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Ukraine-Hilfe in Staufenberg: Einer sicheren Zuflucht entgegen

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Von: Gabriele Krämer

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Ein gemeinnütziger Verein bringt über 1000 flüchtende Menschen aus der Ukraine bei Privatpersonen unter. Quartiere gibt es auch im Gießener Land. Maßgeblich beteiligt sind zwei Staufenberger.

Der nächste Bus ab Ternopil ist schon gebucht - er soll am 16. Dezember in Richtung Gießen losfahren und Flüchtlinge aus den kriegsversehrten Gegenden der Ukraine in Sicherheit bringen. »Die Familien sitzen teilweise seit Tagen in bitterkalten Wohnungen ohne Strom«, berichtet Mathias »Schnack« Krug von den katastrophalen Zuständen in der vom russischen Angriffskrieg zerstörten südukrainischen Großstadt. Selbst die Organisation des inzwischen 23. Hilfstransportes dieser Art ist für den Staufenberger und seine Mitstreiter keineswegs Routine.

»Lift Ukraine e. V.« ist im Grunde längst das alles beherrschende Thema in seinem Privatleben: Krug, beruflich im Sondermaschinenbau tätig, ist Mitbegründer dieses gemeinnützigen Vereins.

Auf die Idee, sich für ukrainische Flüchtlinge zu engagieren, war er an einem Abend Anfang März bei einem Abendessen mit zwei Freunden gekommen: Christine Krause und Cord von Lewinski leben und arbeiten heute in Frankfurt - der Kontakt zu Krug hat auch die gemeinsam abgelegt Abi-Prüfung 1996 an der Gießener Liebigschule überdauert. Nun aber sahen sie unfassbare Bilder von panisch fliehenden Familien in der Ukraine über den Fernseher flimmern - und waren fassungslos. Zunächst.

»Wir müssen was tun«, war die spontane Übereinkunft der drei. »Anfangs haben wir völlig planlos telefoniert. Sie haben nur gesagt: ›Holt zuerst Frauen mit kleinen Kindern raus‹«, erinnert sich der 46-Jährige gegenüber dieser Zeitung an erste Kontakte zu Helfern, die in ähnlicher Mission unterwegs waren.

Kurzerhand unternahmen die drei Freunde, was notwendig war: von Lewinski charterte den ersten Bus in Polen, unweit der Grenze. »Wir haben an Bahnhöfen gehalten, von denen wir seitens der Caritas wussten, dass viele Frauen und Kinder in der Kälte auf dem Bahnsteig sitzen und nicht weiter wissen. Dort haben wir Hilfe angeboten, und dann sind wildfremde Menschen in den Bus eingestiegen, erinnert sich Krug.

Im Bus gab es für die Ukrainer, was sie schon Tage und Wochen entbehrt hatten: Lebensmittel, Windeln, eine funktionierende Toilette und Ruhe. Genau für die Dauer der Rückfahrt hatten die drei Freunde Zeit, für jeden einzelnen ihrer Passagiere die passende Unterkunft aus einem zuvor aufgebauten Pool an Quartieren zu finden - denn:

Von Anfang an war geplant, die Menschen direkt bei Privatpersonen mit gleichaltrigen Kindern unterzubringen, damit völlig übermüdete Mütter mit ihren Kindern nicht in eine bereits überfüllte Turnhalle kommen. Stattdessen haben private Gastfamilien und deren Kinder den Flüchtlingen ab Ankunft geholfen anzukommen, sich zu integrieren und die erlebten Kriegseindrücke schneller zu verarbeiten.

Logischer Schritt war bald die Gründung von »Lift Ukraine«. »Inzwischen haben wir über 1000 Frauen und Kinder abgeholt und untergebracht«, resümiert Krug. Von Lewinski ist inzwischen Experte für das Chartern von Bussen sowie deren Versorgung mit Lebensmitteln, Hilfsgütern und Dokumenten für die Grenzüberquerungen: 22 Busse hat er bereits »rübergeschickt«.

»Lift Ukraine« ist gut mit anderen Organisationen vernetzt. Man hat Zugriff auf Datenbanken mit Unterkünften. Längst ist ein gewaltiges Netzwerk entstanden: Von Hamburg bis an den Bodensee haben Unternehmen ihre Kantinen inkl. Verpflegung zur Verfügung gestellt. Irgendwo müssen die Flüchtlinge ja ankommen und in Ruhe ihren Gastgebern vorgestellt werden. Jeder potenzielle Gastgeber wird dafür im Vorfeld von unterschiedlichen Stellen strukturiert geprüft und verifiziert. Extra geschulte Call-Center helfen dabei.

Der Verein arbeitet ausschließlich mit ehrenamtlichen Helfern und ist auf Spenden angewiesen, um die Bustransfers aus einem Flüchtlingslager in Ternopil/Ukraine zu finanzieren. Allein die Kosten für Fahrzeugmiete, Sprit etc. schlagen mit 5000 bis 6000 Euro je Fahrt zu Buche. »Auf der anderen Seite hilft man bei 50 Flüchtlingen pro Bus mit nur 100 Euro einem Menschen in Sicherheit und beim Neuanfang in einem sicheren und unterstützenden familiären Umfeld«, so von Lewinski. Mit Spenden wird auch die Unterkunft des Partners in der Ukraine, der Stiftung Ternopil unterstützt.

Einer, der sich bei »Lift Ukraine« persönlich mächtig ins Zeug legt, ist der Staufenberger Sven Lenz. »Er macht einen unglaublichen Job«, unterstreicht Krug. Am Wochenende erst war Lenz wieder auf Achse, um Hilfsgüter nach Ternopil zu bringen. »Wir sind ganz stolz: Wir haben jetzt auch eine Trafostation rübergebracht«, hatte er zuvor gegenüber dieser Zeitung bekundet. Mit den Spendengeldern werden auch Lebensmittellieferungen zu Familien finanziert, die gerade von der normalen Versorgung abgeschnitten sind. Kurios bleibt, dass die beiden Staufenberger sich erst im Rahmen des Projektes kennenlernten: Lenz arbeitete als freiwilliger Helfer in einem Flüchtlingslager an der ukrainischen Grenze und wurde dabei von »Lift Ukraine« angefragt, ob vor Ort notleidende Frauen und Kinder sind, die dringend eine Unterkunft brauchen. Im weiteren Gespräch stellten Lenz und Krug fest, dass sie im Privatleben fast Nachbarn sind.

Weil Lenz am Wochenende also zum x-ten Male abermals in humanitärer Angelegenheit in der Ukraine war, »verpasste er die Ankunft des jüngsten Bustransportes, diesmal nach Staufenberg: Das Mainzlarer Werk von RHI Magnesita hatte seine Kantine zur Verfügung gestellt, damit die Neuankömmlinge dort versorgt werden können. Rewe in Staufenberg spendete Süßwaren, RHI Magnesita finanzierte überdies Spielzeuge für jedes ankommende Kind. »Nachahmer« (siehe Kasten) sind willkommen. Der nächste Bus ist gebucht, da Temperaturen sowie Stromversorgung in einigen Regionen immer weiter absinken. FOTO: PM

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