016 fielen auf einem belebten Platz in der Frankfurter Innenstadt ebenfalls Schüsse: Zwei Männer wurden schwer verletzt. Hintergrund dieser blutigen Rocker-Fehde war nach einer früheren Einschätzung der Ermittler ein Streit zwischen Frankfurter Hells Angels und einem hinausgeworfenen Mitglied, das mit den Gießener Rockern in Verbindung stand. Hauburger wollte dies nicht kommentieren. »Wir ermitteln innerhalb und außerhalb des Rockermilieus.«

Existiert das Gießener »Charter« seit Mucuks Tod überhaupt noch? Wie bereits berichtet, haben die Rocker zumindest das Clubheim in Wißmar geräumt. Sämtliche großformatigen Schilder mit Schriftzügen wie »Hells Angels Gießen« wurden entfernt. »Auflösungserscheinungen« habe die Polizei bei den heimischen Rockern allerdings noch nicht feststellen können, sagte Jörg Reinemer, Pressesprecher des Präsidiums Mittelhessen, am Montag. Immerhin sei die Lage in puncto Rockerkriminalität im Bereich Gießen gegenwärtig »eher ruhig«.

Auch gebe es keine Hinweise darauf, dass andere Rockergruppierungen – etwa die Bandidos – versuchten, ein mögliches Machtvakuum vor Ort auszunutzen. »Wir beobachten die Lage zusammen mit den Ermittlern des Landeskriminalamtes dennoch ganz genau«, sagte Reinemer.

Und wie geht man in Wettenberg mit der prominenten Immobilie um? Bürgermeister Thomas Brunner hofft, dass sich nach Mucuks Tod »die Dinge normalisieren«. Es gebe Hinweise, dass die Eigentümer des Gebäudes an einer Wohnnutzung interessiert seien. Das würde die Kommune auch begrüßen, sagte Brunner. Sowohl die Bauaufsicht beim Landkreis als auch die Kommune würden für eine erneute Nutzung als Bordell – wie in den Jahren vor 2014 – keine Genehmigung erteilen, betonte der Bürgermeister.

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