+
Mit seiner Familie lebt Bernd Keßler (2.v.l.) bei Vancouver. Eine 30 Jahre alte Tochter lebt in Calgary.

Lebenskünstler

Warum Bernd Keßler aus Launsbach einst in den Wilden Westen zog

  • schließen

Bernd Keßler zog in den 70er Jahren als Kind mit seiner Familie aus Launsbach nach Kanada. Sein Vater gründete dort eine Ranch. Heute lebt 58-Jährige Lebenskünstler in Vancouver.

Schneeflocken treiben durch die kalte Luft. Auf einer einsamen Landstraße bei Calgary im Südwesten Kanadas muss Bernd Keßler anhalten. Sein Transporter, ein Van der Marke Dodge, hat einen Platten. Er steigt aus dem Auto, setzt den Wagenheber an und kurbelt. Dann passiert es: Der Wagenheber hält nicht, der Van kippt nach unten, und das gesamte Gewicht des Transporters landet auf Keßlers linkem Arm. Mitten im Schneegestöber liegt der Launsbacher, er ist damals Mitte 20, er brüllt vor Schmerzen und kann seinen Arm nicht befreien, allein und 7500 Kilometer von der Heimat entfernt.

Bernd Keßler arbeitet in Vancouver als Hausmeister an einer Grundschule.

30 Jahre ist der Unfall jetzt her. Keßler lebt heute mit seiner Frau Stacey, zwei Kindern und einem Pflegesohn bei Vancouver. Im Haus wohnt außerdem eine 31 Jahre alte Frau mit Behinderung, die die Familie aufgenommen hat. Auch ein Hund und eine Katze leben hier. In Keßlers Haus herrscht das pralle Leben. Mit seinem grauen Vollbart, räumt der Launsbacher selbst ein, erinnert er etwas an Buffalo Bill. Der 58-Jährige, der als Hausmeister an einer Grundschule in Vancouver arbeitet, spricht mit einem leichten kanadisch-amerikanischen Akzent und erzählt aus seinem bewegten Leben. Immer wieder lacht er dabei auf. Schnell wird klar: Er ist keiner, der mit Schicksalsschlägen hadert. Höchstens mit sich selbst. "Ich bin ein sehr fauler Mensch", sagt er mit entwaffnender Ehrlichkeit.

Als DJ arbeitete Bernd Keßler für eine Radiostation in Calgary.

Ein Gefühl allerdings beschäftigt ihn: Heimweh. Im vergangenen Sommer hat er mit seiner Familie Launsbach besucht, seine Frau und die Kinder waren zum ersten Mal in seiner alten Heimat. Sie sind durch den Wald bis zur "Napoleonsnase" spaziert, wo Keßler aufgewachsen ist, und haben ins Lahntal geblickt. Sie waren außerdem auf Spurensuche an der Burg Nordeck, wo er eine Zeitlang zur Schule gegangen ist. Und sie sind durch das Menschengewühl des Gießener Stadtfests gelaufen. Keßler hat im Seltersweg zudem einen früheren Schulkameraden besucht, der dort heute ein Modegeschäft führt. "Es war schön, auch wieder deutsch zu sprechen", sagt er und fügt lächelnd hinzu: "Das ist schon anstrengender als Englisch. Mit hat danach der Kiefer wehgetan." Keßler gerät ins Schwärmen: "Ach, Jägerschnitzel, Grüne Soße." Es seien aber keine äußerlichen Dinge, die er so sehr vermisse. "Bei dem Heimatbesuch hatte ich einfach das Gefühl: Hier gehöre ich her."

Vancouver

Den Kontakt zur Heimat hält er über zwei Cousins, eine Cousine, eine Stiefoma und weitere Verwandte, die im Kreis Gießen leben. Täglich verfolgt Keßler außerdem die "Hessenschau", kürzlich hat er das Buch "Eulenkopf" von Charly Weller gelesen. "Ich weiß jeden Morgen, was bei euch auf dem Gießener Ring los ist", sagt er. Im Radio höre er auf hr-info immer die Verkehrsmeldungen.

Im vergangenen Sommer war er auf Spurensuche an der Burg Nordeck, wo er als Kind eine Zeitlang zur Schule gegangen ist.

Mitte der 70er Jahre beschließen seine Eltern, Launsbach zu verlassen. Sein Vater Kurt, der damals ein Geschäft für Klimatechnik in Gießen führt, verfolgt den Traum vom Wilden Westen und vom großen Abenteuer, will wie die Cartwrights in der Serie "Bonanza" eine eigene Ranch auf die Beine stellen. Er gründet in Calgary eine Farm mit Rindern und Pferden, zwei große Buchstaben zieren den Eingang: "2K" - nach den Initialen des Vaters, KK. "Mein Bruder und ich wurden nicht gefragt, ob wir nach Kanada auswandern wollen", sagt Bernd Keßler. "Wir wollten nicht weg." Er habe sich gefühlt wie ein Fisch, der aus dem Wasser gezogen wird.

Die Ranch ist nicht Bernds Welt. Kaum ist er 18, zieht er von zu Hause aus, in eine eigene Wohnung in Calgary. Eine Weile schlägt er sich als Friseur durchs Leben. Er arbeitet bei einem Radiosender und legt Platten auf, auch in einem Nachtclub in Calgary ist er als DJ tätig. Als Musiker schließt er sich einer Band an, er spielt Gitarre in der Punk-Rock-Gruppe "Age of Reason". Die Zeit in der Band habe Spaß gemacht, erzählt Keßler. "Talent brauchte man dafür nicht."

"Ich lächle nicht. Außer wenn ich muss"

Einem lokalen Magazin erzählen die vier Musiker damals, sie seien stolz darauf, dass sich ihre Stücke immer wieder anders anhören. Sie seien überzeugt, dass die meisten anderen Bands es mit dem Üben und Proben übertreiben. Ihren Musikstil beschreiben sie als "Nervenzusammenbruch". Keßler erzählt im Interview mit der kanadischen Zeitschrift damals mit Augenzwinkern und trockenem Humor, er verabscheue es, sich dem System als Sklave unterzuordnen. "Ich lächle nicht. Außer wenn ich muss."

In dieser Zeit als Gitarrist verunglückt er mit dem Bus der Band im Schneegestöber auf einer Landstraße bei Calgary. Nur wenige Augenblicke, nachdem der Van auf seinen Arm gekippt ist, hört Keßler Motorengeräusche. Ein Abschleppwagen naht - für den Launsbacher ist es die Rettung seines Lebens. Heute spricht er von einem "Miracle", einem Wunder. Der Arm ist inzwischen zu 95 Prozent wiederhergestellt. Der Traum, Musik zu spielen, war allerdings vorbei.

Der Bruder ist das "Brain"

Keßler war in seinem Leben Friseur und Gitarrist, heute ist er als Hausmeister tätig. Vor allem aber ist er ein Lebenskünstler. Nach dem Unfall denkt er darüber nach, in die Heimat zurückzukehren. Doch er verliebt sich und gründet eine Familie. "Ach", sagt er. "Die Jahre gehen so schnell vorbei." Für einen Moment lässt er wieder das Heimweh durchblicken.

Sein Bruder Dirk lebt in San Francisco, hat als Computer-Ingenieur schon für Apple gearbeitet und in Japan gemeinsam mit Steve Jobs auf der Bühne eine App vorgestellt. Bernd Keßler nennt ihn das "Brain" der Familie. "Wir unterhalten uns regelmäßig, wir haben ein gutes Verhältnis."

"Familie ist das wichtigste"

Bei allem Heimweh und trotz Schicksalsschlägen wirkt Bernd Keßler glücklich. Als Hausmeister an der Grundschule sei er eine Art Vorarbeiter. "Geht ein Fenster kaputt oder fällt die Heizung aus, dann werde ich informiert. Ich beauftrage dann die entsprechenden Handwerker." Stress gehe er aus dem Weg. "Uns geht es sehr gut", hält er weiter fest. "Familie ist das wichtigste", sagt er dann. In zwei Jahren werde er 60 Jahre alt. Das werde er groß feiern. "Am liebsten in der alten Heimat im Kreis Gießen."

Quelle: Gießener Allgemeine

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare