Das Krofdorfer Unikum und der Zoff in Konstanz

Was haben wir mit diesem Herrn schon unsere Freude gehabt in den vergangenen zwei, drei Jahrzehnten. Mit ihm als witzigem Clown und wortstarkem Autor, als sensiblem Linken und unnachgiebigem Jurist, als grünem Kreispolitiker und als avantgardistischem Theatermann. Christoph Nix *), der unruhige Tausendsassa, stammt von der Dill, reifte im Gießener Land, wurzelte in Krofdorf-Gleiberg, war und ist gleichwohl bislang viel "auswärts" zu Hause.

Aktuell, wie mehrfach berichtet, verdingt er sich in Konstanz am Bodensee als überaus erfolgreicher Intendant (sowie – siehe Foto – hin und wieder als "Tatort"-Komparse bei Eva Mattes).

Unlängst machte er wieder einmal bundesweit Schlagzeilen, weil ihm sein Dienstherr, der für Kultur zuständige Bürgermeister von Konstanz, eine Art Maulkorb verpasste. Dem Politik-Ressort der "Süddeutschen Zeitung" war dies Anfang August so viel wert, dass es daraus einen Beitrag in der Rubrik "Profil" machte. Dabei kommt der mittlerweile 60-jährige "Bub aus Oberhessen" gut weg. Anlass für die Schelte aus dem Rathaus: Die Stadtspitze fühlt sich beleidigt vom "Trojaner", einem von Nix herausgegebenen Heft. Alle drei gewählten Bürgermeister bedienten nur eine "Repräsentationskultur" und betrieben Politik ohne Inhalt, schreibt darin unter Pseudonym ein Autor, der nur Nix heißen kann. Wer den Artikel ganz lesen will: Die Kollegen in München haben ihn online gestellt unter www.sueddeutsche.de/politik/profil-christoph-nix-1.2597595. Nur zu: Die Abhandlung hat viele Klicks verdient.

Hier bei uns schreibt der Teilzeit-Krofdorfer unmittelbar. Titel seines hier ungekürzten Artikels: "Über das ungeheure Glück eines Theaterintendanten am Bodensee". (no)

Wir dürfen Theater spielen, wo andere Urlaub machen. Segelboote sind auf dem Wasser. Touristen eilen über den Marktplatz. Die Badestrände sind voller Menschen und in der Nachbarstadt Überlingen haben wir gerade Shakespeares Sommernachtstraum gespielt. Die Auslastung liegt bei 96 Prozent, obwohl der lokale Kritiker das Stück völlig verrissen hat. Wir sind autonom. Die jungen Schauspielschüler aus Bern und Frankfurt sind wieder abgereist. Es war schön hier, ruft mir einer der jungen Leute zu: Wollen sie wirklich weg?

Seine Worte haben mich nachdenklich gemacht. Vor 24 Jahren habe ich am Berliner Ensemble angefangen. Ganz unten in der Theaterhierarchie, habe Notizen geschrieben und Kaffee gekocht, Peter Palitzsch einen Tee gebracht, Fritz Marquardt von zu Hause abgeholt und Barbara Brecht-Schall die Tür aufgehalten. Ich war glücklich. Hätte die Theaterfee damals gemutmaßt, ich würde einmal Direktor am ältesten Theater Europas und würde auch noch segeln dürfen, hätte ich sie ausgelacht.

Als Brecht 1946 von der Schweiz aus nach Konstanz kam, fand er die Stadt noch langweilig, die Menschen trübe, aber das Bier ganz gut. 60 Jahre später spielen wir jedes Jahr ein Stück von ihm, selbst ein unbekanntes Werk, wie die "Rundköpfe und die Spitzköpfe" sind ein Publikumserfolg. Das Theater hat in der letzten Saison 106.000 Zuschauer. Vor meiner Zeit lag die Zahl bei etwa 70.000. Das ist unvorstellbar, leben doch nur 86.000 Menschen in der Stadt.

In keiner anderen Theaterstadt der Welt, habe ich soviel begeisterte Zuschauer erlebt. Mehr noch, nachdem anfangs im Spielplan auch "Ladys Night" und die Komödie "Außer Kontrolle" auf dem Plan stand, haben die Abonnenten gesagt: Sie dürfen ruhig mutiger sein hier, das ist nicht Nordhessen, das ist das wilde badische Land. So sind wir mutiger geworden. Wir haben eine Spielzeit nur russische Autoren auf die Bühne gebracht und sind auf 96.000 Zuschauer abgesackt.

Wir hatten Glück. Wir haben immer den Haushalt eingehalten und dennoch die Gagen erhöht, wir haben 28 Premieren gespielt und das Ensemble vergrößert und es ist nichts Böses geschehen.

Wir haben weiter gemacht, die Region erobert, eine Oper auf den Schweizer Bergen in 2700 Meter Höhe gespielt, das Überlinger Flugzeugunglück dramatisiert und in den Clubs spielen derzeit 160 Laien aus Konstanz. Wir sind nicht einmal auf die Idee gekommen, es Bürgertheater zu nennen, wir mussten uns nicht verkaufen. Aber wir wissen, wir haben einen harten Kern von Sympathisanten in der Stadt und deshalb haben wir angefangen Afrikaner nach Konstanz zu holen.

Theatergruppen aus Togo und Malawi sind eingetroffen und haben im Ensemble gespielt, fest engagiert waren junge Nigerianer und Togoer. Das Wunder ist, alle finden das völlig normal. Jetzt also war es Zeit auch in Burundi Land zu kaufen und Geld zusammenzutragen, damit dort ein eigenes Theater entstehen kann, aber dann kam der Bürgerkrieg.

Am Theater in Konstanz, das seit 1606 durch alle Krisen und Kriege lückenlos einen Spielplan durch die Geschichte vorzuweisen hat, gibt es jetzt das "Cafe Mondial," zweimal im Monat ein Ort für die Flüchtlinge, an dem gespielt und gesungen wird, in den Sprachen dieser Welt. All dies ist möglich an einem Stadttheater, weil die 156 Theater in Deutschland mehr oder weniger großzügig von Stadt und Land getragen werden. In Konstanz ist das bescheiden, junge Schauspieler verdienen 1800 Euro im Monat und der Direktor hat das Nettogehalt eines Oberstudiendirektors.

Jetzt aber liegt das Theater im Sommerschlaf. Das Personal ist ausgeflogen. 45 Tage lang haben alle frei, das sagt der Tarifvertrag, nur im Bühnenhaus ist eine Fremdfirma und baut zum ersten Mal nach 410 Jahren ein Hubpodium ein. Darin wird der Hades verortet werden, die moderne Hölle, aus der Orpheus seine Eurydike holen wird. Andrej Woron, der einmal Regisseur des Jahres 1996 war, wird das alles inszenieren.

Der Oberbürgermeister der Stadt, die vor 600 Jahren den Jan Huss in die Flammen schickte, hat allerdings arbeitsrechtliche Schritte gegen den Intendanten angekündigt. Andrej Woron, der Pole lacht darüber. Wir hingegen sind gespannt, welche Bilder der Hölle Herr Woron uns am Bodensee malen wird. Die Hölle ist anderswo, sagen uns die Syrischen Flüchtlinge im "Cafe Mondial", und der Intendant denkt an ein Wort von Jean Paul Sartre: Die Hölle sind wir selbst.

Es bleibt ein Geschenk, Intendant in Deutschland zu sein und aus der Hölle hinweg segeln zu können. Wenn man es will.

*) Christoph Nix, Prof. Dr. jur., ist Hochschullehrer an der Universität in Bremen und Intendant am Theater Konstanz. An der Universität in Bern hat er gerade über Theater und Kulturpolitik promoviert.

Quelle: Gießener Allgemeine

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